DARK ISLAND. Matt James

DARK ISLAND - Matt James


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      Prolog

       Andringitra-Nationalpark, Madagaskar

      Das Andringitra-Bergmassiv trägt den Spitznamen Die Felsenwüste und erstreckt sich über eine Fläche von annähernd vierzig Meilen. Selbst die schmalste Stelle des Gebirges ist immer noch über sechs Meilen breit. Der Osthang entstand einst bei einem Vulkanausbruch und bietet einen spektakulären Anblick. Im Gegensatz zur Westseite, die schrittweise zu den umliegenden Grasflächen hin abfällt, endet die östliche Seite des Gebirgszugs abrupt mit steilen, unheilvollen Klippen.

      Ian und Abigail Hunt hatten diese gnadenlose Felswand gerade über einen schwierigen, in Serpentinen verlaufenden Wanderweg bezwungen. Nun sollte der nächste Abschnitt ihrer Wanderung sie querfeldein führen. Sie mussten auf der Hut sein. Der Boden war – einem Schweizer Käse gleich – von Felsspalten übersät, die man im Zwielicht leicht übersah. Die meisten waren nicht sonderlich tief, vielleicht sechzig Zentimeter. Andere hingegen reichten zehnmal weiter ins Gestein hinab, mache sogar noch tiefer.

      Hier will man nicht festsitzen, dachte Ian und platzierte seine Schritte mit Bedacht.

      Die Sonne war dabei, unterzugehen, weshalb sie gezwungen waren, sich zu beeilen, um einen geeigneten Lagerplatz zu finden, bevor es zu spät wurde – und zu dunkel. Dieses UNESCO-Weltkulturerbe beim Schein von Taschenlampen zu erkunden, war nicht zu empfehlen. Binnen Sekunden konnte einem alles Mögliche zustoßen, und wenn das geschah, war man hier gänzlich auf sich allein gestellt.

      »Es ist das Risiko nicht wert«, sagte Abigail. Wie üblich war die hübsche blonde Australierin übervorsichtig. »Ich hätte eigentlich gedacht, ein Typ mit deiner Erfahrung und deinem Hintergrund wüsste die Lage realistischer einzuschätzen.«

      Sie hatten die Hälfte des Gebirgszugs überquert, als Abigail stehenblieb, ihren Rucksack von den Schultern schüttelte und ihn mit einem Seufzen zu Boden fallen ließ. Sie streckte sich; dabei glitt ihr Shirt einige Zentimeter in die Höhe. Wie immer konnte Ian seine Frau bloß dafür bewundern, in was für einer großartigen körperlichen Verfassung sie war. Als sie sich vor fünfzehn Jahren kennengelernt hatten, war sie ein absoluter Hingucker gewesen.

       Das ist sie immer noch.

      Vielleicht würde er nachher mal nachschauen, was sich sonst noch unter diesem Shirt befand. Und falls es nicht dazu kam, konnte er immer noch die Augen schließen und sich Abigail stattdessen einfach im Adamskostüm vorstellen.

      Er grinste. Es hat schon was für sich, ich zu sein …

      Ian verdrehte die Augen. »Komm schon, Abby, das hier ist kein Kampfgebiet oder so. Wir wandern bloß; wir pirschen uns nicht an eine Terrorzelle in einer Höhle in Afghanistan an. Ich bezweifle ernsthaft, dass hier draußen irgendwo eine Horde Taliban-Arschlöcher auf uns lauert.«

      Doch er setzte sich hin und entledigte sich gleichfalls seines Rucksacks. Abigail lachte und rutschte näher an ihren Ehemann heran. Ian legte einen kräftigen Arm um ihre Schulter und drückte sie an sich. Die Abendluft kühlte rasch ab und aus irgendeinem Grund hatte Abigail darauf verzichtet, für ihre Tollerei oben auf dem Berg irgendetwas Warmes einzupacken.

      »Und falls wir doch in eine Schießerei geraten«, stichelte sie, während sie ihn mit dem Ellbogen anstieß, »ist keiner deiner Kumpels von zuhause da, um dir aus der Patsche zu helfen.«

      Ian ließ seinen Bizeps spielen, was Abigail ein Lachen entlockte. »Seit wann brauche ich Hilfe von irgendwem?« Dann wurden seine Augen groß und er fügte hastig hinzu: »Abgesehen von dir, meine ich?«

      Wieder ließ sie ihn ihren Ellbogen spüren. »Gerade noch mal gutgegangen, Amigo.« Sie fröstelte in seinen Armen. »Verdammt nochmal, Ian, warum habe ich keine Jacke mitgenommen?«

      »Weil du mich dabei hast, um dich warmzuhalten.« Er grinste. »Abgesehen davon bist du manchmal ein bisschen flatterhaft.«

      »Ha, ha …«

      Sie legte ihren Kopf an seinen Hals, und gemeinsam saßen sie da und schauten zu, wie die Sonne hinter dem Horizont versank. Einen friedvolleren Ausblick konnte man sich nicht wünschen. Er vermochte sich nicht zu erinnern, wann sie das letzte Mal einfach zusammen gewesen und sich schweigend einen Sonnenuntergang angesehen hatten. Sie führten ein bewegtes Leben, und wie die meisten anderen Menschen hatten auch sie bisweilen Probleme, immer alles unter einen Hut zu bringen.

      »Denkst du wirklich, wir sind hier richtig?«

      Abigail antwortete nicht.

      Er war schon drauf und dran, seine Frage zu wiederholen, doch dann entschloss er sich stattdessen, den Mund zu halten und zu lauschen. Das Einzige, was er außer der sanften Brise vernahm, war das schwere, ruhige Atmen seiner Frau. Sie war eingenickt. Er ließ sie behutsam zu Boden gleiten und stand auf, um ihr seinen zusammengerollten Schlafsack sanft als Kissen unter den Kopf zu schieben. Er atmete tief ein, seufzte und genoss die angenehme, erfrischend kühle Luft.

      Es roch nach Natur.

      Und er liebte diesen Geruch.

      Nach dreizehn Jahren im Dienst der Marine der Vereinigten Staaten hatte Ian abgedankt und war mit seiner Frau, Dr. Abigail Hunt, nach Australien übergesiedelt. Später hatte es sie irgendwie nach Südafrika verschlagen, wo sie jetzt lebten. Abigail war auf ein sehr kontroverses Forschungsgebiet spezialisiert und hatte unter der renommierten Dr. Catherine Forster an der George-Washington-Universität in Washington, D. C. promoviert.

      Anfangs war das Studium der Evolution von Dinosauriern zu Vögeln Gegenstand hitziger Debatten gewesen. Doch im Laufe der Jahre, als zusehends mehr Informationen zutage traten, begann das Ganze nach und nach immer mehr Sinn zu ergeben, auch wenn Ian zugegebenermaßen einige Mühe gehabt hatte, sich mit der Materie anzufreunden.

      Wie so viele Angehörige ihres Fachgebiets hatten auch Abigail und ihre Mentorin Dr. Forster ursprünglich angenommen, dass sich die Dinosaurier aus der Paraves-Gruppe schlussendlich zu Vögeln weiterentwickelt hatten und davongeflogen waren. Bei diesem Gedanken fühlte sich Ian stets an die Ansprache von Dr. Alan Grant am Anfang von Jurassic Park erinnert, als er einer Schar Besucher eben diese Theorie erläuterte.

      Ian gefiel besonders die Szene, in der Grant diesem ungezogenen Gör mit seiner versteinerten Raptorklaue einen Schrecken einjagte. Allerdings musste Ian, nachdem er sämtliche Filme der Jurassic-Reihe ein dutzend Mal oder noch öfter gesehen hatte, zugeben, dass nicht wenige der Dinosaurier, die man dort sah, gewisse Ähnlichkeit mit Truthähnen hatten.

       Genau wie der Fettsack Dr. Grant gegenüber behauptet.

      Bei ihrer allerersten Verabredung erzählte Abigail ihm von ihren Forschungen und legte dabei dieselbe Passion und Leidenschaft an den Tag, die sie auch heute noch für ihre Arbeit zeigte. Seine erste Reaktion hatte darin bestanden, sie auszulachen, genau wie jene Ausgrabungsstätten-Gäste zu Beginn des Kinofilms.

      Gleichwohl, fünfzehn Jahre Ehe hatten ihn gezwungenermaßen – und eingangs gänzlich gegen seinen Willen – ebenfalls zu einem Experten auf diesem Gebiet gemacht. Tagaus, tagein konfrontierte sie ihn mit ihren Hypothesen, um zu sehen, was er davon hielt, woraufhin er dann stets mit der ihm eigenen Bodenständigkeit seine Sicht der Dinge zum Besten gab. Ian war ein stinknormaler Bursche mit einer stinknormalen Denkweise.

      Das war auch der Grund dafür, warum Ian das Geschwafel eines senilen alten Narren aus einem der Dörfer, die sich an den Fuß dieses Gebirgsmassivs auf Madagaskar schmiegten, als genau das ansah – als bloßes Geschwafel. Doch nachdem sie einige gründlichere Nachforschungen angestellt und einige Gespräche mit sehr weiter Ferne geführt hatten, stellte Abigail die Theorie auf, dass es diese Mischform beider Tierarten – einen Hybriden aus Vogel und Dinosaurier − tatsächlich gab und dass sie irgendwo im Andringitra-Gebirge lebte.

      Der schrullige Kauz erklärte, er hätte vor sechs Monaten eine Reihe merkwürdiger, kreischender Rufe gehört, unmittelbar nach einer Reihe schwacher Erdbeben. Der Mann trieb sich regelmäßig auf dem Berg herum, auf der Suche nach Wertsachen, die Wanderer verloren hatten.


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