Gesellschaftliches Engagement von Benachteiligten fördern – Band 3. Benedikt Sturzenhecker

Gesellschaftliches Engagement von Benachteiligten fördern – Band 3 - Benedikt Sturzenhecker


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Dönerbuden aufzusuchen oder in der Nachbarschaft beziehungsweise in angrenzenden Grünzonen zu chillen. An solchen außerschulischen Orten stoßen sie aber wieder auf andere dort handelnde Menschen und deren Interessen. Es entstehen neue Chancen, etwa der Bildung, der Schließung von Freundschaften und Bekanntschaften, der Freizeitgestaltung, des Umgangs mit Nahrungsmitteln usw. Selten aber können die pädagogischen Einrichtungen wie Schule oder Jugendhäuser solche Verschränkungen von Räumen und Handlungsmustern jenseits der Grenzen der eigenen Einrichtungen erkennen oder gar handelnd einbeziehen. Die Kinder und Jugendlichen sind also immer schon Akteur*innen jenseits der Grenzen der Einrichtungen und handeln im Rahmen der räumlich-sozialen Verhältnisse der Kommune.

      Dort sind sie als Einzelpersonen oder als Cliquen häufig den Machtsphären anderer Personen, Gruppierungen oder Institutionen ausgesetzt. Forschungen zum sozialräumlichen Handeln von Kindern und Jugendlichen zeigen, dass diese in den lokalen Machthierarchien oft an letzter Stelle stehen und wenig Einflussmöglichkeiten haben (zum Beispiel Reutlinger 2003; Scherr 2004; Sturzenhecker 2015a). Obwohl die Kinder und Jugendlichen Mitbürger*innen sind, wird ihnen doch nicht gleiches Recht eingeräumt, die öffentlichen Räume zu nutzen. Stattdessen kommt es häufig zu Kontrollen, Vertreibungen und Verbringung in pädagogische Einrichtungen. Mögen diese dann durchaus selbst wieder demokratisiert sein, bleibt diese Chance der jungen Menschen auf Partizipation jedoch schwach, wenn die pädagogischen Einrichtungen selbst nicht auf den Mangel an demokratischer Beteiligung ihrer Adressat*innen in der Umwelt eingehen. Der Blick der Einrichtungen muss sich also immer gleichzeitig auf ihre Binnenverhältnisse und deren Demokratisierung sowie auf die Außenverhältnisse richten, also auf die Unterstützung der Kinder und Jugendlichen auch in ihren sonstigen Lebensverhältnissen, um in den sozialen Räumen der Kommune als mitentscheidungsberechtigte Bürger*innen anerkannt zu werden.

      Daher fordern landesweite Kampagnen wie „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ (jugendgerecht.de), demokratische Beteiligung und ein Mehr an Gerechtigkeit für Kinder und Jugendliche, besonders auf Ebene der Kommunen, durchzusetzen. Gefordert werden kinder- und jugendgerechte Kommunen und Regionen, „weil sie räumlich und politisch den jugendlichen Lebenswelten am nächsten sind. Hier sind die jungen Menschen unmittelbar betroffen, hier sind sie direkt ansprechbar“ (jugendgerecht.de). Handlungsmodelle einer kommunalen jugendgerechten demokratischen Beteiligung haben auch das Potenzial, die gesellschaftliche Inklusion von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Diese werden – folgt man demokratischen Prinzipien – nicht als benachteiligte, defizitäre, problematische oder riskante Gruppierungen betrachtet und behandelt, sondern sind gleichberechtigte Mitbürger*innen, die, anerkannt als Mitglieder der kommunalen Demokratie, diese mitgestalten.

      Insgesamt ist damit auch ein Argument verbunden, das Demokratie auf kommunaler Ebene besondere Chancen der konkreten Mitwirkung der Bürger*innen an lokalen Entscheidungen und kommunalen Handlungsweisen böte. Es sind heute viele konzeptionelle Ideen zu finden, die die Rettung der Demokratie in der Kommune verorten (zum Beispiel Barber 2013; Hüther 2013; Richter 2016). Angesichts von Globalisierung und postdemokratischen Phänomenen wird damit doch gerade einer kommunalen Zivilgesellschaft und Demokratie noch die Möglichkeit zugetraut, Erfahrungen konkreter Beteiligung an öffentlich-diskursiver Konfliktbearbeitung und gemeinsamer Entscheidung zu ermöglichen. Auch und gerade Kinder und Jugendliche sollen solche kommunalen Erfahrungen der Demokratiebildung machen können.

       Warum ist Kooperation von Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen wichtig zur Stärkung demokratischer Partizipation ihrer Adressat*innen in der Kommune?

      Die konzeptionelle Grundidee von KoKoDe ist nicht wirklich neu. Dass die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe lokal kooperieren sollen, ist eine alte fachliche Forderung. Dabei die Subjekte, ihre sozialräumlichen Lebensweisen und Themen in den Mittelpunkt zu stellen, ist ebenfalls keine neue Idee. Und trotzdem scheint die Kombination von beidem bisher so gut wie nicht erprobt zu sein. Das liegt meines Erachtens vor allem daran, dass die Versäulung der Arbeitsfelder in der Kinder- und Jugendhilfe sehr stark ist. Es liegt für Fachkräfte noch halbwegs nahe, sich mit anderen Einrichtungen aus dem eigenen Feld zusammenzutun und ein Handeln zu koordinieren, wahrscheinlich vorrangig im Feld der Legitimierung und Sicherung der eigenen Institutionen. Aber über die Arbeitsfeldgrenzen der Bereiche von Kita, Jugendarbeit, Ganztagsbetreuung, Familienberatung, Jugendkulturarbeit und Hilfen zur Erziehung hinweg ist eine Zusammenarbeit ungewohnt. Stattdessen ist die Handlungsperspektive stark begrenzt auf die eigene Einrichtung. Fachkräfte beschäftigt buchstäblich nur das, was in den Grenzen der eigenen Einrichtung – und das bedeutet auch der räumlichen Grenzen – stattfindet.

      Wollen Fachkräfte und Einrichtungen eine solche Verinselung oder Versäulung überwinden, versuchen sie, Vernetzungstreffen zu organisieren, um die anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe – und vielleicht auch des Bildungssystems und der Zivilgesellschaft – an einen Tisch zu bringen, sich kennenzulernen und gemeinsame Kommunikationswege zu vereinbaren. Das geschieht besonders häufig mit Blick auf die Gestaltung von Bildungslandschaften, die in den letzten Jahren, stark von Schule ausgehend, in den Kommunen gefördert wurde (zum Aspekt der Bildungslandschaften im Verhältnis zum KoKoDe-Konzept siehe den Beitrag von Stephan Maykus in diesem Band).

      Vernetzung und sogar eine Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe vor Ort bedeuten allerdings noch nicht, dass diese dabei die Themen der Kinder und Jugendlichen ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit und ihres Handelns stellen. Stattdessen herrscht oft eine rein organisationelle Koordinationsperspektive. Man prüft, welche Aufgaben sich überschneiden, wie Konkurrenzen zu verhindern sind und wie man stattdessen zusammen Aufgaben der Einrichtungen besser koordinieren und in Absprache erledigen kann. Solche Koordination ist sicher ein wichtiger Fortschritt, doch fehlt ihr der Einbezug der Menschen, um die es geht, nämlich der Kinder und Jugendlichen.

      KoKoDe schlägt vor, bestehende Vernetzungen und Kooperationen beizubehalten, sie aber mindestens zu ergänzen durch eine Konzentration auf die Themen, Interessen und Konflikte der Kinder und Jugendlichen vor Ort. Es geht darum, sich darüber auszutauschen, wie sich diese Inhalte in den einzelnen Einrichtungen zeigen, und darüber hinaus zu erkennen, wo und wie sich darin eine gemeinsame Betroffenheit von Zielgruppen und Einrichtungen hinsichtlich der Verhältnisse vor Ort zeigt.

      Aus Sicht der Subjekte ist ihre Lebenswelt ohnehin ein Zusammenhang, der durch die Interaktion mit anderen in den sozialräumlichen Verhältnissen vor Ort entsteht. Die Kinder und Jugendlichen trennen sich also nicht von den Zuständigkeiten von Organisationen, sondern leben ihr Leben, mit den darin enthaltenen Themen und Schwierigkeiten. Sie suchen nach Möglichkeiten und Ressourcen, wie sie ihre Bedürfnisse umsetzen und mehr Handlungsfähigkeit erringen können. Die inhaltliche und strukturelle Aufteilung der Aufgaben und Angebote der Einrichtungen scheint da eher ein Hindernis zu sein. Diese orientieren sich nicht an den vernetzten Lebensweisen und lokal eingebundenen Bedarfen ihrer Adressat*innen, sondern verlangen, dass sich die Kinder und Jugendlichen den Strukturen und Angeboten der Organisationen anpassen. In einer Kita soll man lernen, mit anderen zu sprechen und zu handeln, zu spielen und sich zu bilden, aber Probleme, die etwa auf dem Weg in die Kita entstehen, werden dort nicht aufgegriffen. Was auf diesem Weg gefährlich oder langweilig oder besonders interessant ist, wird in der Kita kaum thematisiert.

      Die Wahrnehmung der kommunalen Umwelt durch die Kinder und ihr aktives Agieren darin könnten ein starkes inhaltliches Potenzial für eine Artikulation in demokratischen Öffentlichkeiten in der Kommune enthalten. Die Kinder entdecken oft eine ganze Reihe von Problemen, aber auch alternative Gestaltungsmöglichkeiten (zum Beispiel zur Gestaltung von Stadt, zum Umgang mit Müll, zu Handlungsweisen mit von ihnen als riskant empfunden Mitmenschen). In Jugendhäusern oder in Ganztagsbetreuungen wird häufig nicht darauf reagiert, was die Kinder und Jugendlichen in anderen pädagogischen Einrichtungen erleben, welche Handlungsweisen und Probleme im Stadtteil zwischen unterschiedlichen Gruppierungen und Szenen entstehen, welche Attraktionen und Potenziale kommerzielle Orte bieten. Die Teilnehmenden sollen die Angebote wahrnehmen, die die Fachkräfte mit dem besten Willen, ihnen gerecht zu werden, für sie in der Einrichtung mit den gegebenen Ressourcen und Rahmenbedingungen vorbereitet haben. Was draußen passiert


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