Der Günstling. Helmut Stalder
Helmut Stalder
Der Günstling
Kaspar Stockalper
Eine Geschichte von Raffgier, Macht und Hinterlist
Für Karin und Theo Stalder
Orell Füssli Verlag, www.ofv.ch
© 2019 Orell Füssli Sicherheitsdruck AG, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Dadurch begründete Rechte, insbesondere der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf andern Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Vervielfältigungen des Werkes oder von Teilen des Werkes sind auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie sind grundsätzlich vergütungspflichtig.
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © mauritius images / Anthony Palmer / Alamy
ISBN 978-3-280-05700-1
eISBN 978-3-280-09076-3
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.
Inhalt
»Ich habe begonnen, mich in Brigs Politik einzumischen«
»Kurtze und mhere Sicherheit der Strassen«
Mit der Prinzessin über den Pass
Der Blutexport füllt die Kassen
»Nichts hat Bestand ausser Grund und Boden«
CERNIS UT EX TRUNCO TANDEM FIT SURCULUS ARBOR ET RENOVAT STIRPIS FULGOREM FRUCTIBUS AUREIS SOSPES LUCRA CARPAT NOMEN ET OMEN
Du erkennst, wie aus dem Strunk doch endlich ein Spross wird zum Baum und er den Glanz des Geschlechts mit goldenen Früchten erneuert. Gottes Günstling soll die Gewinne abschöpfen. Name und zugleich Vorbedeutung.1
Kaspar Stockalper vom Thurm
1609–1691
© Stockalperschloss, Brig. Foto: Thomas Andenmatten.
Vorwort
Am Anfang war die Verwunderung. Einmal reiste ich von Italien her über den Simplonpass ins Wallis. Im Grenzort Gondo hatte ich den alten Stockalperturm hinter mir gelassen und später auf der Passhöhe beim Alten Spittel haltgemacht, diesem mächtigen, granitenen Schutzbau mit seinem eigenwilligen Glockentürmchen, der seit rund 350 Jahren die Hochebene beherrscht. Ich fuhr von der Passhöhe hinunter und bog hinter der Ganterbrücke auf die alte Simplonstrasse ein, die sich am Hang entlang abwärts schlängelt. Nach einer scharfen Kurve öffnet sich der Blick über das weite Rhonetal und das Städtchen Brig am Fuss des Simplons. Mittendrin steht dieses Schloss, sichtbar schon von Weitem mit seinen drei Türmen und den goldenen Zwiebelhauben.
Noch heute erkennt man von blossem Auge: Der Stockalperpalast in seiner feudalen Grösse und barocken Pracht spottet an diesem Ort allen Grössenverhältnissen. Wie mussten sich ahnungslose Passreisende vor 350 Jahren gewundert haben, wenn sie ihn das erste Mal erblickten: Ein gewaltiger vierstöckiger, kastellartiger Kubus mit Gewölben und Prunksälen erhebt sich über den kleinen Passort. Der angebaute Arkadenhof ist von atemberaubender Schönheit, in seinen Ausmassen und seiner Eleganz einzigartig in diesen Breitengraden, und dient nichts anderem als der Zurschaustellung von Reichtum und Überfluss. Die geometrisch angelegte Parkanlage mit ihren künstlichen Wasserläufen und Springbrunnen ist sichtlich den Lustgärten französischer Schlösser nachempfunden. Und die drei hoch aufstrebenden Türme künden von der Bedeutung, dem absolutistischen Herrschaftswillen und dem religiösen Sendungsbewusstsein ihres Erbauers. Mitten im Wallis hat Kaspar Stockalper vom Thurm um 1660 den grössten weltlichen Barockbau der Schweiz und des ganzen Alpenraums errichten lassen, eine einzige übersteigerte Allegorie seiner Macht, seines Reichtums und seiner selbst.
Zur Verwunderung kam die Neugier. Ich wollte verstehen, wie es möglich war, dass ein Einzelner sich derart aufschwingen und fast ein Jahrhundert lang nahezu alles in der Republik Wallis bestimmen konnte. Kaspar Stockalper erkannte als junger Mann mit strategischem Scharfblick, dass der Simplon als direkte Verbindung von Oberitalien Richtung Atlantikküste geopolitische Bedeutung erlangen würde. In den Wirren des Dreissigjährigen Krieges von 1618 bis 1648 und darüber hinaus machte er sich die Rivalität zwischen Frankreich und dem habsburgischen Spanien-Mailand in einem ständigen Pendelspiel zunutze. Er brachte die lukrativen Monopole des Landes für den Warentransit über den Pass und die Salzversorgung unter seine Kontrolle, zog ein Söldnerunternehmen