Kirchengeschichte(n) für Neugierige. Fabian Vogt

Kirchengeschichte(n) für Neugierige - Fabian Vogt


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auf unsere historischen Ausflüge einige der prägnantesten dieser Muster mitgebracht und stelle sie Ihnen kurz vor. Es handelt sich – wie bei „Kleingruppe versus Machtapparat“ jeweils um klar erkennbare Gegensatzpaare, um starke Positionen, zwischen denen die Kirche (bzw. die gesamte Gesellschaft) im Lauf der Jahrhunderte in großen Wellenbewegungen gewechselt hat. Sich diese zeitlosen Muster bewusst zu machen, hilft – nach meiner Erfahrung – vielfach, die großen Veränderungsprozesse innerhalb der Kirche bewusster wahrzunehmen und die umfassenden geschichtlichen Linien besser zu verstehen. Und sie sind als Fragestellungen so universell, dass wir sie auch heute noch überall in unserem Alltag wiederfinden. Fangen wir an!

       Ideen versus Begriffe

      Die scheinbar höchst skurrile Frage, was relevanter ist, die abstrakte Idee von etwas (beziehungsweise: der allgemeine Begriff, die ideale Vorstellung) oder der einzelne konkrete Gegenstand, beschäftigt als „Universalienstreit“ die Gemüter seit Jahrtausenden. Sprich, was hat den Vorrang: das „Prinzip“ (das meinen die sogenannten „Realisten“) oder das fassbare „Objekt“ (das meinen die sogenannten „Nominalisten“). Dieser alte Streit klingt zwar völlig abgehoben, wird aber ganz konkret, wenn man etwa folgende Fragen stellt: Was ist wichtiger: „Das Wesen Gottes zu verstehen“ oder „Den Glauben an Gott konkret zu leben“? Es mag erstaunlich klingen, aber über diese Frage wird bis heute heftig gerungen. Und je nachdem, welche Frage Ihnen wesentlich erscheint, wird auch Ihr Glaubensleben aussehen. Noch ein Beispiel. Was ist für Christinnen und Christen wichtiger: „Das allgemeingültige Gesetz Gottes“ oder die „Umsetzung von Gottes Gesetz in der Alltagspraxis“? Und was ist, wenn das manchmal nicht hundertprozentig zusammenpasst? Ich behaupte: Viele heftige Kontroversen in Kirchengemeinden lassen sich nach wie vor auf genau jene unterschiedlichen Perspektiven herunterbrechen: Den einen geht es um das Prinzip, den anderen um die praktische Anwendbarkeit im Alltag. Und wir werden in diesem Buch sehen, dass die Christenheit zwischen diesen beiden Polen andauernd hin- und herwechselte.

       Gesetz versus Evangelium

      Geht es im Christentum vor allem darum, ein gottgefälliges Leben zu führen – oder steht im Vordergrund die erlösende Gnade Gottes, die alle Menschen befreien will? Da brauchen wir gar nicht erst in die Geschichte zu schauen, um anschauliche Beispiele für dieses Muster zu finden, da fallen uns höchstwahrscheinlich sofort unzählige eigene Erfahrungen ein, in denen wir Konflikten begegnet sind, die damit zu tun haben. Die einen stellen das Gesetz in den Mittelpunkt, die anderen die Vergebung. Konkret heißt das: Nach wie vor ist die Welt voller moralinsaurer Glaubensgruppierungen, voller meist ungeschriebener Gemeindeordnungen, die das Heil des Menschen letztlich doch von seinem Verhalten abhängig machen („Du bist geschieden, dann bist du draußen!“ „Du bist homosexuell, dann bist du draußen!“ „Du bist theologisch nicht unserer Meinung, dann bist du draußen.“), während andere Konfessionen sich in einer derart lässigen Weise auf die Vergebung berufen, dass es auf einmal ganz gleichgültig zu sein scheint, wie und ob man überhaupt noch verantwortungsvoll lebt („Gott liebt mich doch auch, wenn ich ein blödes Sackgesicht bin! Wozu soll ich mich anstrengen?“). Einige der größten Entwicklungsschritte der Kirchengeschichte haben mit diesem komplexen Muster zu tun (etwa die Reformation, die der Gesetzlichkeit der damaligen Amtskirche die Botschaft von der „Gnade allein aus Glauben“ entgegenschleuderte) und ließen die Kirche einmal in dieses, einmal in jenes Extrem verfallen. Dieses Muster offenbart aber auch ein echtes Dilemma, weil es zeigt, dass weder die eine noch die andere Position in ihrer extremen Form korrekt sein müssen. Und gerade dann, wenn sowohl Haltung A als auch Haltung B in ihrer Reinform den Glauben gefährden, ist die Kirche immer wieder von einem Extrem ins andere gerutscht.

       Bewahren versus Erneuern

      Gerade Institutionen wie die Kirche neigen dazu, sich an ihren bewährten, überlieferten Traditionen festzuklammern oder in unruhigen Zeiten gar längst vergangene Werte wieder aufzuwärmen – während die vielen Unzufriedenen schon lange nach neuen Aufbrüchen rufen. Konkret heißt das: Die einen fühlen sich in den vorhandenen Formen sehr wohl und eingebettet, während die gleichen Überlieferungen für andere nur noch als Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit daherkommen, die ihnen keinerlei Heimat mehr vermitteln. So stehen die Fronten „Bewahrung“ und „Erneuerung“ einander oftmals erbittert gegenüber. Tatsächlich hat es immer wieder Epochen gegeben, in denen die reaktionären Kräfte lange Zeit die Oberhand behielten, bevor dann doch Erneuerer an die Macht kamen. Allerdings entdeckten die Revolutionäre meist sehr bald, dass sie ihre jeweiligen Veränderungen genauso eifersüchtig bewachten, wie ihre Vorgänger die ihnen lieb gewordenen Verhältnisse. Klar: Was man liebt, das schützt man. Leider manchmal auch dann noch, wenn es seinen Nutzen längst verloren hat oder für die nächsten Generationen gar nicht mehr verständlich ist. Dieses eklatante Muster existiert übrigens im Kaninchenzüchterverein genauso wie in Betrieben oder Familien. Immer wieder stellt sich die Frage: Soll alles beim Alten bleiben – oder wagen wir eine gravierende Veränderung? Und dann muss jeweils geklärt werden, was nun dran ist: Weitermachen oder aufbrechen? Und ich bin sicher: Auch dieses Muster kennen Sie aus vielen Zusammenhängen in Ihrem eigenen Leben.

       Glauben versus Denken

      Seit Jesus die Menschen eingeladen hat, an ihn zu glauben und ihm nachzufolgen, versuchen Christen zu klären, was das konkret bedeutet – und wie man das am besten macht. Also: das mit dem Nachfolgen. Dabei reicht den einen, aus ganzem Herzen daran zu glauben, dass Jesus dies oder jenes gesagt hat, während die anderen gerne intellektuell verstehen möchten, wie etwas genau gemeint war. Sprich: Ist etwas wahr, nur weil es Jesus behauptet hat, oder weil ich es als wahrhaftig erleben kann? Tatsächlich entspringt diesem Muster „Vertrauen oder Verstand“, das in beiden Radikalpositionen sehr unangenehm werden kann, auch der zeitlose Streit darüber, ob denn nun die Bibel Wort für Wort heilig ist, oder ob es eher darauf ankommt, den Geist der Bibel umzusetzen. Während die einen eine fundamentalistische Buchstabenfrömmigkeit entwickeln (über die man auch nicht diskutieren darf), wollen die anderen intensiv prüfen, „was Christum treibet“, wie Martin Luther es ausdrückte, also wie man Glauben auch nach 2000 Jahren verantwortungsvoll gestalten kann. So etwas wird vor allem dann spannend, wenn es um Themen geht, zu denen die Bibel gar nichts sagt. Sprich: „Was würde Jesus tun, wenn er mit Atomkraft, Umweltverschmutzung, Neoliberalismus, Patchwork-Familien oder Christian Wulff konfrontiert würde?“ Beide Seiten – sowohl die Bibelfundamentalisten als auch die „Interpretierer“ haben für ihre Position viele Argumente und in der Regel auch etliche Bibelstellen, die aber das Problem nicht lösen. Während nämlich die Fundamentalisten gezwungen sind, Widersprüche und krude Nebensächlichkeiten in der Bibel krampfhaft als gottgegeben wegzudrücken, neigen die „Kritiker“ dazu, so manches Heilige wegzudiskutieren. So bleibt offen: Ist etwas wahr, nur weil es in der Bibel steht? Oder ist etwas wahr, weil es sich im Leben als wahr erweist? Sie werden sehen, welche Rolle diese Frage im Lauf von 2000 Jahren Kirchengeschichte immer wieder spielt.

       Beten versus Handeln

      Die schon erwähnte frühe Mönchsbewegung nach dem 4. Jahrhundert hatte das wunderschöne Motto „Ora et labora“, beten und arbeiten. Aktion und Kontemplation im Einklang. Nur stellte sich schnell heraus, dass es äußerst kompliziert ist, dieses Ideal dauerhaft im Gleichgewicht zu halten. Denn was wäre wohl ein gesundes Verhältnis? Das wurde vor allem deshalb zum Problem, weil einige der Mönche schon nach kurzer Zeit fanden, es würde insgesamt zu wenig gebetet, während die anderen den Eindruck hatten, es wäre genau andersherum: Es würde zu wenig gearbeitet. Kurzum: Aus diesem Grund gab es in der Kirchengeschichte immer Zeiten, in denen eher „gebetet“, und solche, in denen eher „gearbeitet“ wurde. Und bis heute wird in den Gemeinden darum gerungen, ob man lieber „in die Tiefe“ oder „nach außen“ wachsen soll, also ob die individuelle Spiritualität oder die Gemeindeentwicklung wesentlicher ist. Nach 2000 Jahren kann man sehr klar sagen: Wir brauchen beides. Aber auch hier ging es andauernd hin und her: Einmal stand das kontemplative Leben im Fokus, dann wieder die Frage nach dem konkreten Handeln der Christinnen und Christen in der Gegenwart. Und das Traurige ist: Die Konflikte zwischen den Vertretern dieser beiden Gruppierungen sind programmiert. Ja, ich behaupte mal: Dass sich gelegentlich die Anhänger von „Eine-Welt-Läden“ im Gemeindehaus und die Besucher von tiefspirituellen „Taizé-Andachten“ in den


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