Co. Aytch - Erinnerungen eines Konföderierten an den Bürgerkrieg. Sam Watkins

Co. Aytch - Erinnerungen eines Konföderierten an den Bürgerkrieg - Sam Watkins


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aus Tennessee umringt war. Wir sahen, dass die Menge, die Johnston umringte, von Unruhe ergriffen war, aber wir wussten zu dieser Zeit nicht, dass er tot war. Das wurde den Truppen verschwiegen. Gegen Mittag galoppierte ein Kurier heran und befahl uns, vorzurücken und General Braggs Zentrum zu unterstützen. Dazu mussten wir den Boden überqueren, auf dem die beiden Armeen schon den ganzen Tag lang gekämpft hatten.

      Ich hatte zuvor schon von Schlachtfeldern gehört, über sie gelesen und Bilder von ihnen gesehen: von Pferden und Männern, Geschützen und Wagen, alles ineinander verkeilt, während der Boden mit Toten, Sterbenden und Verwundeten bedeckt war; ich muss jedoch gestehen, dass ich keine Vorstellung von dem „Pomp und Schauspiel“ des so genannten „glorreichen Krieges“ hatte, bevor ich das Folgende sah. Männer lagen in jeder vorstellbaren Position auf der Erde, die Toten mit aufgerissenen Augen und die Verwundeten mitleiderregend um Hilfe flehend. Einige winkten mit ihren Hüten und riefen uns zu, wir sollten weiter vorrücken. Dies alles schien mir ein Traum zu sein; ich fühlte mich von einer Art Nebel umgeben, als uns plötzlich, zisch, zisch, zisch, die Kugeln der Yankees um die Ohren flogen. Ich musste wieder an den Iren denken: „Tatsächlich, die Kerle schießen wirklich mit Kugeln!“ Bald stürzte zuerst ein Bursche, dann ein weiterer, tot oder verwundet. Jetzt erhielten wir den Befehl, die Bajonette aufzupflanzen. Ich hatte mich den ganzen Morgen über bedrückt gefühlt, so als hätte ich ein Schaf gestohlen, aber als wir den Befehl zum Sturmangriff bekamen, wurde ich plötzlich ausgelassen. Ich fühlte mich besser als jemand, der in einer Methodistenkirche seinen Glauben empfängt. Ich brüllte. Es war ein einziger Spaß. Alle sahen glücklich aus. Wir rückten ihnen auf den Pelz. Ein weiterer Sturmangriff und ihre Linien begannen zu wanken und brachen schließlich auseinander. Sie wichen in Verwirrung zurück. Wir jubelten wie verrückt; wir waren siegreich. Die Offiziere schafften es nicht, die Männer in einer organisierten Formation zu halten. Kugel um Kugel jagten wir in die fliehenden Reihen. Die Toten und Verwundeten der Unionsarmee bedeckten die Erde. Gerade als der Sieg unser war, kam die Order, anzuhalten. Was?! Nach dem heutigen Erfolg? Sidney Johnston war gefallen, General Gladden war gefallen [Anm. d. Übers.: Gladden verlor bei Shiloh einen Arm, starb jedoch erst eine Woche später.], ein ganzer Haufen Generäle und tapferer Soldaten war tot und die gesamte Yankee-Armee wich auf ganzer Linie zurück. Diese vier Buchstaben, H-A-L-T, wie bitter klangen sie in unseren Ohren. Der Sieg war vollständig, aber das Wort „Halt“ verwandelte ihn in eine Niederlage.

      Die Soldaten hatten die Lager der Yankees erobert und sahen all die guten Dinge, die sie zu essen hatten in den Marketenderläden und den Offizierszelten und binnen kurzer Zeit wühlte jeder herum, um zu sehen, was er finden konnte. Es war eine reiche Ernte und sie wurde von vielen fleißigen Händen eingebracht. Die Negerjungen, die ihren jungen Herren als Diener gefolgt waren, wurden reich. Es fand sich jede Menge Papiergeld, reichlich gute Kleidung und mehr Verpflegung, als wir brauchten. Die Jungs lebten wie die Made im Speck. Das war am Sonntag.

      Am Montag wechselte das Schlachtenglück. Nun, diese Yankees hatten Dresche bezogen und zwar ordentlich und gemäß allen Regeln des Krieges hätten sie abziehen müssen. Aber sie taten es nicht. Überhäuft mit Siegen bei Fort Henry und Fort Donelson, der Eroberung von Nashville und der Besetzung von ganz Tennessee, sollte der Sieg erneut ihre Banner krönen, denn Buells Armee kam Grant nach einem Gewaltmarsch in letzter Sekunde zu Hilfe. Die ganze Nacht hindurch waren Transportschiffe und Kanonenboote damit beschäftigt, Buells Armee überzusetzen. Wir hörten den Klang der Schiffsglocken, das Paffen des Rauchs und das Zischen des Dampfes aus ihren Kesseln. Unser Regiment stand auf dem äußersten Vorposten und wir sahen, wie zuerst die Plänkler der Yankees vorrückten, dann ihre geschlossene Infanterie und schließlich die Artillerie. Wir lieferten ihnen am Montagmorgen einen guten Kampf und ich war überrascht, als wir den Befehl erhielten, uns zurückzuziehen anstatt anzugreifen. Aber wie ich zuvor bereits sagte, lieber Leser, der einfache Soldat ist nur eine Maschine und weiß nicht, was zwischen den Generälen vorgeht. Ich kann nur jene kleinen Dinge und Begebenheiten schildern, die ich mit eigenen Augen sah und an die ich mich noch erinnere. Sollte dir daran gelegen sein, mehr über die Schlacht zu erfahren, so verweise ich dich an die Geschichtsbücher. An ein bestimmtes Ereignis erinnere ich mich noch sehr gut: Ein Yankee-Oberst saß auf einer schönen grauen Stute und sah zu uns herüber, als sei er auf einer Parade. W. H. stürmte vorwärts, ergriff das Pferd am Zaum und befahl dem Oberst gleichzeitig, sich zu ergeben. Der Yankee ergriff die Zügel, lehnte sich im Sattel nach hinten, richtete den Lauf seines Revolvers auf den Kopf von W. H. und drückte ab. Praktisch genau zu dem Zeitpunkt, als er den Abzug drückte, traf ihn eine verirrte Kugel von irgendwoher in die Seite. Er stürzte tot vom Pferd, dieses geriet in Panik und galoppierte davon, wobei es den Toten durch die konföderierten Linien schleifte. Sein Revolver hatte sein Ziel verfehlt.

      Ich habe hunderte alter Soldaten von den Unmengen an Papiergeld erzählen hören, die sie auf dem Schlachtfeld von Shiloh fanden und aufklaubten. Sie dachten jedoch, das Geld sei wertlos und machten sich nicht die Mühe, es mitzunehmen. Ein Bursche, ein Kurier, dessen Pferd getötet worden war, fing sich ein Maultier ein und während des letzten Angriffes, kurz bevor der fatale Halt befohlen wurde, stürmte er ganz alleine nach vorne. Die Soldaten riefen: „Schaut euch diesen tapferen Kerl an, er stürzt sich direkt in den Schlund des Todes!“ Er begann die Zügel hin und her zu zerren, biss die Zähne zusammen und schrie schließlich: „Das bin nicht ich, Jungs! Das ist das verdammte alte Maultier! Brr! Brr!“

      Am Montagmorgen besorgte auch ich mir ein Maultier. Es war kein schnelles Exemplar und ich fand bald heraus, dass es dachte, es sei ebenso schlau wie ich. Es hielt sich für sehr weise. Es neigte dazu, jedem kleinen Trampelpfad zu folgen, an dem wir vorbeikamen. All meine Beschimpfungen konnten es nicht beschleunigen. Wenn das Blut den Körper mit Energie versorgt, so glaube ich nicht, dass die Kreatur auch nur einen Tropfen irgendeiner Art von Blut in sich hatte. Wenn ich auf einer Seite der Straße reiten wollte, so empfand das Maultier unweigerlich einen ebenso starken Drang, auf der anderen Straßenseite zu gehen. Schließlich hatte ich genug. Ich nahm einen dicken Hickorystock und zog ihn ihm über den Schädel, aber es schüttelte nur den Kopf, wedelte mit den Ohren und schien zu sagen: „Du hältst dich wohl für ziemlich schlau, was?“ Es war ein dickköpfiges Maultier, war schwer zu verärgern und hätte einen guten Kaufmann abgegeben, der niemals ein schlechtes Geschäft getätigt hätte, denn sein ganzes Wesen schien nur aus einem einzigen Wort zu bestehen: "Nein!" Ich dachte häufig daran, wie angenehm es wäre, ihm auf halbem Wege entgegen zu kommen und ich hätte es bereitwillig getan, hätte es dafür auch nur die Hälfte seines „Nein!“ aufgegeben. Wir beide quälten uns vorwärts, bis wir an ein Flüsschen kamen. Das Maultier wollte das Flüsschen nicht durchqueren, während ich mit einem dicken Stock, einem Steinwurf an sein Ohr und einem Kneifer in seine Nase versuchte, es dazu zu bringen. Der Munitionswagen einer Batterie wollte gerade übersetzen und der Wagenlenker sagte: „Ich werde mich um dein Maultier kümmern.“ Er nahm ein langes, fünf Zentimeter dickes Seil, band das eine Ende um den Hals des Maultiers, befestigte das andere Ende am Wagen und befahl dem anderen Wagenlenker, ordentlich die Peitsche einzusetzen. Das Maultier war sehr unwillig, ins Wasser zu gehen. Es war kein Baptist, glaubte nicht an die Taufe und hatte seine eigenen Ansichten, was das Durchqueren von Flüssen betraf, aber das Seil spannte sich und das Maultier quiekte in lautem Protest gegen die bösartige Behandlung. Das Seil war jedoch stärker als das „Nein!“ des Maultiers und schließlich überwog diese Stärke und es musste das Flüsschen durchqueren. Als ich ihm das Seil abnahm, schüttelte es sich und schien zu sagen: „Ihr Kerle haltet euch wirklich für verdammt schlau, aber ihr seid ein wenig zu schlau.“ Ich gab auf und akzeptierte, dass das „Nein!“ des Maultiers stärker war als meine Entschlossenheit. Es schien in tiefe Meditation verfallen zu sein. Ich stieg wieder auf und plötzlich hob es seinen Kopf, richtete seine Ohren auf, begann mit den Zähnen zu mahlen, stieß einen kleinen Quieker aus, wurde etwas schneller und verfiel schließlich in einen Galopp und kurz darauf in einen förmlichen Sturmlauf. Es schien sich plötzlich an etwas erinnert zu haben; vielleicht hatte es auch etwas vergessen, auf jeden Fall holte es jetzt seine verbummelte Zeit auf. Obgleich ich mit aller Kraft an den Zügeln herumriss, konnte ich es nicht eher stoppen, als bis es mich nach Corinth, Mississippi gebracht hatte.

      Kapitel 03: Corinth

       Corinth


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