Die Chroniken Aranadias I - Die Tochter des Drachen. Daniela Vogel

Die Chroniken Aranadias I - Die Tochter des Drachen - Daniela Vogel


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er vor Ruben auf den Tisch legte, sodass das Siegel, das sich darauf befand, in seine Richtung zeigte. Ruben erkannte ihn sofort. Das Siegel zeigte einen Drachen, der sich um ein Schwert ringelte. Ähnlich, wie es auch bei dem Siegel seines Onkels der Fall war, nur dass sich bei seinem eine Rose zu dem Drachen gesellte. Dieser Ring gehörte eindeutig seinem Cousin. Er erinnerte sich noch genau daran, wie der damals Elfjährige ihn in einer feierlichen Zeremonie erhalten hatte. Anschließen war ihm, das Symbol, unter großem Geschrei, auf den Oberarm tätowiert worden. Sein Onkel meinte damals, der Kleine würde nie ein tapferer, edler Prinz, denn er hatte dem Zeremonienmeister dabei in die Hand gebissen und alle Anwesenden mit den schlimmsten, ihm bekannten Beschimpfungen bombardiert. Bei dem Gedanken an diese Geschichte, musste Ruben unweigerlich grinsen.

      »Setzt Euch!« Ruben gab Lukas ein Zeichen. Der junge Mann erhob sich widerwillig von seinem Platz. Edward hingegen nahm Rubens Angebot dankend an.

      »Es ist normalerweise nicht meine Art, vor Leuten, wie Euch, wie ein Vagabund zu erscheinen, aber die Umstände zwingen mich leider dazu. Mein Leben hat man mir gelassen, aber alles andere hat sie mir genommen. Ich hasse sie!«, Ruben war irritiert.

      »Wen hasst Ihr?«

      »Die Königin! Gott möge seine Heerscharen schicken und sie in die tiefste Hölle zerren.« Ruben sah den Alten nachdenklich an.

      »Was hat sie getan, dass Ihr sie derartig verflucht?«

      »Dinge, die so unbegreiflich sind, dass sie nur ...", Edward hielt inne.

      »Erzählt uns Eure Geschichte. Vielleicht können wir Euch irgendwie helfen. Unsere Beziehungen reichen weit!« De Tourance zögerte.

      »Genau das hat er auch gesagt. Zuerst habe ich ihm nicht geglaubt. Doch wenn ich mir Euch und Euer Schiff so ansehe ... Also gut! Ich werde erzählen! Aber es wird Euch nicht gefallen. Was geschehen ist, ist so unvorstellbar, dass Ihr mich nachher wahrscheinlich für verrückt haltet. Aber ich bin nicht verrückt. War es nie. Also hört zu:

      Zu König Williams Zeiten war mein Vater bereits Hoflieferant des Palastes. Alle wichtigen Aufträge gingen an ihn. Ich, als sein ältester Sohn, sollte, nach seinem Tod, die Geschäfte weiterführen. Das habe ich auch getan. Alles entwickelte sich bestens. Ich baute unsere kleine Handelsflotte aus. Ich kaufte ein großes Haus, stellte viele Bedienstete ein, und heiratete schließlich. Im Laufe unserer Ehe bekamen wir zwei Söhne. Alles war nahezu perfekt. Bis vor einem Jahr. Damals geschah etwas, was mein ganzes Leben unwiderruflich aus der Bahn geworfen hat. Hätte es diesen verfluchten Tag bloß nie gegeben!« Er holte tief Luft, sammelte sich und sprach dann weiter.

      »Ich wurde, wie schon so oft, in den Palast gerufen. Königin Roxane und Prinzessin Rilana waren gerade aus Barwall in die Stadt zurückgekehrt. Da ich unter anderem auch dafür bekannt war, immer mit der feinsten Seide zu handeln und mein Schneider sich auf die neuste Mode verstand, ließ mich die Königin jedes Jahr, zur selben Zeit rufen, um Kleider für sich und die Prinzessin anfertigen zu lassen. Mein Schneider, Peter, begleitete mich. Wir wurden, mit samt unserer Ware, in die Räumlichkeiten der Königin geführt. Prinzessin Rilanas Amme kam kurz zu uns und teilte uns mit, dass sich die junge Hoheit in ihre Gemächer zurückgezogen hätte. Die alte Arana erzählte uns, die Prinzessin sei, bleich und vollkommen entkräftet aus Barwall zurückgekehrt. Sie war sehr besorgt und meinte, dass es mit jedem Jahr schlimmer würde. Auch hätte sie große Angst um die Prinzessin, denn Barwall würde ihr nur schaden. Anders die Königin! Für sie wäre Barwall der reinste Jungbrunnen, denn sie würde jedes Jahr strahlender aus ihrem Winterquartier zurückkehren. Arana verabschiedete sich von uns und wir warteten in der Halle darauf, endlich unseren Geschäften nachgehen zu können. Wir breiteten die Stoffe aus und legten Bänder und Gürtel bereit, als wir laute Stimmen aus dem Schlafgemach hörten. Es waren Königin Roxane und Gregory de Beriot, die sich lauthals stritten. Wir hätten besser gleich die Flucht ergreifen sollen, dann wäre uns so Einiges erspart geblieben, aber, im Nachhinein ist man immer klüger.« Ruben, inzwischen hellhörig geworden, sah zu Marcus und Lukas hinüber. Auch die beiden anderen Männer beobachteten den Alten nun mit zunehmendem Interesse.

      »Ich würde Euch ja auch nicht mit meiner Geschichte belästigen«, fuhr de Tourance fort, »doch, Euer Freund meinte, sie wäre für Euch von enormer Wichtigkeit. Er jedenfalls erteilte seinem Diener, kurz nach meiner Erzählung, den Auftrag nach Barwall zu reisen. Kurze Zeit später brach auch er dorthin auf, während er mich zu Euch sandte.«

      »Erzählt weiter!«, forderte Ruben de Tourance auf. »Über unseren Freund können wir dann später noch reden.« Der Alte nickte.

      »Darf ich Euch etwas anbieten? Wein? Oder ein paar Früchte?«

      »Danke gerne! Es ist lange her, dass man mich so zuvorkommend behandelt hat.« Ruben füllte einen Becher mit Wein und reichte ihn dem Alten. Der Kaufmann trank genüsslich einen Schluck, dann lehnte er sich zurück.

      »Ein guter Wein! Aus Baranagua habe ich recht?« Ruben grunzte, während Lukas sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. »Aber, wo war ich stehen geblieben?«

      »Ihr erwähntet, dass Ihr in der Halle wartetet und hörtet, wie sich die Königin mit de Beriot stritt!«, meldete sich nun Marcus zu Wort.

      »Ach ja! Ich stand also mit Peter in der Halle. Die Königin schrie de Beriot an, er solle sich genau an ihre Pläne halten. Die Zeit sei noch nicht reif. Sie müssten noch bis zu Rilanas achtzehntem Geburtstag warten, eh man es vollenden könnte. Arana würde mittlerweile misstrauisch. Sie hätte bemerkt, dass mit der Prinzessin etwas nicht stimmen würde. Die jährlichen Zeremonien würden sie zunehmend schwächen. Außerdem wüsste er nur zu gut, dass das Ritual nur durchgeführt werden könne, wenn die Hauptperson mindestens achtzehn Jahre alt und noch Jungfrau sei. Rilanas Geburtstag sei dafür geradezu gemacht. De Beriot war dagegen der Meinung, sie sollten das Ritual sofort vollziehen. Er könne nicht mehr lange dafür garantieren, dass Rilana ihnen nicht auf die Schliche käme. Seine Tränke wären nicht mehr so wirksam, wie noch vor einem Jahr und er habe Angst, die Prinzessin würde bei einer der Zeremonien aufwachen und so die ganze Wahrheit erfahren, ohne darauf vorbereitet zu sein. Roxane schrie de Beriot daraufhin immer lauter an und nannte ihn einen erbärmlichen Wurm, der besser weiter kriechen solle, als sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die ihn im Grunde genommen nichts angingen und auch nicht direkt betrafen. Er wäre ein elender Feigling, wenn ihn schon solche Kleinigkeiten aus der Fassung bringen könnten.«

      Ruben schluckte. Roxane hatte also wirklich etwas mit Rilana geplant. Sie nannte es »das Ritual«. Was konnte diese Hexe nur mit dem Mädchen vorhaben und welche Zeremonien fanden schon seit Jahren statt, ohne dass Rilana etwas davon bemerkte? Ruben konnte sich keinen Reim darauf machen. So sehr er auch grübelte, ihm fiel keine Antwort auf seine Fragen ein. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass sich Lukas auf ihn zu bewegte.

      »Hast du das gehört? Etwas liegt in der Luft und wir haben nicht mehr viel Zeit herauszufinden, was es ist! Rilana feiert noch in diesem Jahr ihren 18ten Geburtstag, dann erfüllen sich die Voraussetzungen für dieses, wie nannte der Alte es noch gleich, ach ja, »Ritual«. Gott gebe, dass uns schnell etwas einfällt, andernfalls ist es wohl möglich zu spät. Dein Vater hätte bestimmt Rat gewusst. Er war immer derjenige, der aus solch einer Situation einen Ausweg fand. Aber, leider weilt er schon seit Jahren nicht mehr unter uns. Gott, sei seiner Seele gnädig.« Ruben zuckte bei der Erwähnung seines Vaters unwillkürlich zusammen, dann nickte er und Edward fuhr fort.

      »De Beriot verteidigte sich. Das wäre es nicht allein. Sie solle auch bedenken, dass das Versprechen König Williams noch immer Gültigkeit hätte. Rilana sei jetzt in dem Alter, in dem man es schon längst hätte einlösen können und müssen. Dementsprechend würde König Samuel immer öfter Boten nach Aranadia entsenden. Er könne nicht mehr lange verhindern, dass die Prinzessin etwas davon erführe. Noch hätte er alles fest in der Hand, aber, wenn Samuel künftig damit fortführe, könnte er nicht garantieren, dass Rilana ahnungslos der Tatsache gegenüber bliebe, dass sie dem Prinzen von Baranagua als Braut versprochen sei. Er wollte wissen, was er der Prinzessin antworten solle, wenn sie ihn darauf anspräche, warum sie ihren zukünftigen Ehemann bisher noch nicht kennengelernt hätte, und warum ihre bevorstehende Hochzeit noch nie erwähnt worden sei. Roxane meinte daraufhin, er solle sich nicht so anstellen.


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