Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik

Die falsch gestellten Weichen - Von Kuehnelt-Leddihn Erik


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Zinowjew, Radek, Kún, Bernstein, Eisner, Blum, Bauer, Viktor und Friedrich Adler bezeugen es, – so stehen die Juden doch dem sozialistischen Konformismus, Antipersonalismus, dem ständigen Moralisieren und den intellektuellen Kontrollen feindselig gegenüber. Freilich lehnte im alten Rußland, nicht aber in Österreich–Ungarn, der Jude das Ancien Régime ab, eine Haltung, die die neuere jüdische Einwanderung (aus Osteuropa) in das linke Lager drängte. Das aber war bei der alteingesessenen Judenschaft Amerikas nicht der Fall.“48) Bezeichnenderweise ist im amerikanischen Neukonservatismus der Anteil der Juden auffallend groß. Und es muß hier auch gesagt werden, daß im alten, konservativen Lager Europas getaufte Juden ideengeschichtlich eine große Rolle gespielt haben – man denke da an Disraeli und F. J. Stahl, den „Ideologen“ des preußischen Konservatismus. Nicht vergessen darf man auch (ungetaufte) Juden in den Vereinigten Staaten, die während des Zweiten Weltkriegs nebst gewissen katholischen Kreisen die einzige Gruppe bildeten, die lautstark vor der allzu engen Allianz mit der Sowjetunion warnte.49) Ganz davon abgesehen, hatte es in der sozialistischen Bewegung stets einen radikalen „Antisemitismus“ gegeben. Darüber gibt es reichliches Material.50)

      Doch auch in Osteuropa, wo einst die Monarchie eine eher judenfeindliche Rechtsordnung vertrat, mußte es bald zu einem Bruch zwischen dem Marxismus und dem Judentum kommen. Die persönliche Feindschaft zwischen Trotzkij und Stalin hatte dafür den Boden bereitet. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, hatte Stalin viel mehr Juden umgebracht als Hitler.51) Marx selbst hatte den Grund dafür gelegt, als er in einem der giftigsten antijüdischen Pamphlete aller Zeiten (auch Luther in dieser Beziehung übertreffend52)) schrieb: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis des Eigennutzes. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld… Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewußtsein würde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebensluft der Gesellschaft sich auflösen.“

      Doch dieser Essay schließt nach langen Schimpftiraden gegen das Christentum, das jüdischen Ursprungs ist, und gegen das Judentum, das im Christentum nistet, mit den Worten: „Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“53) Aber, wie soll das geschehen? Durch eine ‚Endlösung‘? Im Lichte dieser Tatsachen ist es amüsant, sich daran zu erinnern, daß ein christlich-demokratischer Postminister einer Bonner Koalitionsregierung eine Sondermarke mit dem Bildnis von Karl Marx herausgab – von Karl Marx, der unerhörtes Elend über die Menschheit gebracht hat. Warum dann aber nicht von einem seiner Epigonen in der Judenhetze, Julius Streicher?54)

      8. DER MARXISMUS

      Solange man Marx nur nennt, aber nicht liest, ist der Fortschritt des Sozialismus nicht aufzuhalten. (Herbert Eisenreich im Wiener Journal, März 1983.)

      Der Marxismus ist aber nicht nur antijüdisch, er ist auch unproletarisch und höchst ‚bourgeois‘. Gerade deshalb appelliert er so stark an die im Grunde linke, kleinbürgerliche Mentalität kommerziellen Charakters. Waldemar Gurian hatte völlig recht als er schrieb, daß „der Bolschewismus die geheime und uneingestandene Philosophie der bürgerlichen Gesellschaft ausspricht, wenn er in Gesellschaft und Wirtschaft absolute Elemente sieht. Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit war immer der Kriegsruf der Bourgeoisie. Die Entwicklung und der Sieg der bürgerlichen Gesellschaft haben zum Sieg dieser Ideen verholfen. Der Bolschewismus ist aber zugleich ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Verurteilung. Er zeigt, wohin die geheime Lebensauffassung dieser Gesellschaft führt – und dies mit eiserner Logik.“1) Und es war auch der amerikanische Romancier und Theaterschriftsteller Ben Hecht, der uns ermahnt hatte, nicht an das Klischeebild des Kommunisten als verdreckten, bluttriefenden Revoluzzer zu glauben. Für Hecht war der Kommunismus eine Bewegung, die völlig legitim aus der mittelständischen Demokratie kam. „Der Bolschewismus“, schrieb er, „ist die logische Folge der Demokratie, ein weiterer Schritt hinunter im Abstieg der Menschheit. Bis zum Erscheinen Lenins und Trotzkijs war die amerikanische Demokratie zweifelsohne die grauenhafteste Beleidigung, die auf die Intelligenz unserer Rasse durch die geistig Tieferstehenden geschleudert werden konnte. Doch der Bolschewismus ist noch einen Schritt weitergegangen. Sobald aber unsere niedrigsten Charaktere – die Mehrheit der Politiker, Intellektuellen und Schriftsteller – daraufkommen, daß der Bolschewismus nicht der Rote Terror ist mit der Bombe in der einen und dem Dolch in der anderen Hand, sondern eine gesellschaftliche Ordnung, die unsere noch an Schwäche und abnormaler Dummheit übertrifft, dann wird man jeden verhaften, der nicht ein Bolschewik ist.“2) Harold Laski, der verstorbene Ideologe der Labour Party und Professor an der London School of Economics, drückte sich einfacher aus. Er sah ganz einfach den Sozialismus als weiteres unausweichliches Evolutionsstadium der Demokratie, eine Ansicht, die zweifellos bei Freund und Feind sehr verbreitet ist.3)

      Die Siege des Marxismus als Doktrin (wir denken jetzt nicht an die Siege der Roten Armee) haben zumeist nur unter den geistig Tiefstehenderen, den Ungebildeten, Halb- und Dreiviertelgebildeten stattgefunden. Diese Dokrin ist eine fausse idée claire: Sie wirkt besonders in einem Land mit krassen Vermögensunterschieden, wo Millionen von Armen einer Handvoll sehr Reicher gegenüberstehen. Dann liegt es doch „auf der Hand“, daß eine „Neuverteilung“ die Armen reicher machen würde oder noch besser, daß man die Produktionsmittel der „Allgemeinheit“ gibt. Das aber macht die Reichen nur arm, wirkt kulturzerstörend, vermindert zwar den Neid, gibt den Armen kaum ein Pflästerchen4) und schafft einen allmächtigen Staat. „Gleichheit“ gibt es nur in der Sklaverei und nicht in der Freiheit, und welch verschwindender Prozentsatz unserer Mitbürger hat eine auch nur blasse Ahnung von der Wirtschaft. Wer natürlich nichts von einer Wissenschaft versteht, kann darüber „leicht reden“!

      Ein weiterer Faktor für diese erfolgreichen Vorstöße des Marxismus ist in der religiösen Krise unserer Zeit zu finden. E. F. W. Tomlinson sagte dazu: „Da die Menschen nicht ohne Philosophie leben können, und wenn sie die richtige von sich weisen, müssen sie sich eben mit dem Abschaum aller anderen begnügen. Der dialektische Materialismus ist ein Konvolut vom Abschaum der heruntergekommenen Metaphysik des 19. Jahrhunderts.“5) Wie wir aber schon andeuteten, besitzt der Marxismus auch pseudoreligiöse Aspekte aus dem Alten und dem Neuen Testament, die nicht nur Dogmen beinhalten, sondern auch an den Opfersinn des Menschen und an seine asketischen Neigungen Anforderungen stellen. Gerade dieser quasireligiöse und zum Teil auch eschatologische Charakter der marxistischen Orthodoxie verursacht bei den Sozialisten, die viel Wasser in ihren Wein gegossen haben, den „Sozialdemokraten“, nur zu oft schwere Gewissensbisse. Dabei aber dürfen wir nie vergessen, daß bei einer Mischung von Wasser und Wein es der Wein ist, der dem Trunk den Geschmack verleiht – und nicht das Wasser.

      In England hatte Marx, der sehr wenig mit Engländern verkehrte, sondern viel eher in der Emigraille zuhause war, gewisse Kontakte mit Robert Owen, dem Gründervater des britischen Sozialismus. Im Alter von zwanzig Jahren war dieser begabte Mann, Sohn eines kleinen Kaufmanns, Direktor einer Textilfabrik geworden. Er machte sich jedoch bald unabhängig und gründete in Schottland eine Fabrik, die aber eher ein soziales als ein sozialistisches Experiment war. Dann kaufte Owen von Georg Rapp, Leiter einer kommunistischen deutschen Sekte, eine Siedlung im südlichen Indiana. Die „Rappites“ übersiedelten dann nach Pensylvanien, wo ein neues „New Harmony“ unter der Kontrolle Owens eröffnet wurde, aber auch dieses Experiment war ein Mißerfolg. 1829 kehrte Owen nach England zurück, und er, der ein Reformist gewesen war, wurde nun ein radikaler Sozialist. Er verlor viel von seinem Einfluß, weil er das Christentum angriff, doch ging er in die Geschichte ein, als er 1833 die erste britische Gewerkschaft gründete und dies, wiewohl sein Interesse eher einer modernisierten Zunftbewegung galt. Dann Jegte er die Grundlagen für ein ethisches System, eine Pseudoreligion mit Zentren in halb England in der Form von Halls of Science. Die Basis seiner Lehre war eine Milieu-Theorie: Der Mensch sei das Produkt seiner Umgebung. Das beeinflußte Marx, und diese Lehre ist heute zweifellos ein Dogma der Halbgebildeten. Vor seinem Tod aber machte Owen eine neue Kehrtwendung und wandte sich dem Spiritismus zu.

      Marx gründete sechs Jahre nach


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