Ein Tag mit der Liebe. Mohsen Charifi
Das junge Mädchen wunderte sich über die seltsame Antwort des alten Mannes und erwiderte:
„Aber wer bist du überhaupt?“
„Ich bin die Liebe.“
„Du, du alter Greis, du bist die Liebe? Ich kann es kaum glauben. Ich habe so viel von dir gehört, aber ich hatte mir dich ganz anders vorgestellt. Eigentlich suchte ich ja das Glück, denn das Glück ist das Höchste und das Schönste, das ich mir vorstellen kann. Deshalb sucht auch jeder das Glück. Möglicherweise habe ich mich auf dem Weg zum Glück verlaufen und bin dir, der Liebe, begegnet. Vielleicht hat das ja auch seinen Sinn. Wie auch immer. Ich habe gehört, du wärest die Antwort auf viele Fragen und die Lösung so vieler Probleme. Schön, wenn es wahr wäre. Dann könntest du ja auch die Antwort meiner Fragen und die Lösung meiner Probleme sein. Doch vielleicht sollte ich dir erst einmal sagen, wer ich bin, und dir meinen Namen verraten.“
„Das brauchst du nicht“, erwiderte Liebe, „denn ich kenne deinen Namen schon. Du heißt Verliebtheit.“
Das zarte Mädchen zuckte kurz zusammen und senkte seinen Blick rasch auf den Boden, wo es erdig war zwischen dem Gras.
Nach einer Weile sagte sie leise:
„Ja, das stimmt. Aber woher kennst du meinen Namen?“
„Weil ich dich kenne.“
„Woher kennst du mich denn? Sind wir uns schon mal begegnet oder haben wir womöglich etwas miteinander zu tun gehabt?“, fragte Verliebtheit erstaunt.
Schon vom ersten Augenblick an, als Liebe Verliebtheit gesehen hatte, wusste sie, dass diese Fragen kommen würden. Liebe wusste auch, dass es sehr schwierig, ja sogar unmöglich sein würde, eine Antwort zu geben, die Verliebtheit, so wie sie heute war, dachte und fühlte, verstehen würde …
Da wurden die Gedanken von Liebe durch eine Bemerkung von Verliebtheit unterbrochen:
„Kannst du so einfache Fragen nicht beantworten?“
„Oh Gott, einfache Fragen sagst du! Das ist eine der schwersten Fragen, die du überhaupt hättest stellen können. Denn jede Antwort wäre nur eine Teilwahrheit und daher irreführend. Im Grunde sind solche Fragen nicht mit Worten zu beantworten, sondern nur erlebbar. Einiges kann ich dir aber jetzt schon sagen. Wir haben zwar auf den ersten Blick gewisse Ähnlichkeiten und werden daher auch oft miteinander verwechselt, doch wir sind grundsätzlich verschiedene Wesen. Du hattest so oft die Gelegenheit, mir zu begegnen, warst aber zu sehr mit dir selbst beschäftigt und bist immer wieder an mir vorbeigegangen.
Tief in deiner Seele, so tief, dass du es selbst nicht wahrnehmen konntest, bin ich jedoch schon immer dein Ziel gewesen.“
„Woher willst du das denn alles wissen?“
„Weil ich selbst einmal eine Verliebtheit gewesen bin, so ein Wesen, wie du es heute bist.“
„Das kann schon sein. Eines verstehe ich aber dennoch nicht. Was soll das denn heißen: Tief in meiner Seele, wo ich es selbst nicht wahrnehmen konnte, bist du mein Ziel? Wenn du aber mein Ziel sein solltest, dann habe ich es doch erreicht?!“
Sie legte ihre Hand auf die Schulter von Liebe und sagte triumphierend:
„Na siehst du, ich kann dich sogar berühren, also bin ich bei dir und somit auch am Ziel.“
Liebe antwortete verständnisvoll und geduldig:
„Nein, du bist nicht am Ziel angekommen und du bist auch noch lange nicht bei mir. Noch bin ich für dich nur eine Ahnung.“
„Was für ein Unsinn! Ich sehe dich doch und ich höre dich auch. Wieso bin ich dann nicht bei dir?“
„Ja weißt du, ich habe eine sichtbare Gestalt angenommen, damit du mich wahrnehmen kannst. Im Grunde aber siehst du nicht mich, sondern du siehst nur deine Träume, du hörst die Stimme deiner Wünsche und Sehnsüchte. Du siehst nur das, was du sehen willst.“
Verunsichert über die Antwort von Liebe, sagte Verliebtheit:
„Ich verstehe das nicht. Ich sehe, dass ich dich sehe, und ich höre, dass ich dich höre. Du aber sagst, ich würde die Stimme meiner Sehnsüchte und Wünsche hören, meine Träume sehen und mit meiner Ahnung sprechen? Glaubst du etwa, ich bin verrückt?“
„Um Gottes willen, nein! Natürlich bist du nicht verrückt. Du hast nur eine große Sehnsucht und deine Sehnsucht ist dein Suchen und dein Suchen deine Sehnsucht. Du suchst, und deshalb bist du auch unterwegs und nicht bei dir zu Hause.“
Betroffen antwortete Verliebtheit:
„Das musst du gerade sagen. Du hockst ja auch nur hier rum und bist nicht bei dir zu Hause.“
Kaum hatte Verliebtheit das gesagt, spürte sie ein Unbehagen, weil sie so grob mit Liebe redete. Sie war aber zu erregt, um sich zu beherrschen. Mit ausgestrecktem Arm zeigte sie auf die Landschaft hinter Liebe und sagte wütend: „Oder bist du etwa in diesem Nichts hier zu Hause?“
„Ich bin überall zu Hause, weil ich bei mir zu Hause bin.“
„Was ist denn das für ein Zuhause? Hier gibt es doch nichts.“
„Du sagst, hier gibt es nichts? Alles hier ist voller Leben und überschwänglicher Lebendigkeit. Sieh doch den Liebestanz der Schmetterlinge, den neugierigen Blick des Himmels durch die Blätter auf das Versteckspiel von Licht und Schatten. Hör doch die Geschichten des Windes von fernen Orten und das Wispern der Wurzeln von den Geheimnissen der Dunkelheit. Staunst du nicht …“
„Nein, ich sehe und höre all das nicht. Ehrlich gesagt, ich habe auch gar keine Lust darauf. Wenn ich überhaupt staunen sollte, dann staune ich darüber, dass du nicht einmal einen Rucksack hast, und frage mich, wovon du überhaupt lebst.“
„Davon, dass ich keinen Rucksack brauche.“
Diese Antwort war für Verliebtheit das Unsinnigste und Unverständlichste, was sie je in ihrem Leben gehört hatte. Sie konnte diese Antwort beim besten Willen weder verstehen noch akzeptieren und sagte, immer noch ganz aufgebracht:
„Was für ein Unsinn! Jeder Mensch, den ich kenne, hat so einen Rucksack wie ich und trägt ihn auch immer bei sich.“
„Das glaube ich dir gern. Es kommt daher, dass du nur Menschen kennst, die nicht lieben. Denn jemand, der die Liebe in sich trägt, braucht nichts anderes bei sich zu tragen. Daher braucht er auch keinen Rucksack.“
„Du hast gut reden! Du bist einfach zu alt. Du hast keine Leidenschaft mehr. Kein Brennen in deinem Herzen, keinen Durst, der gelöscht, und keinen Schmerz, der gelindert werden will. Klar, dass du nichts brauchst! Dann ist das Leben auch sehr einfach. Doch solch ein Leben will ich gar nicht haben. So fad und so glanzlos.“
Mit zusammengepressten Lippen schüttelte Verliebtheit den Kopf, schaute um sich und fuhr mit Bitterkeit in der Stimme fort:
„Du kannst mich eben nicht verstehen. Offensichtlich liegen Welten zwischen Liebe und Verliebtheit, also zwischen dir und mir.“
„Nein, nicht Welten. Nur dein Rucksack liegt zwischen uns.“
Als Verliebtheit das hörte, nahm sie ihren Rucksack ab, legte ihn vor ihre Füße und warf abwechselnd ihren Blick ein paar Mal auf den Rucksack und ein paar Mal auf Liebe, als wollte sie die Distanz zwischen ihnen beiden abschätzen. Eine Distanz, die zwei Meter betrug, doch Welten der Entfernung ausmachte. Am Ende blieb ihr Blick auf ihrem Rucksack haften. Sie wurde nachdenklich und schwieg.
Spielzeuge der Verliebtheit
Es war noch sehr früh am Morgen. Die Sonne stand tief am Horizont, der Himmel war klar und wolkenlos. Alles sprach dafür, dass