Die Geheimnisse von Paris. Эжен Сю

Die Geheimnisse von Paris - Эжен Сю


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Rudolf,« sagte sie, »Sie sind so lieb und nett gegen mich. Ich muß mich ja schämen.« »Schämen? Weil ich manierlich gegen Sie bin?« »O, mir kommt es so vor, als wenn Ihre Art, mit mir zu sprechen, heut eine ganz andere wäre als gestern?« »Na, welcher Rudolf hat Ihnen denn besser gefallen, der von heute oder der von gestern?« »So sehe ich Sie schon lieber, wie Sie heute sind«, sagte das Mädchen, und doch war es mir gestern, als ständen wir einander näher«; aber von Bange erfüllt, daß sie Rudolf durch diese Worte gekränkt haben könne, lenkte sie gleich wieder ein und sagte: »Wenn ich sage, Herr Rudolf, es sei mir gewesen, als hätten wir einander näher gestanden, so weiß ich doch recht gut, daß so etwas nicht sein kann ...« »Aber, Mädchen, Sie scheinen völlig zu vergessen, was Ihnen die alte Hexe gestern sagte, die Sie Eule nannten!« »Daß Sie meine Mutter kennen? O nein, das vergesse ich nicht, lieber Herr Rudolf, nein, nein! Habe ich doch die ganze Nacht darüber geweint und sinniert, aber ich glaube bestimmt, daß an der ganzen Sache kein wahres Wort ist, und daß die Eule das alles bloß ausgedacht hat, mich recht zu quälen.« »Es kann aber auch sein, daß die Eule mehr weiß, als Sie denken, Kind! wäre es Ihnen nicht recht, wenn sich Ihre Mutter wiederfände?« »Ach, Herr Rudolf, was könnte es nützen, daß ich meine Mutter fände, wenn sie doch nichts von mir hat wissen mögen? Und wenn sie mich lieb haben sollte, möchte sie sich wohl um der Schande willen, in der sie mich findet, zu Tode grämen!« – »Hat Ihre Mutter Sie geliebt, so wird sie Ihnen auch verzeihen und wird Sie auch lieben. Und wenn sie sieht, in welches Elend ihre Lieblosigkeit Sie gebracht hat, wird sie sich selbst schämen müssen, und das wird Rache genug für Sie sein.«

      In diesem Augenblicke fuhr der Wagen an der Stelle vor, wo sich die Straße von Saint-Denis mit chemin de la révolte schneidet. Trotzdem die Gegend an landschaftlicher Schönheit kaum etwas aufzuweisen hatte, war Marienblümchen so außer sich vor Freude, daß sich ihr allerliebstes Gesicht schier verklärte. In die Hände klatschend, beugte sie sich zum Wagenschlage hinaus und sagte: »Herr Rudolf, ach! wie glücklich ich mich fühle! Gras und Felder! Ach, wenn ich aussteigen dürfte? Wie gern ich auf den Wiesen herumlaufen möchte!« – »Dann gut, mein Kind! Wir wollen ein bißchen draußen auf und ab gehen. Kutscher, halten Sie doch!«

      Die Freude des Mädchens und die Weise, wie sie sich zum Ausdrucke brachte, zu schildern, will ich nicht versuchen. Der Leser und die Leserin möge sich vorstellen, mit welcher Lust ein Vögelchen die freie Luft begrüßt, das lange in einem engen Käfige geschmachtet hat. Bald lief sie, bald sprang sie, bald bückte sie sich, um einige Blümchen am Wegrande zu pflücken, bald blieb sie ermattet stehen, um Atem zu schöpfen, oder setzte sich auf einen Stamm neben einem tiefen Bache, seinem leisen Gemurmel lauschend. Der durchscheinende weiße Teint bekam eine frischere Farbe. Ihre großen blauen Augen leuchteten in mildem Glanz; ihr rosiger Mund zeigte zwei Reihen glitzernder Perlen, ihr Busen wogte unter dem alten Schaltuche, das sie um hatte, und während sie die eine Hand aufs Herz legte, es zu beruhigen, reichte sie mit der andern Rudolf den Feld- und Waldblumenstrauß, den sie gepflückt hatte.

      Ein seltsames Ereignis sollte die Freude des Mädchens jäh vernichten.

      Neuntes Kapitel. Aus Leid in Freud'!

      Marienblümchen saß noch auf dem Baumstamm am Bachrande. Mit einem Male tauchte hinter einem Weidenstrauche eine Mannesgestalt auf, und ein wildes Lachen erklang. Das Mädchen drehte sich erschrocken um. Der Schurimann war es, der gelacht hatte. Das Mädchen flüchtete sich wie ein scheues Reh zu ihrem Beschützer. – »Aengstige dich nicht, mein Töchterchen«, rief er ihr nach, »es trifft sich ja schnurrig, daß wir einander auch hier treffen! Aber, Herr Rudolf – man mag sagen, was man will, über uns liegt doch etwas, da oben in dem blauen Dunste über uns, was uns lenkt und leitet – mögen es die Menschen Gott nennen oder Schicksal, einerlei! Es ist, wie wenn es dem Menschen sagen möchte: Geh, wie ich dich führe! Und hierher hat es Sie getrieben, als es mich hertrieb ... Wunderbar, wunderbar, was man nicht alles erlebt!«

      »Und was treibst du hier?« fragte Rudolf, aufs höchste verwundert. »Das sollen Sie gleich erfahren! Aber sagen Sie mir zuerst, wie spät ists jetzt?« – »Halb eins«, sagte Rudolf, nach einem Blick auf seine Uhr. »Schön! Dann haben wir noch Zeit. Die Eule wird in einer halben Stunde da sein.« »Die Eule!« riefen Rudolf und Marienblümchen wie aus einem Munde. »Jawohl, die Eule!« sagte Schuri, »und was passiert ist, läßt sich mit zwei Worten sagen: Gestern, als Sie das Wirtshaus verlassen hatten, kamen ...«

      »Ein großer Mann und eine Dame in Männerkleidern?« fiel Rudolf ihm ins Wort, »nicht wahr? Die haben nach mir gefragt. Ich weiß es schon. Dann?« »Dann haben sie mich mit Wein traktiert und mich über Sie ausfragen wollen. Aber wenn ich auch was von Ihnen gewußt hätte – was ja doch nicht der Fall ist – so hätte ich doch nichts über Sie gesagt. Meister Rudolf, nachdem Sie mich bezwungen, halten wir zusammen auf Leben und Tod. Wenn ich weiß, warum ich gegen Sie anhänglich bin, soll mich der Teufel holen. Aber es ist schnuppe. Ich kann nicht anders. Ich frage nicht mehr, wie es zugeht. Es ist nun mal so, und damit basta!«

      »Mir solls recht sein. Aber fahre nun fort!«

      »Der Lange und die Kleine in Männertracht gingen weg, als sie sahen, daß aus mir nichts herauszuholen sei. Ich ging auch weg, die beiden in der Richtung nach dem Justizpalaste, ich in der Richtung nach der Notre-Dame-Kirche. Am Ende der Straße angelangt, kam mir der Regen zu derb über den Hals, so daß ich es vorzog, in ein im Abbruch befindliches Haus einzutreten. Dort kletterte ich in eine Art Keller hinunter, wo ich im Trocknen stand, legte mich platt auf die Erde und wollte eben einschlafen. Da weckte mich Lärm. Ich hörte die Stimme vom Schulmeister, der ganz kordial sich mit einem andern Manne unterhielt. Mohrenelement! denke ich. Was hat der vor? Und im andern Augenblick erkannte ich die Stimme des langen Kerls und der kleinen Mamsell. Die drei besprachen sich, am Tage drauf sich hier zu treffen.« »Das wäre also heute?« fiel ihm Rudolf ins Wort. »Ja, heut um eins.« »Also jetzt?« »Ja.« »Und wo?« »Dort, wo der Weg von Saint-Denis sich mit dem chemin de la révolte schneidet.« »Also hier?«

      »Jesus!« rief das Mädchen, »Bakel will herkommen? Ach, Herr Rudolf, vor ihm nehmen Sie sich in acht!« »Sei ruhig, mein Kind, sei ruhig!« sagte Rudolf, sie tröstend; »er soll ja nicht kommen, sondern bloß die Eule! Aber – wie ist der Mann zu den beiden Elenden gekommen?« fragte Rudolf. »Ja, das kann ich nicht sagen Meister. Ich bin vielleicht erst munter geworden, als die Verabredung schon getroffen war, denn der Lange redete von einem Taschenbuche, das er wiederhaben wolle, und das die Eule gegen eine Zahlung von 500 Franks ihm übergeben solle. Ich vermute, Bakel hatte den Langen zuerst bemaust, und dann haben sie ihn – » »Herr Rudolf, es schreckt mich um ihretwillen«, sagte das Mädchen. »Aber, Mädel«, sagte Schuri, »der Herr Rudolf ist doch kein Kind! Freilich, wie du sagst, im Werke kann ja was gegen ihn sein, und aus dem Grunde bin ich hier.« »Erzähl weiter!« sagte Rudolf. »Der Lange und die Kleine haben dem Schulmeister 2000 Franks versprochen, wenn er was vollbringt. Was es aber ist, das er vollbringen soll, weiß ich nicht. Nur soviel habe ich gehört, daß die Eule die Brieftasche herbringen soll, und daß ihr hier gesagt werden soll, um was es sich handelt. Bakel soll dann alles Weitere verrichten.« »Zweitausend Franks um Ihretwillen, Herr Rudolf? Für mich gäbe doch kein Mensch hundert Sous ... Aber, Herr Rudolf! Was müssen Sie für ein Herr sein!« »Nun, Kind! Das wirst du bald erfahren«, antwortete Rudolf. »Abgemacht, Herr Rudolf! Als die beiden Personen sich entfernt hatten, kletterte ich aus meinem Kellerloch und schlich ihnen nach. An der Notre-Dame stiegen sie in einen Fiaker, ich sprang hintenauf, und so kamen wir auf den Boulevard de l'Observatoire. Dort wars finster wie in einem Backofen. Nicht Handbreit zu sehen. Mir blieb nichts anderes übrig, als in einen Baum eine Kerbe zu schneiden, damit ich mich am anderen Tage wieder herfinden könne. Heut morgen bin ich wieder hingegangen, und habe zehn Schritte von dem Baume ein Gäßchen gesehen, durch ein Gitter abgesperrt, und da in dem Erdreiche noch große und kleine Tapsen zu sehen waren, habe ich angenommen, daß die beiden Personen in dem Hause wohnen.«

      »Vielen Dank, Kamerad«, sagte Rudolf, »du hast mir da einen recht großen Dienst erwiesen ...« »Bitte, bitte, Herr Rudolf, hat gar nichts zu sagen, wenn ichs mir auch gedacht habe, daß es der Fall sein werde, und wenn ich es auch aus keinem andern als diesem Grunde getan habe.« »Ich weiß es, mein Lieber, kann dir


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