Ebbe und Blut. Peter Gerdes
’ne Weile gucken.« Er zuckte die Achseln. »Weißt du, in gewisser Weise habe ich ja auch Vorteile. Die Waisenrente, die Versicherung – ich bin einigermaßen versorgt. Und kümmern muss ich mich nur um mich selbst.«
Sina spähte durch die gesenkten Wimpern, versuchte herauszubekommen, ob das jetzt sarkastisch gemeint gewesen war, konnte aber keine Anzeichen dafür entdecken. Was nichts heißen musste.
»Also wohne ich jetzt auf dem Fehn, als Untermieter beim alten Kapitän Thoben. Starker Typ irgendwie.« Nanno erzählte von seinem Glücksgriff und ein bisschen von der ganz persönlichen Tragödie seines neuen Hauswirts. »Auf alle Fälle ist es da draußen sehr ruhig, da lässt es sich bestimmt prima schreiben.«
Richtig, die Lyrik. »Kann mich nicht erinnern, schon mal etwas von dir gelesen zu haben«, sagte Sina. »Ich war ganz gespannt, aber heute ist ja leider nichts aus deinem Auftritt geworden.«
Nanno winkte ab. »Mit der Gitarre bin ich eigentlich ein Fossil. Politische Liedermacherei, ich bitte dich! Wird ja schon seit Jahren nicht mehr hergestellt.« Jetzt lachte er endlich richtig, breit und mit großzügiger Präsentation prächtiger weißer Zähne. So wie früher eben. »Dabei ist es sogar von Vorteil, dass ich ein Krüppel bin. Da traut sich keiner zu pfeifen, und alle bleiben brav sitzen.«
Mit dem provokanten Wort Krüppel, das wohl alle selbstbewussten Behinderten hin und wieder einsetzten, hatte Sina gerechnet. Sie lachte schallend mit.
»Na, so gute Laune hier?«
Toni Mensing stand plötzlich an ihrem Tisch wie aus dem Boden gewachsen. Ein halbwüchsiges Grinsen hing schief auf seinem Asketengesicht, ein für seine Verhältnisse schon richtig leutseliger Ausdruck.
»Ist es gestattet, dass ich mich zu euch setze? Ich kann Melanie nirgends finden, aber vielleicht taucht sie ja hier auf.« Im Kneipenlicht wirkten die Höhlungen in seinen stoppeligen Wangen grundlos tief, und seine kohlschwarzen Augen schienen zu glühen.
»Klar, setz dich«, sagte Sina und dachte: »Gleunig Oogen.« Das stand im Plattdeutschen für Gier, auch für Verrücktheit. Oder Fanatismus. Ihr war Toni immer unheimlich gewesen.
Das Gespräch stockte, während Toni umständlich einen Stuhl zurechtrückte und sich vorsichtig darauf niederließ. Hexenschuss, vermutete sie, während sie sich daran erinnerte, wie Melanie damals von ihm geschwärmt hatte: »Das ist einer mit Idealen, verstehst du, mit richtigen Zielen. Der hat Tiefe, mit dem könnte ich tagelang reden.« Das war so dick aufgetragen gewesen, da hatte sie natürlich fragen müssen, ob die beiden denn schon miteinander gepennt hätten und was er so drauf habe. Was ihr einen vernichtenden Blick eintrug: »Natürlich nicht. Das ist was Echtes zwischen uns, das hat doch damit nichts zu tun.« Jetzt, mit so vielen Jahren Abstand, glaubte sie ihr aufs Wort.
Toni hatte damals an der Fachhochschule Emden studiert, was genau, wusste sie nicht, aber er hatte viel von alternativen Energien erzählt. Später hatte sie dann gehört, er habe sein Studium geschmissen und sich diesen Laden gekauft, um endlich etwas Konkretes tun zu können, etwas mit den Händen, etwas »unmittelbar Erfahrbares«, so sagte man wohl.
Man hatte ihm ein schnelles Scheitern prophezeit, denn Toni war kein Kaufmann und alles andere als ein umgänglicher Typ, eine Fehlbesetzung hinter jeder Art von Theke. Dass es seinen Laden trotzdem noch gab, war wohl nur seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Man konnte auch von Besessenheit reden, und Sina kannte Leute, die das taten.
Er hatte sich Nanno zugewandt, und Sina konnte in Ruhe sein Profil studieren. Fast klassisch mit scharfer Nase und ausgeprägtem Kinn. Die Haut stark pigmentiert, die Haare fast schwarz, halblang, dicht und lockig. Äußerlich ein reizvoller Gegensatz zur lichten Melli, charakterlich zwei von einem Holz: zielstrebig, selbstbewusst, selbstverliebt, mit einem leichten Hang zum Fanatismus. Kreuzritter alle beide.
Sie erschrak, als sie plötzlich direkt in seine dunklen Augen schaute. »Und wie geht’s dir bei der Zeitung? Kommst du zurecht?« Das war wieder typisch, und Sina spürte die Wut in sich aufsteigen. Klar, die kleine Sina fragte man nicht, ob sie denn Erfolg habe. Bei der war es schon was, wenn sie nur zurecht kam. Sie packte ihr Rotweinglas, das noch zur Hälfte gefüllt war, und leerte es hastig. »Kein Grund zur Klage«, sagte sie dann. »Ich habe jetzt das Wochenend-Journal übernommen. Eigenverantwortlich. Jede Woche eine Reportage, Sonderseite, vierfarbig. Die von voriger Woche handelte übrigens von Wal-Strandungen, und nach meinem Urlaub will ich etwas über Windenergie machen.«
Die letzten Worte schienen einen Funken Interesse bei Toni hervorzurufen, aber eigentlich hatte er nichts von dem verstanden, was sie da gesagt hatte. Zeitungmachen schien allzu weit außerhalb des Reservats derjenigen Gedanken zu liegen, für deren Lauf er Interesse aufbrachte. Verachtung, die in der Beschränktheit wurzelt, dachte sie wütend. Auch so eine alte Rechnung, die noch nicht beglichen ist.
Schon hatte er sich wieder Nanno zugewandt, und die beiden sprachen über Literatur. Nannos Gedichte schienen Gnade vor Tonis Augen zu finden, und Sina stellte verärgert fest, dass das diese Texte, von denen sie immer noch keinen Einzigen kannte, auch für sie selbst aufwertete. Sie ignorierte Nannos Versuche, sie in das Gespräch einzubeziehen, lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und winkte der Bedienung mit ihrem leeren Weinglas.
Das Café schien zu brodeln. Alle Tische waren dicht belagert, die Theke doppelreihig umstellt, und im Eingang ballte sich eine Traube von Platzsuchern. Wahrscheinlich wäre an einem Abend wie diesem auch der Biergarten besetzt gewesen, wenn man nur die Dreistigkeit besessen hätte, im Februar die Stühle rauszustellen.
Dass sich im Taraxacum die unterschiedlichsten Leute trafen, wusste sie; mit Kornemann hatte sie hier allerdings nicht gerechnet. Aber da schob er sich gerade herein, in seinem Kielwasser eine Frau, die wohl die seine war. »Sie: fruchtig-herb, er: wuchtig-derb«, schlagzeilte sie im Kopf – ein Reflex aus ihrer Zeit als Gesellschaftsreporterin bei der Regionalen Rundschau.
Diese blonden Locken! Echt konnten die nicht sein. Oder? Jedenfalls verliehen sie Kornemanns Erscheinung etwas Unwirkliches. Lächerlich sah er aber nicht aus, o nein, nicht mit diesem Gesichtsausdruck, diesem Blick.
Ganz anders als der da, der eben gerade aufstand und Kornemann die Hand schüttelte. Älter war er und größer und hatte fast den gleichen Kopfputz. Der sah aus wie ein Clown, und er führte sich auch so auf. Nickte devot, wohl weil für eine Verbeugung kein Platz war, und bot Kornemann seinen Stuhl an. Kornemann setzte sich hin wie selbstverständlich, zog die Frau auf seine Knie und beherrschte augenblicklich die Tischrunde. Der andere Blondgelockte stand dahinter, grinste stolz und verlegen, wusste nicht wohin mit den Händen, griff sich schließlich sein Glas und wühlte sich zur Theke durch.
»Das ist Rademaker.« Nannos Blick war Sinas gefolgt, und auch Toni hatte sich halb umgedreht. »Kornemanns Mann fürs Grobe. Eine unglaubliche Zecke. Überall steckt der mit drin, und überall lachen sie über ihn. Allerdings nicht mehr ganz so laut, seit er für Kornemann den Laufburschen macht.«
Sina fiel auf, das Toni nicht zu Rademaker schaute. Sein Blick war an Kornemann haften geblieben, und als er sich etwas später wieder zurück zum Tisch drehte, schienen seine Augen mehr denn je zu glühen.
»Eine von Kornemanns Stärken ist es, dass er immer die Konfrontation sucht«, sagte Nanno. »Ich bin sicher, dass er auch nur deswegen heute hier ist. Er will’s immer am liebsten ungefiltert. Und wer auf Gegenkurs geht, den nimmt er frontal. Ansonsten hat er ja Rademaker, zum Aufstöbern.«
»Hört sich so an, als wolltest du was über ihn schreiben«, sagte Sina.
Nanno lächelte. »Das könnte gut sein. Ich weiß nur noch nicht was. Entweder ich nehme ihn nur als Typus, verschlüsselt also, oder ich schreibe eine nette Enthüllungsgeschichte.«
»Hast du da was?« Sina beugte sich vor: »Aufpassen, du sprichst mit einer Enthüllungsjournalistin übelster Sorte!«
»Ich werd’s dir bei Gelegenheit mal enthüllen.« Nanno ließ keinen Zweifel daran, dass er diese Gelegenheit hier nicht für gegeben hielt. Obwohl Toni äußerst interessiert schaute. Oder gerade deshalb? Toni Mensing kniff die Lippen zu einem Strich zusammen.
»Ohne