Sportsozialarbeit. Heiko Löwenstein
Gut zu wissen – gut zu merken
Sport als gesellschaftliches Teilsystem unterliegt in seiner Bedeutung und Ausprägung einem stetigen Wandel, der stark von gesellschaftlichen und politischen Veränderungen geprägt wird. Sport im Kontext von Sozialer Arbeit orientiert sich an einem weiten Sportverständnis und nimmt die gesellschaftliche Bedeutung und sozialen Ziele von Sport in den Blick. Die Ausdifferenzierung des Sports führte zu unterschiedlichen Organisationsformen. Im organsierten Sport, dem Schulsport, dem informellen Sport und dem kommerziellen Sport können Anknüpfungspunkte für die Sportsozialarbeit gesehen werden.
Der organisierte Sport widmet sich sozialen Herausforderungen, die auch in der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle einnehmen, hier sind u. a. Bildung, Inklusion oder Kinderschutz zu nennen. Sportvereine leisten dennoch keine Soziale Arbeit. Eine Zusammenarbeit mit Fachkräften der Sozialen Arbeit wird als sinnvoll und ausbaufähig erachtet. Konkrete Zusammenarbeit findet bisher mehrheitlich im Bereich des Kinder- und Jugendsports, z. B. im Rahmen der sportorientierten Jugendsozialarbeit, statt. Im Schulsport sind es v. a. außerunterrichtliche Sportangebote, die für eine Sportsozialarbeit relevant sind. Bisher vernachlässigte Ziele, wie z. B. Einbindung von Schülerinnen und Schülern, die dem Sportunterricht distanziert gegenüberstehen, die Förderung psychosozialer Ressourcen durch Sport oder Kooperationen mit außerschulischen (Sport-)Organisationen lassen sich in Zusammenarbeit von Schule und professioneller Sozialer Arbeit (z. B. Schulsozialarbeit) verfolgen. Informelles Sporttreiben bietet die Möglichkeit, jugendliche Bedürfnisse nach Risiko, Kreativität, Spannung oder körperlichen Grenzerfahrungen zu befriedigen und verfügt über selbstbildende Potentiale. Für die Sportsozialarbeit finden sich in informellen Sportengagements Anknüpfungspunkte, z. B. im Rahmen von Streetwork. Kommerzieller Sport in Deutschland ist weit verbreitet. Auch für Jugendliche gilt der kommerzielle Sport als attraktiv (z. B. Körperkult, Eventcharakter) und hat sich zunehmend in der jugendlichen Lebenswelt etabliert. Daher macht es für die Sportsozialarbeit Sinn, auch diesen Bereich zu berücksichtigen und einen kritischen Umgang mit kommerziellen Sportangeboten zu thematisieren.
Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Organisationsformen, ihren Herausforderungen und Gelingensbedingungen ist für die Entwicklung von Angeboten der Sportsozialarbeit und der Zusammenarbeit mit bestehenden Organisationen unerlässlich.
Albert, K. (2017). Sportengagement sozial benachteiligter Jugendlicher. Eine qualitative Längsschnittstudie in den Bereichen Freizeit und Schule. Wiesbaden: Springer.
Heinemann, K. (2007). Einführung in die Soziologie des Sports (5. Aufl.). Schorndorf: Hofmann.
Braun, S. (Hg.) (2013). Der Deutsche Olympische Sportbund in der Zivilgesellschaft. Wiesbaden: Springer.
Fessler, N., Hummel, A. & Stibbe, G. (Hg.) (2010). Handbuch Schulsport. Schorndorf: Hofmann.
Müller, J. (2017). Identitätskonstruktionen marginalisierter Jugendlicher im informellen Sport: Eine qualitative Studie auf dem Bolzplatz. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich UniPress.
Weis, K. & Gugutzer, R. (Hg.) (2008). Handbuch Sportsoziologie. Schorndorf: Hofmann.
3 Sportrelevante Praxisfelder der Sozialen Arbeit
Sportorientierte sozialpädagogische Angebote finden sich in den klassischen Praxisfeldern Sozialer Arbeit, Bildung, Gesundheit und Soziales mit den jeweiligen Binnendifferenzierungen in Form einzelner Handlungsfelder wie z. B. der Kinder- und Jugendhilfe oder der Suchthilfe. Diese Praxisfelder werden zunächst hinsichtlich ihrer Ziele, Begrifflichkeiten, gesetzlichen Grundlagen und Angebotskataloge vorgestellt. Die Bedeutung von Sport und Bewegung wird für die angesprochenen Zielgruppen benannt.
Im Anschluss daran werden die bestehenden Ausprägungen sportorientierter Sozialarbeit problemorientiert dargelegt und mögliche künftige Arbeitsbereiche mit den sich daraus ergebenden Ausbildungserfordernissen skizziert. Ergänzend werden Förderprogramme sowie sport- bzw. bewegungsorientierte Angebote in diesen Praxisfeldern benannt, die keine explizite sozialpädagogische Zielsetzung verfolgen, um Schnittstellen und Potentiale für die künftige Ausgestaltung der Sportsozialarbeit aufzuzeigen.
Sportsozialarbeit bedarf, so wird gemeinhin festgestellt, einer stärkeren Professionalisierung und Qualifizierung. Das Berufsbild, das sich seit Mitte der 1980er Jahre entwickelt hat, ist gegenwärtig noch in der Ausgestaltungs- und Differenzierungsphase. Dies umfasst sowohl bereits bestehende als auch sich neu bildende Betätigungsbereiche und prägt das Bild der sportorientierten Sozialen Arbeit als innovatives Entwicklungsfeld. Neben den derzeit am häufigsten vertretenen Gruppenangeboten sind u. a. Projekte im Bereich des Coachings, des Sportsozialmanagements oder der (Profi-)Sportbetreuung denkbar.
Sportorientierte sozialpädagogische Angebote finden sich in den klassischen Praxisfeldern Sozialer Arbeit, die sich den Kategorien Bildung, Gesundheit und Soziales zuordnen lassen. Unter diese drei Kategorien lassen sich die einzelnen Handlungsfelder Sozialer Arbeit subsumieren. Hierzu zählen u. a. die Suchthilfe, die Kinder- und Jugendhilfe oder die Migrationssozialarbeit.
Die bewegungsorientierten Angebote für Kinder und Jugendliche sowie für ältere Menschen wurden bewusst dem Praxisfeld der Bildung zugeordnet. Der gesundheitsfördernde Charakter der Angebote hätte auch eine Einordnung in das Praxisfeld Gesundheit zugelassen.
Sportsozialarbeit wird nicht per se als eigenes Handlungsfeld betrachtet, sondern eher als quer zu bestehenden Feldern organisiertes Angebot wahrgenommen. Durch die strukturelle Verankerung einzelner Bereiche wie z. B. der Fanarbeit mit eigenständiger finanzieller Förderung haben sich teils jedoch sportorientierte sozialpädagogische Handlungsfelder entwickelt.
Zur weiteren Vertiefung, insbesondere hinsichtlich der Wirkungsforschung, sei auf die drei Deutschen Kinder- und Jugendsportberichte (Schmidt et. al., 2003, 2008, 2015) und das Kapitel 5 verwiesen (
3.1 Gesundheit
3.1.1 Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit
Gesundheitsbezogene Aufgaben zählten in Form der Gesundheitsfürsorge bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Sozialen Arbeit (Homfeldt & Sting, 2006, 2018). Dieser Bereich ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen (Homfeldt, 2012; Rauschenbach, 1999), gesetzliche Entwicklungen wie z. B. die Psychiatrie-Enquete von 1975 haben u. a. dazu beigetragen. Aktuell sind ca. 25 % der Sozialarbeitsstellen im Gesundheitswesen angesiedelt (Homfeldt, 2012).
Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit
Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit umfasst »alle sozialprofessionellen Eingriffe und Unterstützungsmaßnahmen, die zur Vorbeugung, Minderung und Bewältigung persönlicher, kollektiver und sozialer Gesundheitsrisiken, gesundheitlicher Problemlagen und daraus folgender Benachteiligungen und Notstände beitragen. Sie tritt in Aktion, wenn Betroffene ihre Probleme aus eigener Kraft nicht bewältigen können, und die Gesellschaft entsprechende institutionelle bzw. rechtliche Bewältigungshilfen bietet« (Franzkowiak, 2009, S. 66).
Gesundheit ist somit ein grundlegendes Thema Sozialer Arbeit. Von Beginn an wird dabei die soziale Determination von Gesundheit betont (u. a. Graham, 2004; Link & Phelan, 1995). Der Zusammenhang zwischen sozialer Lage, Ungleichheit und den individuellen Gesundheitschancen und damit verbundenen Teilhabemöglichkeiten ist Ansatzpunkt für die Soziale Arbeit. Dieser Fokus hat mit der Gründung der WHO-Kommission Commission of Social Determinants of Health (CSDH) 2005 an Bedeutung gewonnen (WHO, 2016). Auch gesundheitspolitisch werden zunehmend präventive Strategien zur Senkung