Fiammetta. Джованни Боккаччо

Fiammetta - Джованни Боккаччо


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sie. Auch wußte ich nicht, wen, ich fühlte nur, daß ich liebte.

      Doch alle die Herzensbewegungen zu schildern, welche die Leidenschaft in mir erzeugte, würde zu weitläufig sein: nur einiges sei mir vergönnt. Bald fühlte ich, wie eine nie empfundene, lebhafte Freude sich meiner bemächtigte. Dann suchte ich alles andre zu vergessen und ergötzte mich einzig und allein in dem Gedanken an den geliebten Jüngling, bis mich die Sorge wiederum störte, daß ich durch solche Träumerei gerade das Geheimnis verraten möchte, welches ich so sehr zu verhehlen strebte, und dann verwies ich mir selbst mein Nachsinnen. Vor allem aber sehnte ich mich zu erfahren, wer der fremde Jüngling sei, und meine Liebe machte mich bald sinnreich genug, schlaue und geschickte Mittel zu erfinden, dies Verlangen zu befriedigen.

      Auch fand ich jetzt allen Schmuck, der mir bis dahin, weil unbrauchbar, gar gleichgültig gewesen war, bedeutend und schätzbar. Jetzt hielt ich ihn für ein Mittel, noch mehr zu gefallen, und aus diesem Grunde kamen mir Kleider, Gold, Perlen und mancher andere köstliche Putz als Dinge von Wert und hoher Wichtigkeit vor. Und ich, die bis dahin Tempel, Feste, Meeresufer und Gärten bloß in der unschuldigen Absicht, mich mit meinen jungen Gespielinnen zu erfreuen, besucht hatte, fand mich jetzt von einem neuen Verlangen an diese Orte gezogen, denn mein Herz sagte mir, daß ich meinen Abgott dort sehen und von ihm gesehen werden könnte.

      Gleichwohl floh mich das Vertrauen, das ich in meine Schönheit zu setzen pflegte. Nie verließ ich mein Gemach, ohne von meinem Spiegel die treuesten Ratschläge eingezogen zu haben, und meine Hände, von einer unbekannten Meisterin belehrt, wußten jeden Tag einen neuen reizenden Putz zu erfinden, der durch künstliche Schönheit die natürliche hob und mich unter allen Frauen glänzend hervorleuchten ließ. So fing ich jetzt auch an, die Ehrenbezeugungen, die mir teils aus der gegen Frauen üblichen Achtung, vielleicht auch wegen meines Ranges erwiesen wurden, gleichsam für Pflicht anzusehen. Denn im stillen schmeichelte ich mir, daß mich mein Geliebter nur begehrenswerter und der Liebe würdiger finden würde, je herrlicher und prachtvoller ich vor ihm erschien. Die den Frauen angeborne Sparsamkeit entwich gänzlich von mir, und meine eigenen Angelegenheiten wurden mir so unwichtig, als gingen sie mich gar nichts an. Die Kühnheit wuchs, die weibliche Mäßigung fehlte bei allem, und manches war mir jetzt unendlich lieber geworden als sonst. Auch veränderten meine Augen ganz ihren Charakter, und sie, die bis dahin mir nur allein zum Sehen gedient hatten, erlernten jetzt eine wunderbare Fertigkeit, sich auf das sinnreichste verständlich zu machen. Noch vieles könnte ich erzählen von den Veränderungen, die in mir vorgingen, wenn ich nicht fürchtete, zu weitläufig zu sein, und auch glaubte, daß ihr, die ihr gleich mir die Liebe kennt, auch sehr wohl wisset, wie mannigfaltig die seltsamen Wirkungen ihrer Allgewalt sind.

      Mehr als eine Erfahrung bewies mir, wie äußerst vorsichtig und verständig der Jüngling war. Denn nur selten und mit größter Besonnenheit kam er an die Orte, wo ich war, und als hätte er den gleichen Entschluß gefaßt wie ich selbst, die Flamme der Liebe vor jedem fremden Auge zu verbergen, betrachtete er mich nur mit bescheidenen und vorsichtigen Blicken. Sein Anblick hauchte stets die lebendigen Flammen in mir zu höherer Glut an, und die erlöschenden – wenn es deren gab – wurden von neuem entzündet.

      Gleichwohl war der Anfang dieser Liebe bei weitem nicht so leicht und fröhlich wie das Ende traurig und schwer. Oft blieb ich seines Anblicks beraubt, und eine schmerzhafte Ahnung von Leiden drang in mein Herz. Dann quollen aus dem Herzen gar tiefe Seufzer hervor, und das Verlangen, das aus dem leisesten Gefühl sprach, versetzte mich gleichsam außer mir selbst, so daß alle, die mich sahen, über mein Betragen erstaunten. Doch von der Liebe selbst gelehrt, fehlte es mir nicht an zahllosen Vorwänden, durch welche ich dies rätselhafte Benehmen zu erklären wußte. Auch fehlte mir oft die Ruhe des Nachts, oft die nötige Nahrung bei Tage, und nicht selten fühlte ich mich zu Handlungen verleitet, mehr wahnsinnig als rasch, und zu Reden, die ich sonst nie zu gebrauchen pflegte.

      So geschah es, daß der sorgfältige Putz, die brennenden Seufzer, die neue Art zu sein, die wilden Bewegungen, die verlorne Ruhe und andere Dinge, die mit der neuen Liebe bei mir eingezogen waren, unter dem übrigen Hausgesinde die Aufmerksamkeit meiner Amme erregten, die an Jahren alt und an Einsicht nicht jung war. Diese, durch eigene Erfahrung schon mit dieser traurigen Glut bekannt, stellte sich gleichwohl ganz fremd und stellte mich mehrmals über mein seltsames Benehmen zur Rede. Und da sie mich einst voll Melancholie auf meinem Lager ausgestreckt und mein Gesicht mit trüben Gedanken bedeckt fand, hub sie an, da kein Dritter zugegen war, mich mit diesen Worten anzureden: »O Töchterchen! das mir so lieb ist, wie ich mir selbst bin, sag, welches Bekümmernis drückt dich doch seit einiger Zeit? Keine Stunde geht dir ja ohne Seufzer hin, dir, die ich sonst immer leicht und frei von aller Schwermut zu sehen gewohnt war.« Ich seufzte tief, als ich sie so reden hörte; meine Farbe wechselte mehr als einmal, und ich wandte mich hin und her, um Zeit zur Antwort zu gewinnen. Kaum war ich meiner Zunge mächtig, um ein verständliches Wort hervorzubringen. Doch antwortete ich endlich: »Liebe Amme, es ist nichts Neues, was mich drückt, noch fühle ich anders, als ich zu fühlen gewohnt bin. Es ist bloß der natürliche Lauf der Dinge, der den Lebendigen, wie du wohl weißt, nicht immer auf gleiche Art zu sein vergönnt und der auch jetzt mich mehr als gewöhnlich sinnig und tiefsinnig macht.« »Töchterchen,« versetzte die Alte, »gewiß hintergehst du mich. Und glaubst du, es sei so leicht, einer erfahrenen Person mit Worten etwas einzureden, was doch Gebärden und Aussehen Lügen straft? Es ist nicht nötig, mir das zu verhehlen, was ich schon seit mehreren Tagen ganz deutlich in dir erkannt habe.« Ach! als ich sie so reden hörte, so geängstet und gequält wie ich war, brach ich in die Worte aus: »Wozu denn also die Fragen, wenn du schon alles weißt? Du hast dann nichts weiter zu tun, als das wohl zu verhehlen, was du entdeckt hast.«

      »Wahrlich,« erwiderte sie, »ich werde das wohl verhehlen, was nicht erlaubt ist, daß es ein anderer wisse. Und eher wird die Erde sich auf tun und mich verschlingen, ehe sich meine Lippen auf tun und ich jemals etwas kundtue, das dir zur Schmach gereichen könnte. Schon vor langer Zeit lernte ich die Kunst des Schweigens, und darum lebe wegen deines Geheimnisses in Sicherheit und suche nur mit allem Fleiß es vor andern zu verbergen, damit keiner errate, was ich, ohne dein Geständnis, bloß aus deinem Wesen erkannt habe. Ja, wenn die Torheit, worin ich dich verloren sehe, zu dir paßte, wenn sie des Verstandes würdig wäre, den ich sonst an dir kannte, so wollte ich es gern deinen eigenen Gedanken überlassen, denn ich wäre sicher und gewiß, daß meine Vorstellungen gar nicht nötig sein würden. Da du aber, jung und unbewacht wie du bist, dich auf Gnade und Ungnade diesem grausamen Tyrannen hingegeben hast und dieser, seiner Gewohnheit nach, dir mit der Freiheit auch die Einsicht raubt, so will ich dich wohl ermahnt und gebeten haben, daß du aus deiner keuschen Brust die schlechten Gäste auf das schleunigste entfernst, die ehrlosen Flammen dämpfest und dich nicht zur Sklavin der schimpflichsten Hoffnung erniedrigst. Jetzt ist die Zeit, mit Gewalt zu widerstehen, denn wer im Anfang wacker und mutig kämpft, dem gelingt es, die schimpfliche Liebe zu verjagen, und ihm bleibt Sicherheit und Sieg. Der aber, welcher sie lange mit schmeichelnden Gedanken nährt, der kann nur spät und schwer das Joch abwerfen, dem er sich fast freiwillig unterworfen hat.«

      »Ach!« sagte ich da, »wie weit leichter ist es doch, dies alles zu sagen, als es selbst zu tun.« »So schwer auch immer die Ausführung sein mag,« erwiderte sie, »so ist sie doch möglich und muß geschehen. Überlege selbst, mein Töchterchen, ob du die Hoheit deines Stammes, den großen Ruhm deiner Tugend, deiner Schönheit Blüte, deiner Zeitgenossen Verehrung und noch alle die andern Dinge, die einer edlen Frau wert sein müssen, und vor allem die Gunst deines Gemahls, den du so sehr liebst und von dem du wiederum so sehr geliebt wirst, hingeben möchtest, um diesen einzigen Wunsch zu befriedigen.

      Gewiß, dies darfst du nicht wollen, und ich glaube auch nicht, daß du es willst, sobald du mit dir selbst zu Rate zu gehen weißt. Darum beschwöre ich dich bei Gott, nimm dich zusammen und jage die falschen Freuden, die nur eine eitle Hoffnung dir verheißt, weit von dir hinweg und mit ihnen die treulose Glut. Ich beschwöre dich demütigst bei dieser alten, treuen Brust, die schon manche Sorge bewegt hat und von welcher du die erste Nahrung empfangen hast, suche dir selbst zu helfen und trage Sorge für deine Ehre. Achte meine Ratschläge nicht gering, sondern denke, daß der ernste Wille, geheilt zu sein, schon ein Teil der Gesundheit ist.«

      Hierauf sagte ich ihr: »O! liebe Amme, ich sehe hinlänglich ein,


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