Tote Vögel singen nicht. Christian Klinger

Tote Vögel singen nicht - Christian Klinger


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ist Rudolf Leopold?“, fragte sie und es schien im Gegensatz zu ihren Schilderungen über Nizza, Paris und Basel diesmal ehrlich. Sie hatte keine Ahnung. Ich rechnete nach und kam zu dem Schluss, dass Leopold gut zehn Jahre tot war. Da war sie noch ein Teenager gewesen und ziemlich sicher an anderem interessiert. Ich betrachtete sie näher, was in dem schwachen Licht nicht einfach war. Sie hatte große Augen, eine kleine Nase und sonst die Gesichtszüge einer Puppe, war daher altersmäßig schwer einzuschätzen, aber wahrscheinlich noch keine dreißig. Kein Wunder, dass wir nicht über Gemeinsamkeiten reden konnten. Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Niemand, ich meinte das Museum im …“

      „Das kenn’ ich“, sie strahlte mich an, ihre Augen bildeten nun schwarze Knöpfe in diesem plüschweichen Gesicht. „Leopold, natürlich. Da gibt es jeden Freitag Chill-Out und die Deejays legen echt geil auf. Nicht so eine alte Kacke wie hier.“ Mit dem Kopf machte sie eine Geste in Richtung des Mischpults.

      Mir gab es einen Stich, denn es lief „Higher Ground“ von Stevie Wonder und im selben Moment zwang ich meinen zuckenden Oberkörper wieder starr zu sein. Ich hatte meine Hand auf ihrem Arm liegen und sie drückte ihren Schenkel gegen mein Bein.

      „Vielleicht willst du woanders hin, wenn dir die Musik hier nicht gefällt?“

      „Warum gehen wir nicht endlich bumsen?“

      So kam ich in dieses Hotel. Mein Kopf brummte und einzelne Teile des Abends liegen noch immer bedeckt unter einer dicken Eisschicht ohne Hoffnung auf eine baldige Klimaerwärmung. Wir waren mit dem Taxi losgefahren und ich weiß noch, dass sie meine Versuche, sie am Busen oder zwischen den Beinen zu berühren, effizient abgewehrt hatte. Ich hatte mehr getrunken als mir guttat und war so geil, dass ich mich am liebsten noch im Fond des Wagens auf sie geworfen hätte, was der indische Taxifahrer wohl mitbekommen haben musste, denn seine weißen Augen, die unter seinem Turban hervorstachen wie zwei Xenonlichter, waren mehr auf den Rückspiegel als auf die Straße geheftet. Wahrscheinlich hatte er auf Action gehofft, wie sie Bollywood-Filme selten bieten. Aber vielleicht hätte er auch nur angehalten und uns gesteinigt. In Indien geht man gegen Moralverstöße eher archaisch vor.

      Bei jeder Ampel läutete Schneewittchens Handy und sie würgte die Gespräche genauso schnell ab wie meine Annäherungsversuche. Sie ließ sich in die Garage bringen und ich fragte mich, ob sie vermeiden wollte, dass man uns am Eingang gemeinsam sah. Wir stiegen aus und sie sagte, sie hätte noch kurz etwas zu erledigen. Sie drückte mir ihr Mobiltelefon in die Hand und ließ mich den Fahrer bezahlen. Als Ihr Handy abermals läutete, warf ich es genervt in einen Mistkübel.

      Endlich waren wir im Zimmer. Aus der Minibar hatten wir uns einen Drink genommen. Ich saß am Bettrand. Wir hatten uns bislang nicht vorgestellt. Und genau genommen waren unsere Namen vollkommen egal. Dennoch sagte ich: „Du kennst nicht einmal meinen Namen.“

      „Namen sind jetzt wurscht. Außerdem weiß ich genau, mit wem ich mich einlasse. Ich nenne dich einfach Mister Big.“ Sie machte eine Kunstpause und ihre Lippen schmollten mich äußerst sexy an, dann setzte sie nach: „Und ich hoffe, du enttäuscht mich nicht.“

      Sie hätte mir nicht auf den Schritt schauen müssen, damit ich kapierte, was sie sich erhoffte, und ich überlegte, ob ich jetzt noch aus dieser Nummer herauskommen würde, bevor es zu peinlich für mich wurde. Aber wenigstens durfte ich meinen Namen für mich behalten. Ich heiße Cosinus Gauß. Das kommt davon, wenn man einen Vater mit diesem Nachnamen hat, der noch dazu Mathematikprofessor ist.

      „Ich heiße Maria.“

      „Für mich bist du Schneewittchen.“ In diesem Moment hätte ich wegen meiner Blödheit aus der Haut fahren wollen. Nicht schon wieder alles vermasseln!

      Doch sie verzog nur die Mundwinkel zu einem schelmischen Grinsen und kleine Grübchen bildeten sich dabei auf ihren Wangen. Sie sagte: „Wusstest du nicht, dass Schneewittchen in Wirklichkeit Maria hieß?“

      Ich wusste es nicht. Ich machte Augen wie ein Kindergartenkind, dem man ein Märchen vorliest.

      Sie erklärte weiter: „Die Brüder Grimm hatten für die Figur des Schneewittchens Maria Magdalena als Vorbild.“

      Mann war die gut! Sie konnte lügen, dass sich die Balken bogen und dass ich sie am liebsten gefragt hätte, ob sie bei mir in der Kanzlei einsteigen wolle. Doch ich wollte sie lieber ins Bett bekommen.

      „Gib zu, auch das wusstest du nicht.“ Sie machte kleine Schritte auf mich zu. Bei jedem Buchstaben eine Zehenspitze näher zu mir. Dabei knöpfte sie ihre Bluse auf, schlüpfte aus den Schuhen und hatte ihre Augen zu Schlitzen verengt; wie eine Raubkatze bei der Jagd. In mir wuchs die Vorfreude und an mir noch etwas anderes.

      Und genau in dem Moment, als sie die Bluse abstreifte und ich vom Bett hochschnellte, um sie mir zu nehmen, wurde mir schwindelig und ich sackte ohnmächtig zu Boden.

      Ich erwachte in der beschriebenen Position, halb auf das Bett gestreckt. Die Matratze hatte mich aufgefangen und meinen Sturz gebremst. Dabei wäre eine Beule am Kopf im Moment das geringste Übel gewesen. Doch im Zimmer gemeinsam mit einer Leiche, das machte alles andere als einen schlanken Fuß. Ein Bild durchbohrte meine Vorstellung wie das Schwert des Magiers den Kasten mit der Jungfrau. Ich, wie ich auf Schneewittchen knie und ihr den Hals mit einem Skalpell durchtrenne.

      Mir fehlt zum Glück das Panik-Gen, das manche Leute in prekären Situationen den Kopf verlieren und die Flucht antreten lässt. Selbst wenn man mir das Messer an die Gurgel setzt, bleibe ich rational. Das war jetzt natürlich ein blödes Bild, denn Schneewittchen hatte mir bewiesen, dass man mit dem Messer am Hals auch sterben kann.

      Ich spielte meine Möglichkeiten durch. Aufstehen und abhauen war eine davon. Aber gut möglich, dass ich dann dem Portier in die Arme gelaufen wäre – oder der Polizei. Wer immer die Kleine auf dem Gewissen hatte, war sicher dankbar, in mir den passenden Sündenbock gefunden zu haben. Gut möglich, dass der Mörder bereits die Polizei verständigt hatte. Abhauen war also durchaus eine Option. Abhauen ja, aber überlegt.

      Ich fragte mich, ob ich irgendwelche Personalien am Hotelempfang hatte angeben müssen. Doch dunkel hatte ich in Erinnerung, dass Schneewittchen die Magnetkarte für das Schloss an der Zimmertür bereits bei sich getragen hatte. Wir waren auch mit dem Lift von der Parkgarage direkt in die Etage gekommen, ohne irgendwelche Formalitäten zu erledigen. Das war gut. Das war sogar sehr gut. Verschwinden war also die weit bessere Option, als hier zu bleiben und den nutzlosen Versuch zu unternehmen, der Polizei meine Unschuld zu erklären. Ich war das Bauernopfer, dem man die „smokin’ gun“ in die Hand gedrückt hatte und dem niemand glauben würde.

      Ich blickte mich nochmals um. Ich hatte nichts mitgebracht und würde nichts mitnehmen. Das Dumme war nur, dass überall meine DNA verteilt war. Mit Fingerabdrücken hält sich die moderne Kriminalistik gar nicht mehr auf, wenn sie aus einem Speicheltröpfchen meine gesamte Genealogie herauslesen kann. Aus einer Wimper können die Techniker die Haarfarbe irgendeiner Urahnin aus dem Kaukasus bestimmen und aus den Sekretrückständen meiner Fingerkuppen beim Betätigen der Klospülung, nachdem ich meinen Schwanz ausgeschüttelt hatte, wahrscheinlich sogar den Zeitpunkt meines ersten Orgasmus bestimmen: Ich war 17 und es geschah neben dem Turnsaal im Gerätekammerl, dort hinter dem Barren mit Emily Werner. Emily war nicht sonderlich hübsch. Das Beste an ihr war der Geruch nach den Erdbeerschnüren, die sie den ganzen Vormittag über den Unterricht verteilt in sich stopfte. Sie hatte leichte Speckwulste um Bauch und Hüften, außerdem ein rundes Gesicht mit viel zu großen Brillen, aber sie hatte ordentliche Brüste und ließ die meisten von uns Jungs drüber, auch wenn wir uns nicht in ihr ergießen durften. Wenn sie merkte, dass ein Typ am Kommen war, drückte sie ihn aus ihrer Mitte hinaus und ließ ihn in ihre Hand spritzen. In guten Turnstunden schaffte sie zwei von uns. Einen zu Beginn, wenn das Zeugs für die Turnübungen herzurichten war, und den zweiten am Ende der Stunde, wenn es hieß „einpacken und umziehen“. Einer von uns durfte dann auspacken und sie ausziehen. Die Turnmatte, auf der wir es mit ihr trieben, wurde mit der Zeit ein Ejakulat-Biotop und mir taten die Kleinen aus den Unterstufen leid, die auf der verkrusteten, blau genoppten Oberfläche Übungen machen mussten.

      Wie gerne wäre ich jetzt auf der pummeligen Emily Werner gelegen


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