Gesellschaftliches Engagement von Benachteiligten fördern – Band 3. Benedikt Sturzenhecker
zu unterstützen.
Auf eine weitere Kooperationsnotwendigkeit hat besonders die Diskussion um die Bildungslandschaften hingewiesen: die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Institutionen von Bildung und Erziehung. Im Laufe der Biografie wechseln Kinder und Jugendliche von einer Institution in die andere, etwa von der Kita in die Schule, daneben ins Jugendhaus oder in den Sportverein. Die Übergangsforschung zeigt, dass solche Passagen für die Subjekte anforderungs- und risikoreich sind. Handeln die Einrichtungen als Insel, kümmern sie sich nicht darum, wie ein Übergang von einer Einrichtung zur anderen aus Sicht der Subjekte zu gestalten wäre. Hier ergibt sich also ein besonderes kommunales Thema: auf welche Weise man möglichst gut und gerecht von pädagogischen Einrichtungen in andere übergehen kann. In den vergangenen Jahren haben viele lokale Bildungskonferenzen versucht, diese Übergänge zu analysieren und zu optimieren. Häufig haben sie dabei allerdings nur die institutionelle Perspektive betrachtet und gefragt, wie die vorherige Einrichtung die Kinder und Jugendlichen für die nächste Einrichtung vorbereiten muss – Paradebeispiel ist der Übergang von der Kita in die Grundschule – und wie eine Übergabe die Anforderungen und Kriterien der aufnehmenden Einrichtungen immer schon berücksichtigen kann.
Wie die Kinder und Jugendlichen selbst Übergänge in der Biografie, aber auch im Alltag zwischen den Einrichtungen beurteilen, welche Bedarfe sie selbst sehen und welche Probleme und Chancen sie erkennen, machen die Einrichtungen selten zum Thema – geschweige denn, dass sie die jungen Menschen als berechtigte und befähigte Mitplaner*innen ihrer eigenen Passagen an solchen Prozessen entscheidend beteiligen würden. Auch hier wäre eine Kooperation besonders der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen nötig, um die demokratische Beteiligung der Kids an der Gestaltung dieser Übergänge möglich zu machen.
Ein weiteres Argument, beim Übergang demokratischer Partizipation von den Einrichtungen in die Kommune zu kooperieren, liegt darin, dass eine solche Zusammenarbeit beispielhaft für demokratisches Handeln in der Gemeinde sein kann. Überwinden die Einrichtungen ihre auf sich selbst zentrierte Perspektive, entdecken sie die komplexe Verbundenheit der Handlungsweisen vor Ort und praktizieren sie eine gleichberechtigte Kooperation mit anderen, zeigen sie an diesem Handeln bereits, wie Demokratie sein könnte. Denn diese muss Einzelinteressen und Differenzen berücksichtigen, sie aber auch in gemeinschaftliche Aushandlung zur Findung gerechter Lösungen einbringen. Die Sichtweisen, Interessen und Probleme von Einzelnen und spezifischen Gruppierungen müssen mit anderen gemeinsam Entscheidungen fällen, die möglichst für alle gut sind. In der Demokratie muss durch Kooperation und faire Konfliktaushandlung das Gemeinwohl hergestellt und gesichert werden. Solche demokratische Kooperation zwischen den Einrichtungen und ihren Beteiligten realisiert also bereits Demokratie. Kinder und Jugendliche können auf diese Weise unterstützt werden, über den Horizont der Einrichtung hinauszuschauen und mit anderen Beteiligten und Betroffenen anderer Einrichtungen in Kontakt und Kommunikation zu kommen. Gemeinsame Betroffenheiten können entdeckt und geklärt werden – und es wird möglich, sich zusammen öffentlich einzubringen und demokratische Politik vor Ort zu machen.
Literatur
Barber, Benjamin R. (2013). If Mayors Ruled the World: Dysfunctional Nations, Rising Cities. New Haven.
Brähler, Elmar, und Oliver Decker (2010). „Deprivation, Lebenszufriedenheit, Arbeitslosigkeit und Demokratie“. Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010. Hrsg. Oliver Decker, Marliese Weißmann, Johannes Kiess und Elmar Brähler. Berlin. 97–105.
Decker, Oliver, Johannes Kiess und Elmar Brähler (Hrsg.) (2016). Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland. Gießen.
Dewey, John (1907). The School and Society. Chicago.
Dewey, John (1916/1985). The Middle Works 1899–1924. Volume 9: Democracy and Education. Hrsg. Jo Ann Boydston. Carbondale/Edwardsville.
Eichholz, Reinald (2008). Kinderrechte ins Grundgesetz – Mehr Gerechtigkeit für Kinder. Hrsg. Fraktion der SPD im Deutschen Bundestag. Berlin. 15–21.
El-Mafaalani, Aladin (2014). Vom Arbeiterkind zum Akademiker. Über die Mühen des Aufstiegs durch Bildung. Sankt Augustin und Berlin.
European Commission (2013). European Youth: Participation in Democratic Life. http://ec.europa.eu/youth/library/reports/flash375_en.pdf (Download 1.9.2019).
Gerdes, Jürgen, und Uwe-H. Bittlingmayer (2012). „Politische Partizipation und politische Bildung“. „Unsichtbares“ Politikprogramm? Hrsg. Wiebke Kohl und Anne Seibring. Bonn. 26–40.
Habermas, Jürgen (1981). Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main.
Hansen, Rüdiger, und Raingard Knauer (2015). Das Praxisbuch: Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita. Wie pädagogische Fachkräfte Partizipation und Engagement von Kindern fördern. (7. Aufl. 2020). Gütersloh.
Hüther, Gerald (2013). Kommunale Intelligenz. Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden. Hamburg.
Knauer, Raingard, Benedikt Sturzenhecker und Rüdiger Hansen (2011). Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita. Gesellschaftliches Engagement von Kindern fördern. Hrsg. Bertelsmann Stiftung. Gütersloh.
Knauer, Raingard, Benedikt Sturzenhecker und Rüdiger Hansen (2016). „Demokratische Partizipation in Kindertageseinrichtungen – Konzeptionelle Grundlagen“. Demokratische Partizipation von Kindern. Hrsg. Raingard Knauer und Benedikt Sturzenhecker. Weinheim. 31–46.
Reutlinger, Christian (2003). Jugend, Stadt und Raum. Sozialgeographische Grundlagen einer Sozialpädagogik des Jugendalters. Opladen.
Richter, Elisabeth, Helmut Richter, Benedikt Sturzenhecker, Teresa Lehmann und Moritz Schwerthelm (2016). „Bildung zur Demokratie – Operationalisierung des Demokratiebegriffs für pädagogische Institutionen“. Demokratische Partizipation von Kindern. Hrsg. Raingard Knauer und Benedikt Sturzenhecker. Weinheim. 107–129.
Richter, Helmut (1998). Sozialpädagogik – Pädagogik des Sozialen. Grundlagen – Institutionen – Perspektiven der Jugendbildung. Frankfurt am Main.
Richter, Helmut (2016). „Pädagogik des Sozialen – Bildungsbündnis in Demokratiebildung“. Widersprüche 142 (36). 47–59.
Richter, Helmut (2018). „Demokratie und Identitätsbildung“. Handbuch Sozialraum. Grundlagen für den Bildungs- und Sozialbereich. Hrsg. Fabian Kessl und Christian Reutlinger. Wiesbaden. 341–358.
Roth, Roland (2003). „Die dunklen Seiten der Zivilgesellschaft: Grenzen einer zivilgesellschaftlichen Fundierung von Demokratie“. Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 2 (16). 59–73.
Scherr, Albert (2004). „Rückzugsräume und Grenzüberschreitungen“. „Aneignung“ als Bildungskonzept der Sozialpädagogik. Hrsg. Ulrich Deinet und Christian Reutlinger. Wiesbaden. 161–174.
Seel, Martin (2014). Aktive Passivität. Über den Spielraum des Denkens, Handelns und anderer Künste. Frankfurt am Main.
Sturzenhecker, Benedikt (2015a). „Sich einmischen in Raumkonflikte mit Kindern und Jugendlichen – Konzepte und Praxis Offener Kinder- und Jugendarbeit“. Umkämpfter öffentlicher Raum. Herausforderungen für Planung und Jugendarbeit. Hrsg. Christian Reutlinger und Raimund Kemper. Wiesbaden. 63–82.
Sturzenhecker, Benedikt (2015b). Gesellschaftliches Engagement von Benachteiligten fördern – Band 1. Konzeptionelle Grundlagen für die Offene Kinder- und Jugendarbeit. Unter Mitarbeit von Moritz Schwerthelm. (2. Aufl. 2016). Gütersloh.
Sturzenhecker, Benedikt (2019). „Förderung gesellschaftlich demokratischen Engagements in Qualitätskonzepten Offener Kinder- und Jugendarbeit“. Partizipation und gesellschaftlich-demokratisches Engagement in der Jugendarbeit. Hrsg. Paritätischer Wohlfahrtsverband LV Berlin e. V. 6–12.
Sturzenhecker,