Cardiff am Meer. Joyce Carol Oates

Cardiff am Meer - Joyce Carol Oates


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Schock! Warum hat niemand sie gewarnt! Lucius Fischer hatte offensichtlich gewusst, dass ihr Vater die Familie ausgelöscht hatte, war aber zu feige gewesen, es ihr zu sagen.

      In einer Trance des Schreckens betrachtet sie eingehend die Fotos ihrer Eltern, die das Cardiff Journal mehrmals abgedruckt hatte.

      Conor Donegal. Kathryn Donegal. So jung! Clares Alter.

      Beide sind sehr attraktiv, lächeln in die Kamera. Conor blinzelt beim Lächeln, in seiner linken Wange ein Grübchen, wie ein Augenzwinkern. Ein jungenhaftes Gesicht, selbstbewusst, ein schelmisches Glitzern in den Augen. Welliges dunkles, dichtes Haar, aus dem Gesicht gekämmt, spitzer Haaransatz. (Clare stiert erstaunt auf das Bild: auch sie hat diesen spitzen Haaransatz, wenn auch nicht genau in der Mitte der Stirn und nicht so hervorstechend wie bei Conor Donegal.) Kathryn ist nicht so demonstrativ hübsch, ihr Lächeln zurückhaltender. Ein beliebtes Mädchen aus der Highschool, möchte man meinen. Die Art von Mädchen, die Clare aus der Distanz betrachtet hätte, fasziniert von ihrer Gelassenheit und Eigenständigkeit.

      (Clare fühlt sich im Namen ihrer Mutter erbost. Warum in aller Welt hatten die Großtanten Kathryn als ›so gewöhnlich‹ bezeichnet?)

      Zumindest weiß Clare jetzt, wie sie aussehen. Mein Vater, meine Mutter.

      Sie ist erleichtert, dass es kein Foto von ihren Geschwistern in der Zeitung gibt. Emma, Laird – nur Namen. Erschütternd. Denn Clare hat keinerlei Erinnerung an diese Kinder.

      Keine Erinnerung an niemanden: die verlorene Familie.

      Und in dieser Ausgabe des Cardiff Journal vom 10. Januar 1989, wird ganz beiläufig berichtet, dass die »Retter« der zunächst vermissten Clare Ellen Donegal ›Elspeth und Morag Lacey‹ hießen, die Tanten des verstorbenen Conor Donegal.

      Clare liest diesen knappen, prägnanten Absatz mehrere Male.

       Also verdanke ich ihnen mein Leben? – den Großtanten?

      Sie wischt ihre Augen, schaudert.

      Erinnert sich an den Morgen im Bett mit der Rosshaarmatratze, als sie das Gespräch ihrer Großtanten unten an der Treppe mitanhörte, wie Geister in einem Traum. Verwundert, hämisch – Oh, sie erinnert sich nicht! Nicht einmal an uns – die wir sie doch gefunden haben.

II.

      11.

      Im gleißenden Licht der Sonne ist sie vom Weg abgekommen. Hat ihr Gleichgewicht verloren. Und dann findet sie sich auf dem Boden wieder. Schwere in allen Gliedern, ein stechender Schmerz an ihrer Schläfe.

      Jemand beugt sich über sie, besorgt. »Miss? Sind Sie okay? Kann ich …«

      Frische Luft erweckt sie zum Leben. Frische Luft ist das Einzige, was ihr fiebriges Gesicht verlangt.

       »… Ihnen helfen? Einen Krankenwagen rufen?«

      Nicht in der Lage zu antworten. Das Tosen in ihrem Kopf ist zurück, ohrenbetäubend.

      Neunzig Minuten sind vergangen, seit Clare in der Bibliothek ankam. Neunzig Minuten (erinnert sie sich verblüfft) seit sie die Steinstufen hinaufgesprungen ist, begierig, das Schlimmste zu erfahren.

      Erschöpft. Die Handkurbel drehen, auf den Mikrofilm starren. Schmerzen im Nacken, Schultern. Fühlt sich, als ob sie an den Haaren durch eine Gerölllandschaft gezogen worden wäre.

      Unter ihren Füßen gleitet der Beton weg. Sie fällt wie ein Stein. Ein Gehweg, an der Seite wächst Gras. Geruch von feuchter Erde. Ein Fremder beugt sich über sie, zögert, sie anzufassen, ihr hochzuhelfen.

      So schwer! Clare wiegt nur fünfzig Kilogramm, aber ihre Knie, ihre Beine haben keine Kraft, um sie aufrecht zu halten.

      Dann setzt sie jemand hin, ein niedriger Vorsprung, sie versucht zu atmen. Ein Stahlband ist um ihre Brust gespannt.

      Jemand spricht mit ihr, ein Fremder. Er ist besorgt um sie, fragt, ob er jemandem Bescheid sagen kann, aber Clare insistiert, nein – niemandem …

      »Nein! Wirklich nicht, mir geht’s gut. Wirklich gut.«

      »Sind Sie sicher, dass ich nicht den Krankenwagen rufen soll? Sie sehen sehr bleich aus …«

      »Danke, aber nein! Nein.«

      Clare schaut ihn nicht an. Wer immer es auch ist. Eine kluge Strategie: einem Fremden nicht in die Augen sehen, wenn man angreifbar ist, verwirrt. Ein Fremder würde dann merken, in welch großer Not man ist.

      Nein, nein! – das Letzte, was Clare möchte, ist die Notaufnahme, in der Stadt, wo sie niemanden kennt. Ins Krankenhaus eingeliefert gegen ihren Willen – ein Albtraum. In dem wirren Augenblick eben hätte sie nicht einmal das Wort ›Cardiff‹ herausgebracht. Hätte nicht erklären können, woher sie kommt und wohin sie geht.

      Kurz danach hat sie sich schon wieder erholt von der Ohnmacht. Sie zwingt sich, wieder aufzustehen. Geht weiter, festen Schrittes, damit der Fremde nicht weiterbohrt.

      Aber warum gehst du weiter? Ist dies nicht der Kreuzungspunkt mit einer anderen Person? Ein anderes Leben, in dessen Netz du hineingestolpert bist.

      Aber nein, keine Zeit. Muss weiter.

      Schließlich findet sie ihr Auto, einen kompakten Sedan metallic-grau, sieht verbeulter aus, als sie es in Erinnerung hat. Und dann starrt sie auf das Nummernschild, als ob sie es noch nie gesehen hätte. Hat jemand die Zahlen geändert? Oder – ist dies vielleicht gar nicht ihr Auto?

      (Doch, ist es. Sie schaut in den Innenraum, auf den Rücksitz, wo sie ein paar Kleidungsstücke zurückgelassen hat. Natürlich ist das ihr Auto.)

      Nicht ganz sicher, ob sie wirklich fahren sollte, noch immer weiche Knie, etwas benommen im Kopf. Muss sich selbst zurechtweisen – Lächerlich. Sie sind vor solch langer Zeit gestorben. Du hast so lange ohne sie gelebt. Und du hast gar keine Erinnerung an sie.

      Der Zauber ist gelüftet. Muss gelüftet sein, Blut ist zurück in Clares Gehirn, mit viel Sauerstoff, Klarheit.

      Stark genug, um das Auto aufzuschließen, aus dem Parkplatz hinauszufahren.

      Stark genug, um zurückzufahren – wohin?

      Muss fliehen. Trinken, mich betrinken. Zu einer Kugel einrollen. Verschwinden.

      So allein! Verwüstung.

      Der Plan ist, zum Haus in der Acton Avenue 59 zurück, schnell die Koffer packen, gehen. Wenn die Großtanten ganz überrascht hinter dir herrufen, gekränkt dir Vorwürfe machen, dann sagst du ihnen, Danke für eure Gastfreundschaft. Aber – auf Wiedersehen! Du wirst nicht anhalten, nicht auf der untersten Treppenstufe sitzenbleiben wie ein eingeschnapptes Kind. Wenn du gezwungen wirst, dich zu erklären, brichst du nicht in Tränen aus. An der Eingangstür wirst du den Großtanten höflich sagen – Ich möchte nichts davon haben. Es war ein Fehler, hierherzukommen. Nehmt ihr das »Erbe« – es ist eures.

      Wie entspannend das sein wird, nach Süden zu fahren! Raus aus dem felsigen Maine, wo dünne Nebelschwaden wie Geister über die Straße ziehen.

      Du möchtest das Haus in der Post Road. Dieses Haus.

      Auf dem Weg Richtung Norden nach Cardiff hat es dich gepackt. Wolltest dich nicht mit Hörbüchern oder Musik von der Aufbruchstimmung ablenken. Der Gedanke an eine Erbschaft – egal, welcher Art – hatte dich gefangen genommen. Der Gedanke an Verwandtschaft – lebende Verwandte – hatte dich gefangen genommen. Unablässig hast du daran gedacht, was das alles für dich bedeuten könnte.

      In der Acton Avenue (nicht leicht zu finden: unbekannte Straßennamen, unbekannte Häuser, immer wieder ist dein Kopf leergefegt, keine Ahnung, wo du verdammt noch mal bist oder was dich denn so dringend nach vorne peitscht) parkt Clare ihr Auto direkt vor dem mächtigen alten Steinhaus. An diesem frostigen Apriltag erscheinen Haus und Grundstück völlig farblos, erinnern an ein verblichenes Foto. Clare kann fast die Knicke auf dem Foto sehen, den schmutzigen


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