Grundlagen des Methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit. Franz Stimmer
Classification of Deases der Weltgesundheitsorganisation (WHO), oder das DSM-IV, das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association, verbreitet. Teilweise werden diese Instrumente zur spezifischen Situationsanalyse auch in Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit verwendet oder sind Teile einer umfassenderen mehrperspektivischen Analyse.
Es liegen aber auch spezifischere Verfahren der Situationsanalyse für die Soziale Arbeit vor, sie müssten aber weiterentwickelt, in ihrer Anwendung für unterschiedliche Arbeitsfelder differenziert und modifiziert und letztendlich evaluiert werden: das Person-in-Evironment-System (PIE), die Problem-Ressourcen-Karten, das »Soziale Atom« und das »Kulturelle Atom« aus dem Psychodrama, das Genogramm, die Pro-Ziel-Basisdiagnostik und spezielle Fragebögen z. B. zur Suchtentwicklung.
Über solche allgemeinere und spezifischere Klassifikationssysteme wird die Vielfalt empirischer Ausdrucksformen reduziert. Dies geschieht durch Kategorisierung nach gemeinsamen Merkmalen und durch Zusammenfassen zu übergeordneten Klassen von Erscheinungen. Dies hat den großen Vorteil, über gleiche Phänomene sich mit den gleichen Begriffen verständigen zu können, also eine gemeinsame professionelle Sprache zu entwickeln. Wenn ein Mediziner von dem Pankreas spricht, ist allen anderen Medizinern klar, wo im Körper er liegt, welche Funktion er hat, welche Störungen auftreten können, mit welchen Tests Funktionsstörungen oder Funktionstüchtigkeiten festgestellt werden können, welche Wechselwirkungen zu andere Organen bestehen, welche bewährten Medikamente oder chirurgische Eingriffe sinnvoll sind usw. Dies bedeutet aber nicht, dass »Mensch« auf »Pankreas« reduziert wird, wenn Gefahren in diese Richtung auch nicht ausgeschlossen werden können.
Allerdings birgt auch eine diffuse Sprachverwendung, wie sie in der Sozialen Arbeit vorherrschend ist, Gefahren in sich, die nicht zu unterschätzen sind, sowohl bezüglich der Verständigung innerhalb der Profession als auch für die Kooperation mit anderen Professionen. Das Ziel in der Sozialen Arbeit muss also ein Bemühen um Eindeutigkeit sein, allerdings unter der Voraussetzung eines verständigungsorientierten Umgangs auch mit Klassifikations- und Situationsanalysesystemen. In den folgenden Kapiteln werden einige bewährte Verfahren der Situationsanalyse und den daraus ableitbaren sozialdiagnostischen Thesen und Zielen vorgestellt, die sich für die Soziale Arbeit besonders eignen.
5.1 Person-in-Environment-System (PIE)
Das PIE zur Einschätzung der Situation von Klienten wurde als mehrperspektivisches Klassifikationssystem in den USA entwickelt (Karls/Wandrei 1994). In den Grundzügen kann das PIE sicher auf deutsche Verhältnisse angewendet werden, eine differenzierte und kritische Transformation steht allerdings noch weitgehend aus.
Das PIE ist ein ganzheitliches System für die Situationsanalyse, das soziale, körperliche und psychische Faktoren umfasst. In der Sozialen Arbeit dient es vorwiegend als Instrument der Beschreibung, der Klassifizierung und Aufzeichnung der sozialen Funktionen und damit verbunden der Lebenswelt des Klienten, wie dieser sie präsentiert. Diese Daten können dann in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, auch verbunden mit körperlichen und psychischen Faktoren, ein Gesamtbild der Situation ergeben. Dabei werden sowohl Probleme als auch Ressourcen und Copingstrategien (
Grundlagen für das PIE sind Probleme in den sozialen Rollen und soziale Probleme in der Lebenswelt der Klienten. Psychische und Verhaltensauffälligkeiten sowie körperliche Erkrankungen werden ergänzend durch entsprechende Fachleute aus der Psychologie und Medizin, seltener durch entsprechend ausgebildete Sozialpädagogen erhoben. So ergeben sich vier Faktoren im PIE-System, wobei die ersten beiden für die Soziale Arbeit zentral sind:
1. Probleme in sozialen Rollen: Typ, Schweregrad, Dauer, Coping-Fähigkeiten (Faktor I)
2. Lebensweltprobleme: Schweregrad, Dauer (Faktor II)
3. Psychische Probleme und Verhaltensauffälligkeiten (Faktor III)
4. Körperliche Probleme (Faktor IV).
In einem ausführlichen und differenzierten klientenzentrierten Gespräch (
Im Einzelnen sind die folgenden Inhalte (Faktoren I und II) Gegenstand der PIE-Analyse:
1. Probleme in sozialen Rollen (Faktor I):
− Familiale Rollen (Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Ehepartner usw.),
− interpersonale Rollen (Freund, Freundin, Nachbar usw.),
− berufliche Rollen (Arbeiter, Angestellter, Student, Lehrer usw.) und
− Rollen in spezifischen Lebenssituationen (Patient, Prüfungskandidat, Einwanderer).
Dabei sind nach Karls/Wandrei (1994, S. 49) für die Aufzeichnung die folgenden Teilschritte notwendig (
− Alle gegenwärtig problematischen sozialen Beziehungen sind zu erheben und, wenn es mehr als eine ist, in eine Rangfolge zu bringen.
− Für jedes Problem ist der vorrangige Typ zuzuordnen. Wenn z. B. die Klientin ihren Mann durch Tod verloren hat, ist es ein Problem der Ehepartnerrolle (spousal role problem) vom Typ Verlust (loss) und ist mit den entsprechenden Kodierungsnummern aufzuzeichnen.
− Für jedes Problem ist der Schweregrad zu benennen von 2 = gering bis 6 = katastrophal oder eben auch 1 = kein Problem.
− Für jedes Problem ist die Zeitdauer auszuweisen, von 1 = 5 Jahre und mehr bis 6 = erst seit kurzem.
− Für jedes Problem ist die Einschätzung der Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten des Klienten zu benennen auf einer Skala von 1 = der Klient kann dieses Problem mit geringfügiger Hilfe oder auch allein bewältigen bis zu 6 = der Klient hat keine Möglichkeiten, alleine und ohne Hilfestellungen mit dem Problem fertig zu werden.
2. Probleme bzw. Diskriminierungen in der Lebenswelt, im Gemeinwesen (Faktor II):
− Grundlegende Versorgung (Ernährung, Unterkunft, Arbeit, Transportmöglichkeiten) (
− Erziehungs- und (Aus-)Bildungssystem,
− Rechtssystem,
− Gesundheits-, Sicherheits- und Sozialdienstsystem,
− System freiwilliger Zusammenschlüsse,
− Emotionale Unterstützung in sozialen Netzwerken.
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