Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs. Pavel Kohout

Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs - Pavel Kohout


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damit sie ihre Organisationen verraten, mußten sich an Hus halten. Aber: Kein Volk lebt dauernd in einem Ausnahmezustand. Grenzsituationen sind jedoch nur ein Bruchteil der Geschichte. Nur wer die Zukunft praktisch vorbereitet, kann die Konzeption des Volkes gestalten. Die Hussiten haben ihre Möglichkeiten überschätzt. Anstatt ihren Sieg politisch zu sichern, beschlossen sie, ganz Europa zum wahren Glauben zu bekehren. Ihre zwanzigjährige permanente Revolution hat das Volk erschöpft und buchstäblich eine Opposition aus dem Boden gestampft. Man lernt in der Schule, daß in der brudermörderischen Schlacht von Tschechen gegen Tschechen bei Lipany der treue hussitische Kleinadel gegen die verräterische Hocharistokratie kämpfte. Kaum jemand weiß aber, daß sich dort auch Generationen gegenüberstanden: die Generation der Fanatiker der Generation der Realisten.

      Wir waren empört.

      – Für dich sind Konterrevolutionäre also Realisten?

      – Keine Demagogie! wehrte er sich, geht auf den Inhalt der Worte. Der revolutionärste Flügel der Hussiten waren nach dem klassischen Muster die Chiliasten. Die Kommunion in beiderlei Gestalt genügte ihnen nicht, sie verlangten zudem vollständige Besitzlosigkeit. Und was taten die Hussiten? Sie massakrierten sie. Waren die Hussiten deshalb konterrevolutionär? Damals nicht. Die Chiliasten waren ihrer Zeit voraus, und ihre Rebellion bedrohte die Einheit der Revolution im Augenblick tödlicher Gefahr. Doch die Geschichte geht stets weiter. Fünfzehn Jahre später wird die revolutionäre Bewegung eine Militärdiktatur, die das Land in die Katastrophe führt. Darum müssen die Hussiten von der politischen Bühne abtreten, damit die Böhmischen Brüder auftreten können. Darum erscheint als Symbiose des Alten mit dem Neuen ein Hussitenkönig. Und Jiřík von Poděbrady vermag das Land zu konsolidieren, er rettet vor allem die Reformation. Durch seine Diplomatie verschafft er dem geschwächten Böhmen in Europa eine solche politische Position, wie sie die hussitischen Waffen nie erobert hatten.

      Ich schrie beinahe:

      – Aber ohne die Schlachten auf dem Vítkov-Berg, bei Ústí und bei Domažlice hätte er das nie erreicht! Žižka war es, der Europa den Respekt vor den Tschechen beibrachte! Man wußte dort nur zu gut, daß auch nach der Niederlage bei Lipany der Geist Žižkas in Böhmen fortlebte, daß wir im Augenblick wieder zu Gottesstreitern wurden!

      Ich sehe noch heute seinen strengen Blick, höre seine nachdenkliche Stimme:

      – Ich habe es nicht gern, wenn jemand spricht, als wäre er ein verdienter Gottesstreiter. Ich gebe zu, daß es Zeiten gibt, in denen das Volk auch Heerführer braucht. Ich bin froh, daß es seinen Žižka hatte. Nur: Jiřík sah Europa bis fünfhundert Jahre voraus, und er sah es richtig. Manchmal scheint es mir, er hat auch mit München gerechnet. Wie hat Žižka uns bei München geholfen?

      – Du bist also mit der Kapitulation einverstanden?

      – Nein ... ich kenne nur keine Alternative.

      – Die Alternative war der Kampf. Wir hatten eine Armee. Wir hatten Festungen. Wir waren verpflichtet zu kämpfen.

      Er nickte zweifelnd.

      – Vielleicht. Aber dann säßen wir heute möglicherweise nicht hier und könnten nicht über die Zukunft streiten.

      Ich griff ihn wieder an:

      – Sollen wir uns also alle zwanzig Jahre besetzen lassen und dann warten, bis uns jemand befreit? Worin besteht dann überhaupt der Sinn unserer nationalen Existenz? Wodurch sind wir ihrer würdig?

      – Ich denke darüber nach, sagte er, was von Žižkas kriegerischem Erbe noch bleibt in einer Zeit der Bombenteppiche und Panzerkeile. Dem Erbe des Comenius hingegen begegnest du heute in jedem Lehrbuch der Welt.

      Ich halte Fragmente seiner Gedanken fest. Das ist das einzige, was ich noch tun kann, damit er nicht so ganz, so unwiderruflich weggeht.

      Unsere Freundschaft mit ihm war eigentlich ein einziger langer Streit. Er bezweifelte vielleicht überhaupt alles. Er bezweifelte auch die Gedanken, die er selbst erarbeitet hatte. Er pflegte zu sagen, daß auch die größte Wahrheit am Abend nicht mehr gelte und am Morgen neu bewiesen werden müsse. Oft – so wie damals zum letzten Mal – waren wir absolut sicher, daß er sich irre, aber jedesmal reichten unsere Argumente nicht aus. Er hatte unendlich mehr gelesen als wir drei zusammen.

      Im Augenblick der Entscheidung widerrief er seine Worte durch eine Tat, die unwiderruflich war. Ich kann es immer noch nicht fassen.

      Ich sitze in meinem Zimmer, glücklich und verzweifelt zugleich. Die Straßen beben vor Freude. Eine Woche lang war mir übel von diesen Beamtenmäusen, die aus den Kellern hervorkrochen, um sich auf den zerschossenen Barrikaden photographieren zu lassen. Heute, im scharf gebündelten Licht seines Opfers, habe ich das Gefühl, daß auch ich zu ihnen gehöre.

      Was habe ich erreicht? Ich habe geholfen, die Einrichtung des Ansageraums in die Hus-Kirche zu bringen, nachdem ein Lufttorpedo das Funkhaus durchschlagen hatte und im Vestibül explodiert war. Dann habe ich drei Tage als gewöhnlicher Laufbursche Zettel hin und her getragen, die vielleicht gar keinen Sinn hatten. Mein Mut bestand vielleicht darin, daß ich nie zu A. hinüberging, damit sie mich keiner Schwäche verdächtigte. Und das einzig Außergewöhnliche, das mir widerfuhr, erweckt in mir nur Scham.

      Am Dienstagabend überbrachte ich den Technikern des Senders im Stadtteil Strašnice eine Nachricht. Vom Funkhaus zum Sender sind es normalerweise zehn Minuten mit dem Tram. Zu Fuß über die Barrikaden hat es drei Stunden gedauert. Dann kam die Nachricht, Panzer hätten den Rückweg abgeschnitten. Man hörte Kanonen donnern. So mußte ich bleiben.

      Im Büro des Direktors saß die zweite Schicht der Techniker. Sie sollten schlafen, aber sie suchten im Äther Hoffnungsfunken. Auf allen Wellenlängen läuteten die Glocken der europäischen Kathedralen, die den Frieden begrüßten. Wir waren mitten im Krieg. Schörners Armeekorps versuchte Prag einzunehmen, um es zur letzten Festung zu machen. Die Antenne über unseren Köpfen warf entmutigende Nachrichten in den Raum. Die Deutschen verbrannten in den Vorstädten Mietshäuser mit den Menschen. Auf dem Bahnhof Mitte stellten sie die Eisenbahner und Reisenden in einer Reihe auf, zählten sie ab und erschossen jeden zehnten gleich auf den Gleisen. Jetzt gingen sie also auf uns los.

      Ich lag auf dem Feldbett und wurde von Träumen geplagt. Ich hörte Mitternacht schlagen und faßte den Entschluß. Ich ging hinaus und sagte dem Kommandanten der Wache:

      – Eine Nachricht für die Hus-Kirche.

      Ich lief durch die Straßen, über die verlassenen Barrikaden hinweg. Ihr Fenster stand offen. Ich hangelte mich am Fenstersims hoch. Sie erwachte. Alles wiederholte sich bis zum Satz:

      – So komm, wir werden einander haben ...!

      Diesmal ging ich nicht fort. Ich riß den Stoff weg, der mich beengte wie ein Panzer. Dann umarmte ich sie, und beseligt fühlte ich, wie wir uns vereinigten. Ein heißer Schmerz. Er währte nur einen Augenblick. Dann fiel ich voll Erleichterung in die Tiefe.

      Plötzlich dröhnte Eisen. Ihr Vater stürzte ins Zimmer und rüttelte mich roh an der Schulter.

      – Aufstehen!

      Ich lag wieder auf dem Feldbett. Einer der Techniker beugte sich zu mir.

      – Aufstehen! Die Deutschen!

      Ich erwachte. An den Schenkeln fühlte ich eine nasse Wärme. Ich will in diesem Tagebuch immer aufrichtig sein. Wenn die Zeit einmal die Gegenwart in Legende verwandelt, will ich darin mein wirkliches Bild finden.

      So sahen also meine letzten Kriegsminuten aus: Mit dem Bajonett in der Hand kauerte ich unter dem Fenster, hinter dem sich das metallene Dröhnen der Stahlraupen näherte. Jemand betete halblaut. Ich war zu keinem Gedanken fähig, spürte nur meine Hose an den Schenkeln kleben und hatte das demütigende Gefühl, daß ich peinlich nutzlos sterbe.

      In der Dämmerung tauchten die drohenden Umrisse des ersten Panzers auf.

      So, das ist also alles. Das war mein ganzes glorreiches Leben.

      Dann schrie jemand unten im Hof.

      – Die Russen!!

      Was


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