Pandemie! II. Slavoj Žižek

Pandemie! II - Slavoj Žižek


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      In dieser fulminanten Fortsetzung seines Buches Pandemie! COVID-19 erschüttert die Welt widmet sich Slavoj Žižek den ungewöhnlicheren Aspekten der Corona-Pandemie. Er untersucht die Auswirkungen von Fehlernten auf unsere Nahrungsmittelversorgung, die weltweite Ausbeutung der Beschäftigten im Pflegesektor sowie den zunehmenden Widerstand all jener, die unter „Pandemiemüdigkeit“ leiden. Anhand dieser und anderer Beispiele zeigt er, dass der zeitgenössische Kapitalismus nicht in der Lage ist, die Öffentlichkeit in Krisenzeiten zu schützen. Virtuos verbindet Žižek Kritische Theorie mit Popkultur und Psychoanalyse und enthüllt dabei die verstörende Dynamik von Wissen und Macht in Zeiten der Pandemie.

      Slavoj Žižek, geboren 1949 in Ljubljana, ist Philosoph und Psychoanalytiker.

      Slavoj Žižek

      Pandemie! II

      Chronik einer verlorenen Zeit

      Aus dem Englischen von

      Andreas Pöschl

      Passagen Thema

      herausgegeben von

      Peter Engelmann

      Deutsche Erstausgabe

      Titel der Originalausgabe: Pandemic! 2. Chronicles of a Time Lost Aus dem Englischen von Andreas Pöschl

      Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de/ abrufbar.

      Alle Rechte vorbehalten

      eISBN 978-3-7092-5044-0

      ISBN 978-3-7092-0449-8

      © 2020 Slavoj Žižek

      Published by arrangement with OR Books, New York

      © der dt. Ausgabe 2021 by Passagen Verlag Ges. m. b. H., Wien

      Grafisches Konzept: Gregor Eichinger

      Satz: Passagen Verlag Ges. m. b. H., Wien

       http://www.passagen.at

      Inhalt

       Einführung: Warum ein Philosoph über die Obst-und Gemüseernte schreiben sollte

       Was wir nicht wissen, was wir nicht wissen wollen und was wir tun können

       Der erste Mai in der Welt des Virus

       Covid-19, Klimaerwärmung, Ausbeutung – ein und derselbe Kampf

       Warum es nicht radikal genug ist, Denkmäler zu stürzen

       Vom Vater … oder Schlimmerem

       Sex in Zeiten von sozialer Distanzierung

       Die (nicht so) schöne neue Welt von Schweinen und Menschen

       Eine berührungslose Zukunft? Nein, danke!

       Wo sind Greta und Bernie?

       In welchem Film sind wir eigentlich gerade?

       Tote im Paradies

       Wir stehen gerade vor einem ganzen Sortiment von Welten

       Keine Frage, die rote Pille … aber welche?

       (Noch zu früh für einen) Schluss: Der Wille zum Nichtwissen

       Anhang: Vier Betrachtungen über Macht, den äußeren Schein und Obszönität

       Anmerkungen

      Für all diejenigen, die in einem solchen Elend leben, dass sie Covid-19 ignorieren und als vergleichsweise geringe Gefahr ansehen.

      Einführung: Warum ein Philosoph über die Obst- und Gemüseernte schreiben sollte

      Etwas ist faul im nördlichen Nordwesten – und ich spreche hier nicht von dem Hitchcock-Klassiker North by Northwest, sondern von der Stadt Gütersloh im nördlichen Nordwesten Deutschlands, wo Mitte Juli 2020 mehr als 650 Arbeiter in einer Fleischverarbeitungsfabrik positiv auf Covid-19 getestet und in den darauffolgenden Wochen Tausende in Quarantäne geschickt wurden. Wie so oft geht es um Klassenunterschiede: Man hat Arbeiter aus dem Ausland geholt, die einen schmutzigen und gefährlichen Job erledigen sollen.

      Der gleiche übelriechende Geruch strömt aus allen Ecken der Welt. Ende des Frühjahrs 2020 verfault in Tennessee im Süden der USA tonnenweise nicht geerntetes Obst und Gemüse. Warum? Weil dort in einem landwirtschaftlichen Betrieb alle Arbeiter, insgesamt fast 200 Angestellte, positiv auf Covid-19 getestet wurden, nachdem einer der Arbeiter an dem Virus erkrankt war.1

      Dies ist nur eines von vielen Beispielen, wie die Pandemie die Nahrungsmittelversorgung bedroht: Der Anbau von Produkten, die nur von Hand geerntet werden können, ist auf Hunderttausende, meist ausländische Saisonarbeiter angewiesen, die in Bussen zusammengepfercht herumgefahren werden und in beengten Unterkünften schlafen – ideale Voraussetzungen für das Virus, um sich fortzupflanzen. Die Fallzahlen werden sicher noch weiter steigen, da die Ernte schnell eingefahren werden muss, sobald die Nahrungsmittel reif sind. Dabei arbeiten die Saisonkräfte unter miserablen Bedingungen: Ihre Arbeit ist anstrengend und unsicher, ihr Einkommen ist gering, ihr Versicherungsschutz reicht grundsätzlich nicht aus, viele von ihnen sind Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung … Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Pandemie Klassenunterschiede zum Vorschein bringt. Sie führt uns vor Augen, dass nicht alle von uns im selben Boot sitzen.

      Fälle wie dieser wiederholen sich überall auf der Welt. Im Süden von Italien und Spanien gibt es nicht genug Arbeitskräfte, um das Obst und Gemüse zu ernten, in Florida verrotten tonnenweise Orangen und in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Russland steht man vor ähnlichen Problemen. Die Pandemie stürzt uns in eine Krise, die in ihrer Absurdität typisch für den Kapitalismus ist: Tausende von einsatzfähigen Arbeitern bekommen keinen Job und sitzen untätig herum, während auf den Feldern tonnenweise Lebensmittel verrotten.

      Es sind nicht nur die Ernte von und der Handel mit Nahrungsmitteln, die unter massiven Beeinträchtigungen leiden – genauso problematisch gestaltet sich der Anbau von Obst und Gemüse. Schwärme von Heuschrecken vernichten die Erträge im Osten Afrikas ebenso wie in westlichen Regionen Indiens, außerdem ist die Landwirtschaft in beiden Gebieten von Trockenheit bedroht … Für uns bedeutet all dies, dass wir uns auf eine erhebliche Nahrungsmittelknappheit, wenn nicht sogar Hungersnot einstellen müssen, und zwar nicht nur in den Ländern der Dritten


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