Mutter, Muse und Frau Bauhaus. Ursula Muscheler
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URSULA MUSCHELER
Mutter, Muse und
Frau Bauhaus
Die Frauen um Walter Gropius
Inhalt
1
In der folgenden Geschichte soll nicht Walter Gropius, der Bauhaus-Gründer, im Vordergrund stehen, er hat sich, ehrgeizig und selbstbewusst, zeitlebens selbst gehörig in Szene gesetzt. Vielmehr sollen hier einmal die behütende Mutter, die inspirierende Geliebte, die sorgende Ehefrau und was es sonst noch an weiblichen Wesen im Umfeld des Meisters gab ins Rampenlicht gestellt werden, damit sie auf ein paar Stunden die Aufmerksamkeit erfahren, die sie verdienen.
Keine Angst, es folgt kein voyeuristischer Blick durchs Schlüsselloch auf allzu private Szenen, nur hinter die Kulissen des großen Architekten auf die attraktiven, intelligenten, gebildeten, energischen, zärtlich geliebten Gehilfinnen, auf die Frauen, die Einfluss auf sein Denken und Handeln genommen, ihn gefördert und gefordert haben: Manon Gropius, Alma Mahler, Lily Hildebrandt, Maria Benemann und Ise Gropius.
Dieser Blick hinter die Kulissen erhebt nicht den Anspruch, eine neue Sicht auf Leben und Werk des Meisters zu eröffnen. Er soll hier einmal nur Mittel zum Zweck sein als ein Mann, der Frauen mit Talent und künstlerischen Ambitionen für sich zu gewinnen wusste. Unser Augenmerk richtet sich auf die Frauen selbst, um zu erfahren, wer sie waren, wie sie lebten, wen sie liebten, welche Ansprüche sie an das Leben stellten, welche Spuren sie hinterließen. Leider sind unserer Neugier enge Grenzen gesetzt, da vor allem die Briefe des Meisters an die Frauen und kaum ihre eigenen an ihn erhalten blieben. Einzige Ausnahme ist Alma Mahler, der es gelang, eine eigenständige Bedeutung als Geliebte und Witwe bedeutender Männer zu gewinnen; viele ihrer Briefe sind noch vorhanden. Auch lebte sie lange genug, um sich und ihre Beziehung zu den jeweiligen Männern in das von ihr gewünschte Licht zu rücken.
Das Bild der anderen aber ist heute vor allem jenes Bild, das der Mann, den sie eine Zeitlang geliebt und begleitet haben, von ihnen zeichnete. Und da Walter Gropius als Partei nicht der verlässlichste Zeuge ist, kommen soweit möglich auch andere Stimmen zu Wort, in Form von Briefen, Tagebüchern, Autobiografien und Presseberichten.
2
Der kleine Walter versuchte sich auf dem Cello, denn es wurde zu Hause viel musiziert, und auf dem Zeichenblock, immerhin war der Vater Architekt, doch beides mit mäßigem Erfolg. Walter zeigte im Unterschied zu seiner älteren Schwester und seinem jüngeren Bruder keine besondere musische Begabung. Aber er besaß eine ganz andere, nicht weniger angenehme Eigenschaft: Er wusste andere für sich einzunehmen. Er war der erklärte Liebling der Großmutter Luise, geborene Honig, die ihn »Walty« zu nennen pflegte, und auch die Großtanten, von denen ihn eine großzügig in ihrem Testament bedachte, scheinen seinem Charme früh erlegen zu sein.
Walter war auch kein allzu erfolgreicher Schüler. Er besuchte eine private Grundschule, danach das humanistische Leibniz-Gymnasium, von dem er, da er sich schlecht behandelt fühlte, auf ein anderes wechselte. Insgesamt besuchte der sensible, verträumte, scheue Junge, als den ihn ein Familienfoto von 1892 zeigt, angelehnt an den Arm der Mutter, die sich ganz dem jüngeren Sohn zuwendet, vier oder fünf verschiedene Schulen. Als