Sportsozialarbeit. Heiko Löwenstein

Sportsozialarbeit - Heiko Löwenstein


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Jugendsozialarbeit, offene Jugendarbeit, Hilfen zur Erziehung oder KICK-Projekte zur Gewaltprävention, bietet.

      Ob die gesellschaftliche Funktion des organisierten Sports in der Vereinswirklichkeit tatsächlich erfüllt wird, lässt sich auf der Grundlage der derzeitigen empirischen Datenlage nur unzureichend beantworten (Rittner & Breuer, 2004).

      Einigkeit herrscht darüber, dass Sportvereine in Deutschland weit mehr Menschen integrieren als vergleichbare Freiwilligen-Vereinigungen (ebd., 35). Dies ist v. a. für den Kinder- und Jugendbereich in diversen Studien belegt (u. a. Gerlach & Brettschneider, 2013; Züchner, 2016). Der höchste Organisationsgrad von Kindern und Jugendlichen im Sportverein ist in der Altersgruppe 7 bis 14 Jahren zu erkennen. Hier weisen laut der Mitgliedererhebung des DOSB 2018 ca. 80 % der Jungen und 60 % der Mädchen eine Vereinsmitgliedschaft auf, in der Altersgruppe der 15- bis 18-Jährigen sind ca. 65 % der Jungen und knapp die Hälfte der Mädchen Mitglied in einem Sportverein (DOSB, 2018a). Laut Gerlach & Brettschneider (2013, S. 150) sind Sportvereine »unangefochten die ›Nr. 1‹ unter den Kinder- und Jugendorganisationen […] keine andere Organisationsform (kann) auf eine derartige Partizipationsrate verweisen.« Mehr als in anderen Verbänden ermöglicht Sport auch die Begegnung junger Menschen über verschiedene soziale Schichten und Milieus hinweg, wobei es sportartspezifische Differenzen gibt und z. B. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Gesamtbetrachtung noch immer unterrepräsentiert sind (Picot, 2011, 23).

      Daten des Freiwilligensurveys 2014 belegen, dass der höchste Anteil freiwillig engagierter Menschen ab 14 Jahren in Deutschland mit 16,3 % im Bereich Sport und Bewegung zu finden ist (BMFSFJ, 2016). Laut des Sportentwicklungsberichts engagieren sich rund 1,7 Millionen Menschen ehrenamtlich als Trainerin oder Trainer sowie im Vorstand in einem deutschen Sportverein. Zählt man diejenigen dazu, die sich an gesonderten Arbeitseinsätzen wie z. B. Sportveranstaltungen, Fahrdienste, Feste oder Renovierungen beteiligen, so ergibt das eine Gesamtzahl von rund acht Millionen Ehrenamtlichen (Breuer, 2017, S. 29f). Wenn auch mit leichtem Rückgang, so engagieren sich auch Jugendliche im Sportverein stärker als in anderen gesellschaftlichen Bereichen (Braun, 2013b). Es lässt sich vermuten, dass Menschen, die ehrenamtliche Aufgaben im Sportverein übernehmen, zu langfristigem bürgerschaftlichen Engagement angeregt werden (Gogoll et al., 2008, S. 161). Braun steht dieser These allerdings vorsichtig gegenüber. Noch mangele es an empirischen Befunden, ob Sportvereine tatsächlich als ein Übungsfeld bürgerlichen Handelns gesehen werden können, oder sich dort »vor allem solche Menschen zusammenschließen, die unabhängig von ihrer Mitgliedschaft und ihrem Engagement ein höheres soziales Vertrauen und umfangreichere bürgerschaftliche Kompetenz aufweisen« (Braun, 2006, S. 4506; dazu auch Braun, 2012, S. 286). Auch ist gerade bei jungen engagierten Menschen ein Wandel vom traditionellen Ehrenamt mit einer langfristigen Vereinsbindung hin zum neuen Ehrenamt zu erkennen, das u. a. von Flexibilität und rational motiviertem Handeln gekennzeichnet ist. Dies stellt die Vereine vor neue Herausforderungen (Braun, 2013a; Braun & Nobis, 2015, S. 283ff). In einer über zehn Jahre angelegten Längsschnittstudie von Gerlach & Brettschneider (2013) wurde ein positiver Effekt zwischen sportlichem Engagement im Verein und der Stärkung der damit verbundenen sozialen und personalen Ressourcen festgestellt.

      In Bezug auf die Prävention von jugendlichem Risikoverhalten werden ambivalente Auswirkungen herausgestellt. Sportvereinsmitglieder haben demnach einen höheren Alkoholkonsum, jedoch niedrigeren Nikotinkonsum als Nicht-Mitglieder. Auch in Bezug auf deviantes Verhalten können keine signifikanten Unterschiede zwischen Vereinsmitgliedern und Nicht-Mitgliedern festgestellt werden (Brettschneider & Kleine, 2002).

      Auf die Bedeutung des organisierten Sports zur Gemeinwohlorientierung wird nicht näher eingegangen, hier sei u. a. auf eine Zusammenstellung von Forschungsergebnissen bei Rittner & Breuer (2004, S. 50f), den Sportentwicklungsbericht 2015/16 (Breuer, 2017, S. 244f), Tiemann (2012, S. 271ff) und Opper & Wagner (2009, S. 11) verwiesen. Zur Zukunft der Sportvereine in zunehmend pluralisierten Sportlandschaften äußern sich Braun und Hansen (2019) kritisch.

      Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der organisierte Sport das Potential besitzt, unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen zu erfüllen. Michels (2007; siehe auch Welsche, 2013/2018c) u. a. weisen allerdings darauf hin, dass die Arbeit in Sportvereinen, hauptsächlich in ehrenamtlichen Strukturen von Laien geleistet wird und von professioneller Sozialer Arbeit klar abzugrenzen ist. Unterschiede beider Felder sind zu wahren, Kooperationen zwischen den Beteiligten werden jedoch gewünscht, um gesellschaftlichen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen (Welsche, 2018c, S. 79).

      Schulsport nimmt im Rahmen des Erziehungs- und Bildungsauftrags von Schulen in Deutschland einen bedeutenden Stellenwert ein. Die »leibliche Verfasstheit des Menschen und die Bewegungskultur des Sports als Medium leiblicher Erfahrungen« (Schulz, 2014, S. 178) bildet dafür einen wichtigen Grundstein, innerhalb dessen Bewegung, Spiel und Sport als elementare Bestandteile ganzheitlicher Bildung verstanden werden. Daher wird Schulsport auf unterschiedlichen Ebenen im Kontext Schule berücksichtigt. Auch die Schulgesetze tragen dem Rechnung und erheben Sport und Gesundheit zu unverzichtbaren Erziehungszielen. Im Schulgesetz Berlin heißt es z. B.:

      »Schulische Bildung und Erziehung sollen die Schülerinnen und Schüler insbesondere befähigen, […] ihre körperliche, soziale und geistige Entwicklung durch kontinuierliches Sporttreiben und eine gesunde Lebensführung positiv zu gestalten sowie Fairness, Toleranz, Teamgeist und Leistungsbereitschaft zu entwickeln« (Sen BWF, 2010, § 3 (3) 7).

      Neben dem obligatorischen Unterrichtsfach Sport, welches in allen Schulformen und -stufen fest im Schulplan verankert ist, umfasst der Begriff Schulsport auch weitere Formen von Sport, Spiel und Bewegung, die im Kontext Schule stattfinden und dazu beitragen, pädagogische Aufgaben und Ziele in der Schule zu erfüllen (Bräutigam, 2008, 18). Fessler (2010) hat eine Ordnung vorgenommen, die eine hilfreiche Übersicht zu der Vielfalt an Schulsportangeboten gibt. Er unterscheidet nach (1) unterrichtlichem Schulsport, (2) außerunterrichtlichem Schulsport, (3) zusätzlichen Sport-, Spiel-, und Bewegungsangeboten in der Schule sowie (4) schulsportlichen Angeboten mit/durch außerschulische Partnerorganisationen. Je nach Ausrichtung und Grad der Schulsportkultur können in einer Gesamtstrategie bewegungszentrierte Schulprofile geschaffen werden (Stibbe, 2014, S. 110ff). Der Sportsozialarbeit kommt v. a. im außerunterrichtlichen Schulsport und bei weiteren nicht-obligatorischen Angeboten eine besondere Rolle zu (image Abb. 4).

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      Schulsportunterricht erhält durch landeseigene Rahmenlehrpläne und -richtlinien seine Konkretisierung. Er wird mit durchschnittlich zwei bis drei Schulstunden pro Woche unter der Leitung einer akademisch ausgebildeten Sportlehrkraft an allen Schulformen verpflichtend durchgeführt. Dabei wird Sportunterricht im Klassenverband, in Kursform, koedukativ oder geschlechtergetrennt unterrichtet. Schulsport nimmt eine besondere Stellung ein, da er der einzige obligatorische Sport für alle Kinder und Jugendlichen ist (DOSB, 2009).

      Kenntnisse schöpft der Schulsportunterricht mehrheitlich aus der Sportpädagogik und -didaktik (image Kap. 6.1). Konkrete Ziele, Aufgaben und Inhalte ergeben sich v. a. aus den Richtlinien staatlicher Bildungspolitik und -verwaltung. Für die Koordinierung länderübergreifender Angelegenheiten im Bereich des Schul- und Hochschulsports ist die Kultusministerkonferenz (KMK) zuständig. In den Ländern liegt die Zuständigkeit bei den Bildungs- bzw. Wissenschaftsministerien. Landesspezifische Rahmenlehrpläne dienen dabei als Grundlage für die Ausgestaltung des Sportunterrichts


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