Der Diktator oder Mr. Parham wird allmächtig (Roman). H. G. Wells

Der Diktator oder Mr. Parham wird allmächtig (Roman) - H. G. Wells


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H. G. Wells DER DIKTATOR oder Mr. Parham wird allmächtig ERSTES BUCH Eine hoffnungsvolle Freundschaft

      1

      Mr. Parham und Sir Bussy Woodcock

      Einige Zeit hindurch war Mr. Parham dem Gedanken, einer spiritistischen Sitzung beizuwohnen, wozu Sir Bussy Woodcock ihn aufgefordert hatte, in stärkstem Maße abgeneigt.

      Mr. Parham wollte mit Spiritismus nichts zu schaffen haben. Gleichzeitig aber wollte er seine Beziehungen zu Sir Bussy Woodcock nicht lockern.

      Sir Bussy Woodcock war einer jener ungebildeten Plutokraten, deren Umgang Männer von überragender Intelligenz heutzutage pflegen müssen, wenn sie nur den geringsten Ehrgeiz in sich verspüren, beim Schauspiel des Lebens mehr zu sein als bloße Zuschauer. Reiche Abenteuer solcher Art sind unter den heutigen Bedingungen die notwendigen Vermittler zwischen edlem Denken und gemeiner Wirklichkeit. Die Notwendigkeit einer so schwierigen und dabei so entwürdigenden Vermittlung ist bedauerlich, doch scheint sie in dieser unerklärlichen Welt nun einmal zu bestehen. Der Denker und der Mann der Tat sind einander nötig – zumindest scheint der Denker ihres Zusammenwirkens zu bedürfen. Sowohl Plato wie auch Konfuzius oder Machiavelli mußten sich einen Fürsten suchen. Heutzutage, da Fürsten auf schwachen Beinen stehen, müssen Denker sich an reiche Leute halten.

      Es ist schwer, reiche Leute zu finden, die für geistige Bestrebungen etwas übrig haben, und hat man sie gefunden, so sind sie zumeist recht störrisch. An Sir Bussy zum Beispiel gab es so manches, was ein Mensch von hoher Geistigkeit kaum ertragen hätte, wenn ihm nicht die wunderbarste Selbstbeherrschung eigen gewesen wäre. Sir Bussy war ein kleiner Mann mit rotem, sommersprossigem Gesicht, einer hochgestülpten Nase, wie man sie heute so häufig findet, und einem Mund, der einer aufs Geratewohl ins Gesicht gesetzten Schmarre glich; er war untersetzt, was einen Menschen von hohem, schlankem Wuchs an und für sich schon unangenehm berühren muß, und er bewegte sich mit einer Lebhaftigkeit und Hast, die einem oft auf die Nerven fiel und jederzeit bewies, daß Sir Bussy gewisse, einem kultivierten Geiste unerläßliche Hemmungen völlig fehlten. Sein ganzes Gehaben hatte etwas Gieriges. Wenn man mit ihm sprach, schwätzte er mitten in eine wohlangebrachte Pause hinein, und Mr. Parham, der es lange Zeit hindurch gewohnt gewesen war, zu stummen Studenten zu sprechen, hatte nichts so trefflich gelernt wie die wohlüberlegte Anbringung von Pausen inmitten der Rede. Ein gut Teil seiner Besonderheit ging verloren, wenn man Mr. Parham das bedeutsame Schweigen inmitten des Gesprächs unmöglich machte. Doch Sir Bussy besaß kein Verständnis für dies bedeutsame Schweigen. Wann immer man bedeutsam schwieg, pflegte er auf eine sozusagen verheerende Art und Weise den Mund zu einem hastigen »Was wollten Sie sagen?« aufzutun. Und sein Lieblingswort war »Nu!« Er sagte es unaufhörlich, in mannigfachstem Tonfall und schien sich damit niemals an irgend eine bestimmte Person zu wenden. Das Wort bedeutete nichts oder konnte, was weit ärgerlicher war, alles bedeuten.

      Der Kerl war von niedriger Herkunft. Sein Vater war Hansomkutscher in London gewesen, seine Mutter Pflegerin in einer Lungenheilanstalt zu Hampstead – der Vorname »Bussy« ging auf einen interessanten jungen Mann unter ihren ehemaligen Patienten zurück; und der Sohn der beiden hatte, im Alter von vierzehn Jahren bereits von Ehrgeiz erfüllt, einen recht anstrengenden Fortbildungskurs mit der tagfüllenden Arbeit bei dem geschwätzigen Inhaber eines Annoncenbüros vertauscht, weil, wie er sagte, »dies andere Zeug keinerlei Zweck hatte«. Das »andere Zeug« war, muß man wissen, Wordsworth, die Reformation, Morphologie der Pflanzen und National-Ökonomie, dargestellt durch blasierte und ein wenig dunkel spöttische junge Herren von den Universitäten.

      Tolerant, weitherzig und von dem Wunsche erfüllt, durchaus modern zu sein, war Mr. Parham stets bemüht, diese Tatsachen zu vergessen. Er vergaß sie niemals wirklich, doch so oft er mit Sir Bussy zusammen war, versuchte er, es zu tun. Sir Bussys Aufstieg von solchen Anfängen zu Reichtum und Macht war eine der zahllosen märchenhaften Geschichten aus dem modernen Geschäftsleben. Mr. Parham ließ es sich angelegen sein, so wenig wie möglich darüber zu wissen.

      Der Mann war nun einmal da. In knapp einem Vierteljahrhundert, während welcher Zeit Mr. Parham sich hauptsächlich mit unvergänglichen Dingen beschäftigt und Prüfungsarbeiten darüber durchgesehen hatte, war Sir Bussy zum Beherrscher einer reichen Fülle vergänglicher, aber greifbarer Phänomene geworden; zu diesen zählte ein großes Annoncenunternehmen, ein wichtiger Teil des Kleinhandels mit Lebensmitteln, eine Gruppe von Hotels, Plantagen in den Tropen, Kinos und noch so manches andere, wovon Mr. Parham nicht eigentlich Kenntnis, wohl aber eine gefühlsmäßige Ahnung hatte. Über diese kurzlebigen Erscheinungen gebot Sir Bussy während jener Stunden seiner Tage, die er nicht dem geselligen Leben widmete; auch wurde er gelegentlich um ihretwillen inmitten einer Gesellschaft ans Telephon gerufen oder führte im Flüstertone Privatgespräche mit jungen Leuten, die plötzlich, man wußte nicht woher, auftauchten. Infolge dieser Tätigkeit, die Mr. Parham stets recht dunkel blieb, lebte Sir Bussy, umgeben von einer Schar gehorsamer und unterwürfiger Menschen, so behaglich und luxuriös, daß ein schwächerer oder gemeinerer Geist als der Mr. Parhams davon völlig überwältigt worden wäre. Erschien er nachts in einer Haustür, so tauchten wunderbarerweise sofort etliche Chauffeure aus der Dunkelheit auf und standen, die Hand grüßend an der Mütze, vor ihm; er sagte »Nu!« und machte damit auf die allerfeinsten Bedienten Eindruck. In einer lichtvolleren Welt hätte es anders sein können, in dieser aber galt Mr. Parham den Chauffeuren des Sir Bussy offenkundig als ein unnützes Menschenwesen, das mit sich herumzuschleppen Sir Bussy Vergnügen machte, und wenn auch die Dienerschaft in Buntincombe, im Carfex House, Marmion House sowie in The Hangar Mr. Parham als Gentleman behandelte, so tat sie das doch sichtlich mehr infolge ihrer guten Erziehung, als weil sie ihn für einen solchen hielt. Immer wieder empfand man Sir Bussy als Wunder. Er konnte einer Unzahl von Menschen Befehle erteilen, doch war es Mr. Parham durchaus klar, daß er im Grunde keineswegs wußte, was er von den Leuten wollte. Aber er erteilte ihnen jedenfalls Befehle. Es war nur natürlich, daß Mr. Parham dachte: »Wenn ich so viel Macht besäße wie er, würde ich Erstaunliches leisten.«

      Zum Beispiel hätte Sir Bussy Geschichte machen können.

      Mr. Parham hatte sich sein ganzes Leben hindurch mit Geschichte und Philosophie befaßt. Er hatte mehrere historische Studien geschrieben – hauptsächlich über Richelieu und dessen Zeit, wobei er tiefer in die Eigenart Richelieus eingedrungen war als irgend ein Historiker vor ihm; er hatte Sonder-Geschichtskurse abgehalten; er hatte der Welt einen Band Essays geschenkt; er war Chefredakteur der populären Zeitschrift »Philosophy of History« und schrieb kritische Abhandlungen über die Arbeiten bedeutender Gelehrter, Abhandlungen, die – mitunter zu seinem Leidwesen zusammengestrichen und verstümmelt – im Empire, dem Weekly Philosopher und der Georgian Review erschienen. Niemand vermochte einer neuen Idee, die Form anzunehmen versuchte, so schneidig und dabei liebenswürdig den Garaus zu machen wie Mr. Parham. Und da er die Geschichte und die Philosophie so sehr liebte, war es ihm eine Qual, fühlen zu müssen, wie schlecht die Verworrenheit unserer Zeit zu dem paßte, was als Geschichtswissenschaft oder als reine Philosophie bezeichnet wird. Der Weltkrieg war ein Stück Geschichte, das sah er ein, wenn auch ein sehr klumpiges, rohes und widerspenstiges, und die Konferenz von Versailles war ebenfalls Geschichte – Geschichte in noch weiter fortgeschrittener Entartung. Man konnte diese Konferenz immerhin noch als einen Wettstreit zwischen dieser und jener Macht hinstellen, konnte von einem Kampf um die »Vorherrschaft« sprechen und die »Staatskunst« dieses oder jenes Menschen oder auswärtigen Amtes mit subtiler Logik auslegen.

      Von 1919 an jedoch wurde alles fortschreitend schlimmer. Personen und Ereignisse verloren in immer stärkerem Maße jegliche Bedeutung. Sinnlosigkeit, eine Verwirrung aller Werte machte sich im Fluß der Geschehnisse geltend. Da war zum Beispiel Mr. Lloyd George. Wie sollte man einen derartigen Mann behandeln? Nach einem Höhepunkt von der Art der Versailler Konferenz hat eine geschichtliche Persönlichkeit ihre Laufbahn zu beenden und die Historiker ans Werk schreiten zu lassen, wie es Woodrow Wilson ja auch wirklich getan hatte, und vor ihm Lincoln, Sulla, Cäsar oder Alexander. Geschichtliche Persönlichkeiten haben einen Höhepunkt zu erreichen und sich dann sozusagen abzurunden, unangenehme Tatsachen müssen Stück für Stück von ihnen abfallen, so daß man sie allmählich mit immer größerer Sicherheit historisch auffassen kann. Die Wirklichkeit der Geschichte bricht dann eben durch den ganz oberflächlichen äußeren Schein hindurch; die Logik der Ereignisse tritt zu Tage.

      Wo aber waren nun die Machtfaktoren?


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