Die Chroniken Aranadias I - Die Tochter des Drachen. Daniela Vogel

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was auf dem Spiel stünde. Außerdem hätte sie ja auch Mittel und Wege gefunden, sein kleines Geheimnis, wie sie es nannte, all die Jahre zu verbergen.

      Peter und ich hatten genug gehört und wollten gerade den Raum verlassen, als die Königin wutentbrannt in den Saal stürmte. Zunächst nahm sie uns gar nicht wahr, doch dann sah sie uns. Etwas so Hasserfülltes, wie diese Augen, habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Sie funkelte uns an, als wolle sie uns auf der Stelle töten, aber, weit gefehlt. Von einem zum anderen Moment änderte sich ihre Stimmung in jeder Hinsicht. Sie setze das zauberhafteste Lächeln auf, das ich je zu Gesicht bekommen habe, suchte Stoffe aus, ließ Maß nehmen und verabschiedete uns schließlich mit den Worten: »Ich hoffe für Euch beide, dass Ihr Euer verbleibendes Dasein zu schätzen wisst, denn Ihr könnt Euch doch denken, dass ich mich erkenntlich zeige und Eure Bemühungen entsprechend honorieren werde.« Dann lachte sie. Ich bekam eine Gänsehaut. Auch heute noch dröhnt es in meinen Ohren. Sie ist ein Teufel. Der Satan höchstpersönlich. Ich hoffe, sie fährt zur Hölle und schmort dort im ewigen Feuer!« De Tourance bekreuzigte sich. Die Männer waren, wie versteinert. Nur das Flackern der Kerze brachte Bewegung in den Raum.

      »Wenn ich damals gewusst hätte«, begann der Alte von Neuem, »was sie mit mir vorhatte, hätte ich das nächstbeste Schwert genommen und mich hineingestürzt. So aber ging ich, mit einem merkwürdigen Gefühl im Magen, nach Hause.« Edward führte seinen Becher erneut an seine Lippen. Seine Hände zitterten. Ruben sah, dass der alte Mann, all seine Kraft zusammennehmen musste, um weiter zu erzählen.

      »Das war eigentlich der harmlosere Teil meiner Geschichte. Soll ich weitererzählen?«

      »Ich bitte darum!«

      »Peter und ich eilten, so schnell wir konnten, zu meinem Haus. Wir redeten nicht über die Dinge, die wir gehört hatten. Wahrscheinlich aus Angst, etwas heraufzubeschwören, das wir nicht aufhalten konnten, oder um niemand anderen in Gefahr zu bringen. Ich glaube, uns war trotzdem durchaus bewusst, dass die Geschichte damit nicht beendet war. Peter verließ bei Sonnenuntergang mein Haus. Am nächsten Morgen fand man ihn, mit durchgeschnittener Kehle und abgetrennten Ohren, in einer belebten Straße dieser Stadt. Meine Frau und meine beiden Söhne befanden sich, zu diesem Zeitpunkt, gerade bei Verwandten. Ich war froh, dass sie so weit entfernt und in Sicherheit waren, denn meine Angst steigerte sich nahezu stündlich.« Edward ergriff seinen Becher Wein und leerte ihn in einem Zug. »Ich war vollkommen unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, denn Peters Tod ging mir außerordentlich nahe. Genau genommen arbeitete er nicht nur für mich, sondern war auch einer meiner engsten Freunde. Gegen Mittag traf ein Bote der Königin bei mir ein, der mir ein Geschenk von ihr überbrachte. Ich ahnte, dass es nichts Gutes beinhalten konnte, aber, was ich dann zu sehen bekam, ließ mein Herz für einen Bruchteil einer Sekunde aussetzen. Sie schickte mir doch, wirklich und wahrhaftig, Peters Ohren. Ich geriet in Panik. Mir wurde zunehmend klar, dass auch ich nicht mit heiler Haut davonkäme. Ich wollte fliehen, aber wohin? Außerdem hätte ich vermutlich nur meine Familie in Gefahr gebracht. Also wartete ich ab. Eine Woche lang geschah nichts. Ich wähnte mich schon in Sicherheit. Dann kamen sie. Drei Männer aus der Leibgarde der Königin. Sie brachten mich in die Burg und führten mich in das Verlies. Ich beteuerte immer wieder, ich hätte nichts verbrochen und sie sollten mich freilassen, doch die Männer zeigten keinerlei Regung. Sie sperrten mich in eine Zelle zu einigen heruntergekommenen Gestalten, die vor lauter Schwäche kaum in der Lage waren zu sprechen. Dort ließen sie mich eine Nacht. Als der Morgen hereinbrach, kamen vier weitere Männer in die Zelle und zerrten mich in ein Gewölbe, tief unter der Burg. Die Kammer, in die sie mich nun brachten, war nur halb so hoch, wie normale Räume. Ihre Wände waren rau und feucht. Von außen gelangte kein Lichtstrahl in das düstere Loch, denn nirgendwo befand sich ein Fenster. Ich hatte schon des Öfteren davon gehört, dass die Königin für spezielle Gefangene extra Räume in den untersten Kellergewölben hatte bauen lassen. Doch als ich jetzt solch eine Kammer mit meinen eigenen Augen sah, hoffte ich, es handele sich nur um meine Wahnvorstellungen. Jetzt ergriff mich wirklich und wahrhaftig die Panik. Ich schrie und wehrte mich, aber gegen die Übermacht der Soldaten war ich machtlos. Einer versetze mir einen Schlag auf den Hinterkopf, und als ich erwachte, lag ich angekettet und fast nackt auf dem kalten Boden in der Kammer hinter einer fest verschlossenen Tür. Ich befand mich in vollkommener Dunkelheit. Mein Kopf dröhnte. Ich zerrte an meinen Ketten. Dann schrie und flehte ich die verschlossene Tür an. Ich rief, sie sollen mich herauslassen. Ich hätte niemandem etwas getan. Ich hätte Familie. Alles wäre nur ein dummes Missverständnis. Aber niemand reagierte auf meine Schreie. Ich konnte mich nicht hinstellen, geschweige denn laufen. Als ich merkte, dass all mein Bestreben keinen Sinn hatte, kauerte ich mich in eine Ecke und heulte, wie ein kleines Kind. Einmal, vielleicht auch zweimal am Tag, ging eine kleine Luke in der Tür auf und man schob mir Wasser und etwas zu Essen durch die Öffnung. Einzig und allein der Gedanke an meine Frau und meine beiden Söhne hielt mich am Leben.

      Die erste Zeit versuchte ich noch, die Tage zu zählen, aber man verliert schnell den Überblick, wenn man scheinbar endlos in völliger Dunkelheit sitzt.« Marcus ging auf den alten Mann zu, dem jetzt Tränen in den Augen standen. Tröstend legte er eine Hand auf dessen Schulter.

      »Junger Mann«, Edward sah ihm tief in die Augen. »Wärt Ihr so freundlich und würdet mir Euer Alter verraten?«

      »Ich?« Marcus sah zu Ruben hinüber, der ihm wohlwollend zunickte.

      »Siebenundzwanzig!«

      »Wie alt schätzt Ihr mich?« Edward warf seinen Blick in die Runde. Die drei Männer wirkten irritiert und schwiegen.

      »Ihr seht so aus, als habe Euch die Anzahl Eurer Jahre zu einem weisen Mann gemacht.«, es war Ruben, der die Stille durchbrach.

      »Blumig umschrieben, aber weit gefehlt, junger Mann. Wenn ich Euch so betrachte und Euer Alter schätzen müsste, dann würde ich sagen, dass Ihr nur unwesentlich jünger seid als ich.« Ruben war verwirrt. Er wusste zwar, dass eine lange Kerkerhaft, Menschen altern lassen konnte, aber, dass sie aus einem Mann, der in der Blüte seiner Jahre stand, einen Greis machte, war ihm neu. Edward bemerkte den Gesichtsausdruck seines Gegenübers. »Glaubt mir, ich habe mich selbst nicht wieder erkannt, als ich mich das erste Mal, nach meiner Kerkerhaft, sah. Aber lasst mich meine Geschichte zu Ende erzählen, dann werdet Ihr verstehen.

      Ich weiß nicht,« sprach er weiter, »wie lange ich in diesem Loch gesessen habe. Wie schon gesagt, hatte ich langsam den Überblick verloren. Mein Verstand schwand ebenfalls. Meine Gedanken kreisten um meine Familie. Was würden sie sagen, wenn sie mich hier so sehen könnten? Ich wollte meiner Frau die Schmach ersparen, jemals zu erfahren, was mit mir geschehen war. Da ich sowieso die Vermutung hatte, die Königin ließe mich in diesem Loch verrotten, beschloss ich ihr zuvorzukommen und einfach zu sterben. Ich verweigerte die Nahrung, denn ich wusste, dass das die einfachste und einzige Methode war, meinem Leben ein Ende zusetzen. Mit jedem Tag wurde ich schwächer, aber auch glücklicher, denn nun hatte ich endlich die Fäden selbst in meiner Hand. Aber dann, als ich schon fast vollkommen kraftlos, mich meinem Schicksal ergeben hatte, ging die Tür auf. Die Fackeln des Ganges warfen gleißendes Licht in meine Kammer. Ich war geblendet. Meine Augen tränten und brannten. Ich bemerkte, wie jemand in den Raum kroch, mich von den Ketten befreite und dann an den Füßen aus der Kammer zog. Ich war nicht fähig zu stehen, geschweige denn zu laufen. Zwei Männer ergriffen mich, zerrten mich auf meine Füße und schleiften mich dann durch die Gewölbe. Ich hörte, wie sie mehrere Türen öffneten.

      Unser Ziel war ein hell erleuchteter Raum. Sie drückten mich auf einen Hocker und ließen mich dort allein zurück. Meine Augen brannten noch immer, aber es gelang mir zunehmend, meine Umgebung wenigstens schemenhaft wahrzunehmen. Ich hatte Angst. Mit meinem Tod hatte ich mich ja bereits abgefunden, aber anscheinend hatte man mit mir etwas anderes vor und das bereitete mir Entsetzen. Ich hörte leise Schritte, die langsam lauter wurden und schließlich vor mir zum Stehen kamen. »Schön Euch wieder zu sehen. Wie ist es Euch in all der Zeit ergangen? Ich hoffe Ihr habt meine Gastfreundschaft genossen! Ihr seht schlecht aus! Hat man Euch nicht zuvorkommen behandelt? Es würde mir leid tun, zu erfahren, dass meine Gäste mit ihrer Unterbringung nicht zufrieden waren!« Diese Stimme kannte ich genau. Sie gehörte der Königin. Ihre höhnischen Worte raubten mir den letzten Rest meines Verstandes. Ich wollte mich auf sie


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