Die normative Kraft des Decorum. Sophia Vallbracht
Rede nicht ihre Daseinsberechtigung ab. Das Verhältnis vom Abbild zur Rede als dessen wahrscheinlichem Nachbild entspricht nach Platon dasjenige vom Sein zum Werden und von der Wahrheit zum Glauben.38 So steht auf der einen Seite das absolute Sein, welches dem göttlichen und transzendenten Bereich (Sein/Wahrheit) zuzuordnen ist, dem relativen Sein, welches durch die menschliche Sinnessphäre bedingt ist (Werden/Glauben), auf der anderen Seite gegenüber. Das wahre Sein ist damit außerhalb der menschlichen Lebenswirklichkeit existent, die sich lediglich durch „Objekte[n] eines durch Empfindung veranlaßten Dafürhaltens (δοξα μετ’ αισθησεως αλογου)“ bestimmt.39 Der Mensch muss sich nur dieser Abbildrelationen bewusst werden, will er zur für ihn möglichen wahren Erkenntnis gelangen.
Damit stellt sich die dritte Stufe als die höchste, erreichbare Stufe einer Rede dar, da das reine Sein als absolutes platonische Ideal (ἰδέα) in der menschlichen Wirklichkeit nicht sprachlich zu fassen und so auch nicht erreichbar ist. Da das ideale Sein nicht fassbar und analog eine absolute Wahrheit nicht feststellbar ist, muss sich die Rhetorik40 im Wissen darum mit dem wahrscheinlichen Schein als Leitbild im Überzeugungssystem begnügen.
Ebene I | Ebene II | Ebene III |
Urbild/Idee (εἶδος) | Abbild (εἴδωλον)41 | künstliches Nachbild |
Gedanken/Denken | sinnliche Wahrnehmung | Sprache/Rhetorik |
Sein | Sein als Schein (ornatus) | wahrscheinlicher Schein (decorum) |
Tab. 1:
Übersicht über die Stufen der Erkenntnis/Wirklichkeit in Verbindung mit Sprache
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