Der Erste Weltkrieg. Dr. Karl Theodor Helfferich

Der Erste Weltkrieg - Dr. Karl Theodor Helfferich


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als Gegengewicht gegen Russland zu benutzen.

      Dieser Wunsch wurde im Jahre 1900 endgültig als unausführbar erkannt. Aber die britische Politik hatte damals bereits ein anderes Gegengewicht gegen Russland in Aussicht: Japan. Am 30. Januar 1902 wurde das britisch-japanische Bündnis unterzeichnet. Zwei Jahre später brach der russischjapanische Krieg aus, der mit der Niederlage Russlands und dem Zusammenbruch seiner ostasiatischen Politik endete.

      Wie Frankreich durch Faschoda für England bündnisreif gemacht worden war, so jetzt Russland durch den Ausgang des ostasiatischen Krieges. Die für das britische Weltreich gefährlichen russischen Aspirationen waren für absehbare Zeit so weit beschnitten, dass jetzt eine Verständigung möglich erschien. Deutschland wurde infolge der Schwächung Russlands für England nun der konkurrenzlose Feind. Und wie sich England noch wenige Jahre zuvor um das deutsche Schwert gegen Russland beworben hatte, so suchte es nunmehr Russland für die Auseinandersetzung mit Deutschland auf seine Seite zu ziehen. Schon im September 1905 wurde dem von den Friedensverhandlungen in Portsmouth zurückkehrenden Grafen Witte in Paris ein von König Edward und dem russischen Botschafter in Petersburg ausgearbeiteter Vertragsentwurf vorgelegt. Witte zeigte sich zurückhaltend. Aber zwei Jahre später, am 31. August 1907, kam in Petersburg zwischen dem damaligen Minister des Auswärtigen, Iswolski, und dem britischen Botschafter ein dem damaligen Entwurf ungefähr entsprechender Vertrag zustande, der eine Auseinandersetzung der beiderseitigen Interessen in Persien, am Persischen Golf, in Tibet und in Afghanistan enthielt. Damit waren alte und gefährliche Reibungen zwischen den beiden Großmächten aus der Welt geschafft und dem bisher als unmöglich geltenden Zusammengehen von " Elefant und Walfisch" der Weg bereitet. Gleichzeitig war der russische Druck, dem durch den Ausgang des Kriegs mit Japan der Ferne Osten verschlossen worden war, nunmehr auch von Mittelasien auf den Balkan und die Türkei abgelenkt.

      Nicht ganz ein Jahr später, im Juni 1908, traf König Edward mit dem Zaren Nikolaus in Reval zusammen. Alle Welt wusste, dass diese Zusammenkunft, die das größte Aufsehen erregte, den Fragen des näheren Orients, vor allem der mazedonischen Frage galt. Damit begab sich die russisch-britische Entente auf ein Gebiet, das — im Gegensatz zu Mittelasien, dem Objekt des Vertrages von 1907 — deutsche und vor allem österreichisch-ungarische Interessen von großer Bedeutung einschloss.

      Seit jener Zeit konnte man mit Fug und Recht von der Triple-Entente, dem dreifachen Einvernehmen, sprechen. Was diese neue Kombination bedeutete, lässt sich am besten mit den Worten des belgischen Gesandten in Berlin, Baron Greindl, sagen:

      "Der Dreibund hat während dreißig Jahren den Weltfrieden gesichert, weil er unter der Führung Deutschlands stand, das mit der politischen Gruppierung Europas zufrieden war. Die neue Gruppierung bedroht ihn, weil sie aus Mächten besteht, die eine Revision des Status quo anstreben."

      Aber mit dem Zusammenschluss der drei Großmächte Frankreich-England-Russland war die Änderung in der Mächtegruppierung noch keineswegs erschöpft. Unser eignes Bündnissystem hatte, soweit Italien in Betracht kam, durch die internationalen Vorgänge eine unverkennbare Lockerung erfahren.

      Ich habe bereits darauf hingewiesen, wie sehr auch nach Bismarcks Ansicht die Stellung Italiens im Dreibund bedingt war durch das Verhältnis zu England. Solange England in guten Beziehungen zum Dreibund stand, konnte sich Italien im Dreibund wohl geborgen fühlen. Je stärker sich der Gegensatz zwischen England und der führenden Macht des Dreibundes herausentwickelte, desto stärker musste für Italien die Versuchung zu einer anderen Orientierung werden, und desto geringer war, auch wenn Italien im Dreibund verblieb, der Wert des Bündnisses für den Ernstfall zu veranschlagen. Dazu kam, dass die Reibungspunkte Italiens mit Frankreich in den Hintergrund traten. Im Jahre 1898 wurde der langjährige Zollkrieg zwischen den beiden Ländern durch einen Handelsvertrag beendigt. Die Erinnerung an Tunis verblasste, man fand sich umso eher mit dem seit bald zwei Jahrzehnten bestehenden französischen Protektorat über Tunis ab, als man jetzt nicht nur von England, sondern auch von Frankreich Zusicherungen in Bezug auf Tripolis erhielt, die eine gewisse Kompensation für Tunis in Aussicht stellten (Erklärungen des Ministers Canevaro im Frühjahr 1899). Der Dreibundvertrag wurde zwar im Jahre 1902 ohne Veränderung erneuert; aber die Erneuerung vollzog sich, wie Fürst Bülow damals im Reichstag ausführte, nicht ohne Schwierigkeiten. Vor der Erneuerung hatte der Reichskanzler im Reichstag das Wort gesprochen, dass der Dreibund nicht mehr eine absolute Notwendigkeit sei; nach der Erneuerung machte der italienische Ministerpräsident Rudini in der italienischen Kammer die Bemerkung, dass nach dem Einvernehmen mit Frankreich in den Fragen des Mittelländischen Meeres diejenige Besorgnis an Bedeutung verloren habe, die seinerzeit für den Eintritt Italiens in den Dreibund bestimmend gewesen sei. Wenn Rudini in der gleichen Rede ausführte, dass dank des Dreibundes Italien darauf rechnen könne, dass sich auf dem Balkan keine Kombination ohne sein Wissen und zu seinem Nachteil verwirklichen könne, so weist diese Bemerkung darauf hin, dass auf diesem klippenreichen Boden zwischen Italien und Österreich-Ungarn neue Reibungsmöglichkeiten entstanden waren, um deren Beseitigung man sich — für den Augenblick mit Erfolg — bemüht hatte. Im Herbst 1903 sprach König Victor Emanuel bei einem Besuch in Paris von dem "glücklich vollendeten Werk der Annäherung" zwischen Frankreich und Italien. Die Früchte zeigten sich auf der Konferenz von Algeciras.

      Zur Vervollständigung des Bildes gehört ein Wort über unser Verhältnis zu Japan und zu den Vereinigten Staaten von Amerika.

      Unsere Beziehungen zu dem aufstrebenden Reich der aufgehenden Sonne waren gute gewesen bis zu unserm Eingreifen nach dem den chinesisch-japanischen Krieg beendigenden Frieden von Shimonoseki im Jahre 1895. In Gemeinschaft mit Russland und Frankreich setzte damals Deutschland bei dem siegreichen Japan den Verzicht auf die ihm im Friedensvertrag zugesprochene Halbinsel Liautung durch. Die Intervention hat in Japan einen tiefen Stachel hinterlassen. Wenn für Deutschlands Beteiligung an dieser Aktion der Wunsch mitgesprochen hat, unsere Beziehungen zu Russland — die nach der Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages, unseren deutlichen Versuchen einer guten Verständigung mit England und dem Abschluss der französisch-russischen Allianz gespannt geworden waren — wieder zu verbessern und den Zweibund gewissermaßen zu entschärfen, so haben wir zwar, soweit unser Verhältnis zu Japan in Betracht kam, die Kosten dieses Versuchs voll bezahlt, den Zweck jedoch nur teilweise und nur vorübergehend erreicht. Unsere Ende 1897 erfolgte Festsetzung in Kiautschou, an die sich kurz darauf die Festsetzung Russlands in Port Arthur, der Südspitze der Japan wieder entrissenen Halbinsel Liautung, und die Festsetzung Englands in Wei-hai-wei anschlössen, war nicht geeignet, unsere Beziehungen mit Japan zu verbessern. Unsere Niederlassung in Kiautschou, die im offenbaren Einverständnis mit Russland auf Grund der gemeinschaftlichen Aktion von 1895 erfolgte, schuf vielmehr eine den Japanern dauernd vor Augen liegende Erinnerung an unser für sie so empfindliches Eingreifen nach Shimonoseki.

      Am 30. Januar 1902 wurde in London der Bündnisvertrag zwischen England und Japan abgeschlossen. Nach dem russisch-japanischen Krieg und der britisch-russischen Verständigung förderte England mit Erfolg die Wiederannäherung zwischen den beiden Gegnern. Auf diese Weise wurde Japan dem System der Triple-Entente angegliedert.

      Die Vereinigten Staaten haben vor dem Krieg niemals Neigung gezeigt, sich in die Fragen der europäischen Politik einzumischen. Während des spanisch -amerikanischen Kriegs kam es zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Geschwaderchef vor den Philippinen zu an sich unbedeutenden Missverständnissen, die zu einer auffallend scharfen Stellungnahme der amerikanischen Presse gegen Deutschland führten. Die Differenzen, betreffend die Samoa-Inseln sind durch das Samoa-Abkommen von 1899 beseitigt worden. Die Venezuela-Affäre (1902/03), in der Deutschland mit England gemeinschaftlich vorging, zeigte abermals eine starke Voreingenommenheit der amerikanischen Presse und öffentlichen Meinung gegen Deutschland, dem ohne jeden Schatten eines Grundes allerlei törichte Pläne territorialer Erwerbungen auf amerikanischem Boden nachgesagt wurden. Auch handelspolitische Differenzen blieben nicht aus. Der wirkliche Kern aller dieser gelegentlichen Reibungen war bedeutungslos, und von deutscher Seite wurde mit Zähigkeit und nicht ohne Erfolg daran gearbeitet, in Amerika ein besseres Verständnis für deutsches Wesen und deutsche Politik zu schaffen. Aber alle bei uns gelegentlich aufgetauchten Ideen, als ob die Vereinigten Staaten für uns ein wirksames Gegengewicht gegen eine Bedrohung durch Großbritannien und seine Mächtegruppe werden könnten, gehörten in das Reich weltfremdester Phantasie.


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