Zum poetischen Werk von Salvatore A. Sanna. Группа авторов

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Regierung nach Deutschland. Er lehrte zunächst als Austauschassistent Italienisch am Lessing-Gymnasium und an der Musterschule in Frankfurt und war schließlich von 1962 bis 1998 als Dozent für italienische Sprache und Literatur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität tätig. 1966 gründete er die Deutsch-Italienische Vereinigung e.V., die er bis 2016 ehrenamtlich geleitet hat. Zudem hat er – bis 1996 gemeinsam mit Trude Müller – in der Frankfurter Westend Galerie seit 1967 zahlreiche Ausstellungen zeitgenössischer italienischer Künstler organisiert. Darunter waren international bekannte Künstler wie Piero Dorazio, Giulio Turcato, Carla Accardi, Giuseppe Santomaso, Fausto Melotti, um nur einige zu nennen.

      Salvatore A. Sanna gehörte auch zu den Gründern des Fachverbandes Italienisch in Wissenschaft und Unterricht (1976)11 und rief 1979 zusammen mit Arno Euler die Zeitschrift „Italienisch“ ins Leben, die er bis zu seinem Tod 2018 als Mitherausgeber betreut hat. 1992 entstand auf seine Initiative hin die Frankfurter Stiftung für deutsch-italienische Studien.

      Schließlich wurde er 1977 als „Cavaliere“, 2004 als „Commendatore dell’Ordine al Merito della Repubblica Italiana“ und 1996 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.

      Aus Salvatore A. Sannas umfangreichem lyrischen Werk seien im Folgenden einige Aspekte herausgegriffen, die mir – als Ergänzung, Kontrast oder Kontrapunkt zu seiner Tätigkeit als Kulturvermittler und Kulturmanager – besonders interessant und relevant erscheinen.

      1. Salvatore A. Sanna als Lyriker der Erinnerung

      Die Erinnerung, das „non dimenticare“, das Nicht-Vergessen, nimmt einen zentralen Platz in der gesamten Lyrik Salvatore A. Sannas ein. Bei der Lektüre seiner Gedichte hat man fast das Gefühl, als sei das Vergessen eine ständig präsente Gefahr, welcher der Mensch ausgesetzt ist, vor der er auf der Hut sein muss, insbesondere, wenn er sich von einem Ort zum anderen, von einem Land in ein anderes, verpflanzt hat. Das Dichten selbst wird zu einem wirkungsvollen Mittel, um diese Gefahr einzudämmen.

      Als Beispiel sei auf ein Gedicht aus dem Band Fünfzehn Jahre Augenblicke verwiesen, das mit den Zeilen „Dalla cima del monte/Vom Gipfel des Berges“ beginnt. In diesem Gedicht ist es eine sich schlängelnde Bergstraße, die in der Erinnerung als sinnlicher Eindruck so stark ist, dass sie das lyrische Ich sogar „den Zugriff des Meeres/vergessen“ lässt:

      Dalla cima del monte

      vedo una strada serpente

      che si slunga a metà costa

      Il colore bianco argento

      mi fa scordare la morsa

      del mare

      Al regno di Poseidon

      è il Gennargentu

      una porta chiara di schisti

      Vom Gipfel des Berges

      sehe ich eine Straße

      auf halber Höhe

      sich schlängeln

      Die weiß-silberne Luft

      läßt mich den Zugriff des Meeres

      vergessen

      Zum Reiche Poseidons

      ist der Gennargentu

      eine leuchtende Pforte aus Schiefer1.

      Der Eindruck, der in der Erinnerung von dem höchsten sardischen Bergmassiv in diesem Gedicht wiederaufgerufen wird, ist so stark, dass sogar das Meer in den Hintergrund tritt. Der Gennargentu gewinnt in dem Erinnerungsgedicht eine mythische Bedeutung, die über die Bedeutung des Meeres hinausgeht: „mi fa scordare la morsa/del mare“ („läßt mich den Zugriff des Meeres/vergessen“). Das ist, historisch gesehen, nicht erstaunlich, denn traditionellerweise sind die Sarden ein Volk, das eher auf das Land bezogen und stark mit dem Land verbunden ist; die Sarden werden traditionellerweise als Hirten gesehen und dargestellt, nicht als Seeleute.

      Sannas Gedicht, das zunächst als ein sehr persönliches daherkommt, transfiguriert die persönliche Erfahrung eines lyrischen Ichs, indem es sich in ein kulturgeschichtliches Gedächtnis einschreibt. Der in Frankfurt lebende Lyriker partizipiert somit mit seinem Gedicht an einem kollektiven Gedächtnis, welches sich auf eine geographisch gesehen entfernte Lokalität bezieht – das Bergmassiv Gennargentu –, die aber in der Erinnerungsarbeit des Dichters zeitlich und örtlich gewissermaßen ‚herangezoomt‘ wird.

      Deutlich wird durch dieses Beispiel auch, dass gerade aus der zeitlichen und örtlichen Ferne das Dichten Teil jener Vorsichtsmaßnahmen ist, die das Individuum vor dem Vergessen bewahren und zugleich dabei helfen, die Erinnerung aufzufrischen. Das, was an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit erlebt wurde, wird durch das Dichten wieder ins Gedächtnis gerufen, wiederbelebt, in das Leben im Hier und Jetzt integriert. Was zunächst als ein individuelles Bedürfnis, eine individuelle Verfahrensweise und als individueller Gewinn aussehen mag, gewinnt, aus der Vogelperspektive betrachtet, auch kollektiven Wert.

      Im Hinblick auf die Verfahrensweisen der Erinnerungsdichtung Sannas ist zunächst einmal festzuhalten: Erinnerung ist in Sannas Gedichten kein abstraktes oder rein kognitives Gebilde, sondern hat in erster Linie mit sinnlicher Wahrnehmung zu tun. Erinnerung wird an Sinneseindrücken festgemacht, an Bildern, Gerüchen, Geschmäckern, Tönen. Aus der Erinnerung geschildert, wird die Kindheit in Sardinien als eine sinnliche Erfahrung heraufbeschworen: Erwähnt werden die Karrenfahrten zum Weinberg und der Transport der Trauben zur Sammelstelle; die Gerüche, die bei der Traubenernte und bei der Weinproduktion entstehen; typische Speisen; und zwar auf eine Weise, die sie auch für den Leser des Gedichtes gegenwärtig, erfahrbar, lebendig machen:

      […]

      Rivedo i fichi bianchi

      sugli alberi, le corniole

      le vernacce, sento l’odore

      del mosto e delle vinacce

      il gusto dei minestroni

      di cavoli e di verdura

      […]

      […]

      Ich sehe die weißen Feigen wieder

      auf den Bäumen, die Hörnchen- und

      die Vernaccia-Trauben, rieche den Dunst

      von Most und Trester,

      spüre den Geschmack der Karfiol-

      und der Gemüsesuppen

      […]2.

      Der Mechanismus der Erinnerung funktioniert hier über sinnliche Eindrücke: sehen, schmecken, riechen. Diese konkreten Erfahrungen können – auch aus der zeitlichen und örtlichen Entfernung – abgerufen, wiederbelebt und dem Leser mitgeteilt, ja, sogar – sofern sich dieser darauf einlässt – mit dem Leser geteilt werden. In diesem großen Sardinien-Gedicht, aus dem ich hier nur einen Teil zitiere, wird – über die Beschreibung bzw. Rekapitulation von Sinneseindrücken – eine vergangene, aber nicht verlorene Zeit erinnert, besungen und damit vergegenwärtigt.

      In anderen Gedichten macht der Dichter Erinnerung an Orten, Landschaften fest. Ich nenne einige: Karbach3, Torre del Pozzo4, Cornovaglia bzw. Cornouaille5, Bagno Vignoni6, Vignoni Alto7, Val d’Orcia8, Lausanne9, Juan les Pins10, Praga bzw. Prag11. Alle diese Orte erweisen sich als Stationen einer Erinnerungsarbeit, bei der sich die zeitliche Dimension an einer örtlichen festmacht.

      Dabei nimmt Sardinien einen Sonderstatus ein. Sardinien steht für jenen Teil des Lebens des lyrischen Ichs, der sich in einem Anderswo abgespielt hat und dem das lyrische Ich während seiner Sardinienbesuche nachspürt. Sardinien steht für die Kindheit und Jugend:

      In questa terra

      ci vengo per ricercare

      una matrice spenta

      Ogni incontro d’uomini

      rimprovera il tratto straniero

      il


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