Sportsozialarbeit. Heiko Löwenstein

Sportsozialarbeit - Heiko Löwenstein


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und Jugendlichen u. a. hinsichtlich der Laufausdauer seit den 1970er Jahren um ca. 10 bis 20 % abgenommen hat (Bös, 2003). Vereinzelte Studien widersprechen dem (u. a. Kretschmer, 2003; Rethorst, 2003).

      Hinsichtlich der körperlich-sportlichen Aktivität lässt sich für die letzten Jahrzehnte eine Veränderung kindlicher Lebens- und Bewegungswelten feststellen. Zum einen ist ein Bewegungsmangel von Kindern im Alltag festzustellen. Lediglich 53,9 % der Mädchen im Alter von 3 bis 17 Jahren und 62,8 % der Jungen dieses Alters treiben mindestens 90 Minuten pro Woche Sport (Krug, 2018, S. 7). Die Nutzungszeit von Medien wie Computer, Handy oder Fernsehen hat sich dagegen stark erhöht (Raczek, 2002). Laut JIM-Studie stehen Jugendlichen in praktisch allen Haushalten verschiedene Medien wie Smartphone (99 %), Internetzugang (99 %) oder TV (95 %) etc. zur Verfügung (MpFS, 2018, S. 6). Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (MpFS) untersucht im Rahmen der repräsentativen Studie Jugend, Information, Medien (JIM) seit 1998 jährlich den medialen Alltag von Jugendlichen in Deutschland. Bei der täglichen Mediennutzung der 12- bis 19-Jährigen werden das Smartphone (94 %) und das Internet (91 %) am häufigsten genannt (MpFS, 2018, S. 13f). Nach MpFS- Schätzung beträgt die tägliche Online-Nutzungsdauer 214 Minuten (2017: 221 Minuten) (MpFS, 2018, S. 73).

      Zum anderen lässt sich eine »Versportlichung der Jugendbiographie« (Brinkhoff, 1998, S. 129, zit. n. BMFSFJ, 2009a, S. 29; vgl. auch Baur & Burrmann, 2004) sowie deren institutionelle Einbettung in geschützten Räumen wie Kita und Schulhort und eine frühere Vereinsmitgliedschaft, aber auch ein früherer Ausstieg, erkennen. Letztlich ist sportliche Aktivität eine der wichtigsten Freizeitaktivitäten von Kindern und Jugendlichen (BMFSFJ, 2009a). 70,9 % der 3- bis 17-jährigen Mädchen und 75,1 % der gleichaltrigen Jungen geben an, Sport zu treiben. Insgesamt erreichen jedoch mindestens ca. 75 % der Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 15 Jahren die von der WHO im Jahr 2010 empfohlenen Richtlinien für gesundheitsorientiertes Aktivitätsverhalten nicht (WHO, 2010). Gemäß dieser Richtlinien sollen Kinder und Jugendliche täglich mindestens 60 Minuten lang mäßig bis sehr anstrengende körperlich-sportliche Aktivitäten durchführen (Krug, 2018, S. 4). Gemäß der von Rütten und Pfeifer entwickelten nationalen Bewegungsempfehlungen sollen sich Vier- bis Sechsjährige mindestens 180 Minuten und Sechs- bis Elfjährige mindestens 90 Minuten täglich bewegen (Rütten & Pfeifer, 2016).

      Effekte von Bewegung lassen sich, neben der Verbesserung motorischer Fähigkeiten, auch auf die Entwicklung der kognitiven und psychosozialen Leistungsfähigkeit nachweisen. Bewegungsfreudige Kinder und Jugendliche haben in der Regel eine bessere Körperkoordination und Stressverarbeitung. Dies erleichtert die Konzentrationsfähigkeit, verbessert die Selbstwirksamkeitserwartung und auch die soziale Einbindung (Graf et al., 2004; Neuhäuser, 2001).

      Entsprechend der dargelegten Erkenntnisse erfährt die Bewegungsförderung im Rahmen gesundheitspolitischer Förderprogramme besondere Aufmerksamkeit. Trotz des empirisch belegten Wissens über die Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit hat sich die Zahl der Menschen mit bewegungsarmen Lebensstilen in Europa im letzten Jahrzehnt weitgehend nicht verringert. Dieses Paradoxon wird als sogenanntes »›chronisches‹ Politikproblem« (Rütten & Pfeiffer, 2016, S. 15) gesehen. Schnelle Lösungen sind nicht möglich, Mehrebenen-Interventionen und der Stellenwert von Gesundheit als Querschnittsthema gelten als erfolgversprechender (BMG, 2010, S. 10f; Rütten & Pfeiffer, 2016, S. 13). Maßnahmen beziehen sich sowohl auf die Verhaltensprävention, also die Veränderung des Verhaltens von Individuen und Gruppen, als auch auf die Verhältnisprävention, also die Veränderungen der Umwelt in allen Lebensbereichen. Neben der 2008 beschlossenen Strategie zur Förderung der Kindergesundheit sind u. a. die Gesundheitsziele, der Nationale Aktionsplan »IN FORM – Deutschlands Initiative für eine gesunde Ernährung und mehr Bewegung« und die im Jahr 2016 veröffentlichten »Empfehlungen für Bewegung (und Bewegungsförderung)« sowie Programme der einzelnen Bundesländer zu nennen. Als sogenannte Startermaßnahmen im Sinne der WHO-Strategie »the healthier choice must be the easier choice« (WHO, 1986), die Gesundheitsförderung zeitnah und niedrigschwellig angehen sollen, werden u. a. die Förderung der Bewegungsfreude von Kindern und Jugendlichen innerhalb des Sportunterrichts oder die Aufstellung von Trinkwasserspendern genannt (BMG, 2010, S. 45). Es ist davon auszugehen, dass eine nachhaltige Förderung nur mithilfe integrierter Ansätze möglich ist, d. h., es werden ergänzend familienunterstützende Maßnahmen in Kommunen, Kitas und v. a. Bildungseinrichtungen installiert (ebd., S. 15).

      Bewegungsmangel und ungünstige Ernährungsgewohnheiten, der Gesundheitszustand sowie die Prävalenz von Erkrankungen treten in der Bevölkerung ungleich verteilt auf und korrelieren mit sozio-ökonomischer Benachteiligung und Bildungsferne (siehe u. a. BMAS, 2008; Nicklas et al., 2004; Neumark-Sztainer et al., 2003; Richter, 2005; siehe auch Lebenskompetenz nach Weinert, 2001). Verschiedene Studien belegen, dass Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status verhaltenspräventive Maßnahmen am wenigsten in Anspruch nehmen, obwohl sie häufig einen schlechteren Gesundheitszustand haben (siehe u. a. Bauer, 2001; Hurrelmann, 2010). Aufgrund der bereits dargelegten sozialen Determiniertheit von Gesundheit werden gesundheitspolitisch zunehmend verhältnispräventive Strategien zur Senkung der Gesundheitsbelastungen und zur Stärkung der Gesundheitsressourcen gemäß des Settingansatzes verfolgt. Dem benannten Präventionsdilemma soll durch eine Einbindung sozialer Dienste, die Zugang zu diesen Personengruppen haben, eine bessere intersektorale Vernetzung der Akteure und Akteurinnen und eine Fokussierung auf verhältnispräventive Maßnahmen im Sinne kommunaler Gesundheitsförderung entgegengewirkt werden (RKI, 2015, S. 284; siehe auch RKI, 2009). Das im Juli 2015 verabschiedete Präventionsgesetz (»Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention«) setzt an der Erhöhung der gesundheitlichen Chancengleichheit zugunsten sozial Benachteiligter als kommunale Aufgabe an (RKI, 2015, S. 236; BMAS, 2017).

      Prävention und Settingansatz

      Im Sinne der Prävention sollen durch vorbeugende Maßnahmen Erkrankungen verhindert bzw. deren Folgen abgemildert werden. Es wird zum einen, entsprechend des Zeitpunkts der Prävention, zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention unterschieden, zum anderen zwischen Verhaltens- und Verhältnisprävention (BMG, 2010, S. 51ff). Während sich die Primärprävention an alle Menschen richtet und im Vorfeld auf Gesundheitsrisiken u. Ä. verweist, ist die Sekundär- und Tertiärprävention bereits mit einem Behandlungsansatz verbunden, der in der Sekundärprävention im Sinne der Früherkennung Risikogruppen fokussiert, und auf tertiärer Ebene die Arbeit mit Menschen, die von konkreten Problemen betroffen sind, sieht (Caplan, 1964).

      Verhaltenspräventive Maßnahmen konzentrieren sich auf das individuelle Gesundheitsverhalten, z. B. körperliche Aktivität, und setzen insbesondere auf Informationsvermittlung, Beratung und Training. Verhältnispräventive Modelle nehmen Umgebungsbedingungen und deren Einfluss auf den Einzelnen stärker in den Blick und zielen auf einen Ausgleich ungleicher Teilhabechancen und struktureller Benachteiligungen und damit verbunden auf eine mittelbare Verbesserung der Gesundheit bzw. Lebenssituation Einzelner durch die lebensweltnahe und sozialräumliche Stärkung von Strukturen.

      Der Settingansatz, der Ende der 1980er Jahre als Instrument zur praktischen Umsetzung der Prinzipien der Ottawa-Charta der WHO entwickelt wurde und im Setting Sozialraum inklusive sozialer Infrastruktur, z. B. Kitas, Schulen, ansetzt, wird hier häufig herangezogen.

      Im Folgenden wird ein Überblick über sportorientierte Angebote der Sozialen Arbeit im Gesundheitsbereich vorgenommen. In Publikationen der Sozialen Arbeit wird das Thema bislang wenig aufgegriffen, auch in der Praxis sind wenig sportorientierte sozialpädagogische Angebote im Gesundheitswesen vorhanden, d. h. Angebote, die sozialpädagogische Zielsetzungen verfolgen und von Fachkräften der Sozialen Arbeit erbracht werden. Neben präventiven Angeboten im Freizeitbereich gibt es einige strukturelle Angebote, u. a. Kampagnen der AIDS-Hilfe im Rahmen der Antidiskriminierungsarbeit. Allein bei den sozialräumlich ausgerichteten Angeboten, die verhältnispräventiv u. a. den Ausbau kommunaler Versorgungsketten fördern, zeigt sich der beginnende Ausbau nachhaltiger Entwicklungen und Strukturen, wenngleich Sportangebote nicht regelmäßig systematisch einbezogen werden.

      Insgesamt


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