Das Netzwerk. Markus Kompa
Keiner kennt den anderen, die Führungsebene besteht aus einer Zelle von sieben Mitgliedern, die miteinander nur im Internet verschlüsselt kommunizieren. Die CIA interessiert sich für die Identität des mutmaßlichen Rädelsführers, der im Netz unter dem Namen ›Der_Baron‹ auftritt. Die Amerikaner glauben, dass diese Hacker den Bundestagswahlkampf und die öffentliche Stimmung gegen die USA aggressiv beeinflussen wollen, etwa durch Leaks. Die Gruppe stellt also eine ernst zu nehmende Gefahr für das eh schon strapazierte deutsch-amerikanische Verhältnis dar. Ich bitte Sie daher, bis zur nächsten Sitzung die jeweiligen Erkenntnisse Ihrer Behörden über diese Hackergruppe und insbesondere über diesen Baron zusammenzufassen.«
»Das wäre es dann. Ich danke Ihnen«, schloss Bogk die Sitzung. »Frau Strachwitz, bleiben Sie bitte noch einen Moment im Raum. Ich möchte Sie noch kurz sprechen.«
Als der ChefBK und seine Verfassungsschutzpräsidentin alleine waren, schenkte ihr Bogk unaufgefordert Kaffee nach. »Sagen Sie mal, Frau Strachwitz, diese neue rechtspopulistische Partei da, die AEP – woher hat die eigentlich das viele Geld für den Wahlkampf?«
Ellen schwieg für einen Moment diplomatisch. »Herr Bogk, Sie werden unsere Erkenntnisse über die Parteienfinanzierung ausführlich im Bericht über den Wahlkampf nachlesen, im nicht öffentlichen Teil natürlich. Darüber hinaus beobachten wir die AEP aktuell nicht, da sie sich erst vor ein paar Monaten gegründet hat und bislang kein Verdacht auf irgendwelche verfassungsfeindliche Tendenzen besteht.«
»Der Bericht erscheint doch erst nächstes Jahr … Die Bundesregierung ist aber an einem lauteren Wahlkampf interessiert. Wenn unbekannte Geldgeber eine neue Partei finanzieren und dadurch eventuell verfälschenden Einfluss auf den Wahlkampf nehmen, dann hat die Regierung ein legitimes Interesse daran, die Öffentlichkeit hiervor zu schützen.«
»Was sollte die Regierung denn dagegen veranlassen? Jegliche offizielle Verlautbarung würde im Wahlkampf negativ auf die Koalition zurückfallen. Man würde argwöhnen, dass Ihre Partei den Verfassungsschutz für die eigenen politischen Ziele einspannt und Geheimdiensterkenntnisse parteipolitisch verwertet …« Ellen hatte sich weit vorgewagt. Bogk war in seiner Partei ein wichtiger Strippenzieher, dem mindestens Ambitionen auf das Amt des Außenministers nachgesagt wurden. Zweifellos hatte er nicht als ChefBK, sondern im Interesse seiner Partei gefragt, die sich auf einen harten Wahlkampf vorbereitete und ihre Wähler in den Umfragen an genau die neue Partei verlor. Bogk ließ nicht locker.
»Die Kanzlerin muss wissen, was in der Bundesrepublik vor sich geht. Es wäre doch peinlich, wenn sie die Letzte wäre, die von destruktiven Kräften hinter der AEP erfährt. Das ist allemal eine Frage der öffentlichen Sicherheit, zumal ich durchaus verfassungsfeindliche Tendenzen bei dieser Partei sehe. Das Bekenntnis zum Euro ist ein fundamentales Staatsinteresse. Der Verfassungsschutz ist doch dazu da, um verfassungsfeindliche Tendenzen an die Regierung zu berichten, nicht wahr?«
»Dann bitte ich Sie um eine schriftliche Anfrage mit substantiierter Begründung und einer Abschrift an das Innenministerium, dann will ich sehen, was ich für Sie tun kann!«, antwortete Ellen mit einem verlegenen Lächeln. Bogk ließ sich nichts anmerken. Selbstverständlich würde es eine solche, ihn kompromittierende Anfrage nicht geben. Der Verfassungsschutz war zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet. Es war schon peinlich genug, dass Ellen wohl wusste, wer Bogks eigene Partei so alles mitfinanzierte. Munition für seinen Wahlkampf würde sie ihm bestimmt nicht liefern. Bogk stellte seine volle Kaffeetasse ab, Ellen hatte die ihre nicht angerührt.
»Wie Sie meinen. Das wäre dann alles für heute.«
Im Flur des siebten Stockwerks, der sogenannten Skylobby, wartete Fricke, der Ellen zum Mittagessen eingeladen hatte. Dem alten Fuchs war klar, dass Bogk so kurz vor dem Wahlkampf in einem Vier-Augen-Gespräch mit Ellen kaum Spionagestorys besprechen würde. Doch er war zu professionell, um seine Kollegin mit einem Gespräch hierüber in Verlegenheit zu bringen. Die eisige Verabschiedung, die Bogk und Ellen beim Verlassen des Geheimschutzraums vollzogen, bestätigte ihn in seinem Verdacht ausreichend. Fricke, nicht mehr der jüngste, genoss es sichtlich, mit der adretten Verfassungsschutzpräsidentin im Kostüm an seiner Seite durch das Kanzleramt zu defilieren. Die selbstbewusste Mittvierzigerin war aus seiner Perspektive eine junge Frau. Dass ihre Ehe nur noch auf dem Papier bestand, war dem BND-Chef natürlich bekannt. Eine Scheidung kam für sie aktuell nicht infrage, da eine Behördenchefin in geordneten Verhältnissen zu leben hatte. Zwar schirmte Ellen ihr Privatleben erfolgreich ab, aber ihr Familienstand war nun einmal öffentlich zugänglich. Während ihrer noch jungen Amtszeit würde Deutschlands erste weibliche und zugleich jüngste Geheimdienstchefin den Medien ganz gewiss kein Futter liefern.
»Sie haben Lehr eben ja ganz schön angegriffen!«, bemerkte Ellen, als Frickes abhörsicherer Dienstwagen die Schranke des Bundeskanzleramts passierte.
»Glauben Sie?« Fricke lächelte weise. »Lehr ist mein Freund! Ich habe den Bad Cop gespielt und damit Bogk als vernünftigen Politiker dazu gebracht, den armen Lehr in Schutz zu nehmen. Damit hat er sich festgelegt und muss sich nun loyal gegenüber Lehr verhalten. Lehr wiederum hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und damit Bogk kommuniziert, dass er in Krisen bestehen kann.«
»Dann war der Streit verabredet?«
Anstatt einer Antwort lächelte Fricke erneut. Eigentlich war vereinbart, dass Ellens ergrauter Kavalier einen Tisch in Mitte reserviert hatte. Stattdessen bog der Fahrer am riesigen BND-Komplex in die Tiefgarage ein.
»Nanu? Speisen wir in Ihrer Kantine?«
»Beinahe. Ich glaube, dass unser Tischgespräch in der Öffentlichkeit nicht optimal aufgehoben wäre. Außerdem möchte ich Ihnen das Risiko einer unfreundlichen Bedienung ersparen, wie sie hier in Berlin leider häufig zu erleben ist. Aber ich verspreche Ihnen eines: Unsere Unterhaltung wird absolut nichts mit dem Wahlkampf zu tun haben.« Beide mussten grinsen. Frickes Gutsherrenart inklusive Einstecktuch und Menjou-Bärtchen passte nicht mehr so recht in die Zeit, sein souveräner Charme eines weltmännischen Diplomaten entwaffnete jedoch bislang zuverlässig jeden Kritiker. Im VIP-Bereich hatte der BND einen abhörsicheren Raum wie ein Restaurant eingerichtet. Bei den explodierenden Baukosten des BND-Neubaus war es darauf auch nicht mehr angekommen. Ein exzellenter Koch mit internationalen Küchenkenntnissen und ein professionelles Servicepersonal sollten ausländische Geheimdienstler beeindrucken. Die vierhunderteinundfünfzig Geheimdienstchefs aus einhundertsiebenundsechzig Ländern hatten Anspruch darauf, beim BND gebauchpinselt zu werden. Ein derartig diplomatisches Parkett gab es natürlich in Ellens Inlandsgeheimdienst nicht. Bei Ankunft der beiden Gäste waren die Speisen bereits servierfertig.
»Wir befinden uns im einzigen Raum im Haus, in dem das Alkoholverbot nicht gilt. Das Personal ist insoweit zu strengster Geheimhaltung verpflichtet!«
»Ich weiß! Wir haben Ihre Leute ja durchgecheckt!«, flachste Ellen zurück und griff zum Weißweinglas. »Sie wollen mich gesprächig machen … Was kredenzen Sie denn?«
»Lassen Sie sich überraschen!« Der Wein schmeckte fantastisch.
»Ein Grauburgunder?«
»Das ist geheim …« Der Kellner trug die Speisen auf und verkündete stolz: »Bœuf Stroganoff.«
»Mein Lieblingsessen? Entweder spionieren Sie mich aus, oder …«
»Oder der BND liest Frauenzeitschriften! Ja, das tun wir. Wir lesen alles.« Nach ihrem Amtstritt hatte Ellen ein Interview gegeben, das nun nach zwei Jahren überraschend Wirkung zeigte. »Beim BND wird nichts gelöscht. Datenschutz ist eher etwas für das Innenministerium, auch wenn ich weiß, was Ihnen Ihre ›Religion‹ bedeutet … Deshalb gibt es als Nachtisch auch Panna Cotta …«
»Sie verstehen es, eine Frau zu verwöhnen …«
»SIE zu verwöhnen, Frau Dr. Strachwitz. Alles Berechnung! Sie wissen doch, ich spiele Schach.«
»Und im Gegensatz zu meinem Vorgänger habe ich Sie insoweit als mögliche Schachpartnerin enttäuscht.«
»Sie haben andere Qualitäten …!«
Ellen zog theatralisch die Augenbrauen hoch. »Flirten Sie etwa gerade mit mir? Benötigen wir möglicherweise