Im Zweifel für Gott. Malte Detje

Im Zweifel für Gott - Malte Detje


Скачать книгу
dass ich ihn erkannt habe und genauso wie er dieses peinlich berührte Wiedersehen vermeiden möchte. So wird dieser Supermarkt zum Spielfeld für unseren kleinen Ausweich-Wettkampf, den wir am Ende beide auf unsere Weise gewinnen.

      Ich führe diesen etwas unrühmlichen Tanz besonders häufig dann auf, wenn es sich bei dem Gegenüber um jemanden aus der zahlreichen Riege der Ex-Christen handelt. Es sind Leute, die inzwischen zu den Alumni1 unserer Gemeinden gehören und ihre aktive Zeit mit Gott längst hinter sich haben. Sie gehören zu den Ehemaligen. Sie haben sich vom Glauben Stück um Stück verabschiedet. Jesus ist heute nur noch ein Teil ihrer Vergangenheit, eine Reminiszenz an einen anderen Lebensabschnitt.

      Ich habe das Gefühl, dass sie jemandem wie mir besonders häufig ausweichen. Intuitiv. Denn als Pastor stehe ich für das Glaubensthema, mit dem sie bewusst oder unbewusst gebrochen haben. Wenn man sich mit mir unterhält, steht die Glaubensfrage irgendwie mit im Raum, und das ist für einen Ehemaligen verständlicherweise selten angenehm. Auch für mich sind diese Begegnungen auf ihre eigene Art schmerzhaft. Denn sie führen mir vor Augen, was mir oft auszublenden gelingt: Es gibt so viele Menschen, deren Lebensgeschichten fröhliche und begeisterte Kapitel mit Jesus enthalten. Doch nun können sie mit meinem Herrn und Heiland nichts mehr anfangen.

      Wahrscheinlich gehörst du nicht zu diesem Alumni-Klub des Christentums. Ansonsten hieltest du dieses Buch wohl nicht in deinen Händen. Aber vielleicht brauchst du nicht viel Fantasie, um dich in einigen Monaten oder Jahren ebenfalls im Kreise dieser Ehemaligen zu sehen. Möglicherweise stehst du kurz davor, den Glauben zu verlassen, und spielst mit dem Gedanken, Jesus Lebewohl zu sagen. Oder es ist bei dir weit weniger dramatisch, aber du kannst dich hin und wieder des Eindrucks nicht erwehren, dass dein Glaube ins Wanken geraten ist. Vielleicht fragst du dich: »Was ist, wenn ich nicht fühle, dass Gott da ist? Was ist, wenn ich nicht spüren kann, dass seine Versprechen wahr sind?«

      Dein Glaube trägt nicht mehr – das kann ganz verschiedene Gründe haben. So wie ich es sehe, sind es vor allem sechs Bereiche, in denen der Frust besonders tief sitzen kann. Über sie schreibe ich auf den kommenden Seiten. Vielleicht spricht dich eines dieser Themen besonders an.

      Möglicherweise fragst du dich, ob es sich noch lohnt, an Gott dranzubleiben. Manchmal kommt man im Glaubensleben an den Punkt, wo man einfach keine Kraft mehr hat, den nächsten Schritt zu gehen. Es gibt Momente, in denen keine Energie mehr da ist, um an Jesus dranzubleiben.

      Ich denke, dass es sich dennoch lohnt. Aber es sieht womöglich anders aus als gedacht und kostet hoffentlich weit weniger Kraft als befürchtet. Vielleicht magst du dem eine Chance geben.

      Lass uns gemeinsam auf die Reise gehen.

       [ Zum Inhaltsverzeichnis ]

      1 GEFÜHL

      Wenn ich Gottes Gegenwart nicht spüre

      Lang ist es her.

      Dabei hat Christina bis heute alle Einzelheiten vor Augen. Sie erinnert sich genau, wie es damals mit ihr und Gott angefangen hat.

      Es war wenige Wochen nach ihrem 16. Geburtstag, als sie den Flyer für eine christliche Sommerfreizeit ungläubig in ihren Händen hielt, unaufhörlich auf diesen starrte und tatsächlich überlegte, ob das etwas für sie sein könnte. Sonderlich religiös war sie nie gewesen. Allerdings würde ihr halber Freundeskreis mit dabei sein. Und da die Stimmung in ihrem Elternhaus täglich angespannter wurde, ertappte sie sich dabei, wie sie ernsthaft in Betracht zog, zwei Wochen ihrer kostbaren Sommerferien in dieses große Unbekannte zu investieren.

      Sie tat es. Christina fuhr mit.

      Zu ihrer Überraschung wurden diese Tage von einer besonderen Atmosphäre begleitet. Ein warmes Gefühl lag in der Luft, das sich kaum beschreiben, aber allezeit spüren ließ. Es gab eine Gemeinschaft, die so anders war als alles, was sie aus der Schule kannte. Intensive Gespräche, von Seele zu Seele, bis tief in die Nacht. Zeit für lange gemeinsame Waldspaziergänge mit jungen Frauen, die Christina bis heute gute Freundinnen nennen darf. Dort, umgeben von einem Duft nach Regen und Nadelholz, merkte sie zum ersten Mal in ihrem Leben: Ich werde wirklich verstanden.

      Als ausgesprochen kostbar entpuppten sich die Abendstunden am Lagerfeuer. Besonders vom gemeinsamen Singen wurde sie berührt. Die Lieder sprachen die Sprache ihres Herzens. Noch heute könnte Christina viele dieser christlichen Ohrwürmer auswendig vor sich hin trällern, wenn sie es denn nur wollte. Über diesen Abenden lag eine außergewöhnliche Stimmung, die sie nur schwer in Worte fassen konnte. Christina hatte den Eindruck: Ich kann fühlen, dass Gott da ist.

      Schließlich kam dieser besondere Moment, in dem sie zu glauben anfing. Alles, was sie bisher theoretisch über Gott wusste, wurde plötzlich real. Ihr Glaube rutschte aus dem Kopf in ihr Herz. Es war schwer zu beschreiben, aber es machte irgendwie »klick«. Es gab eine besondere Predigt, in der es nur um sie zu gehen schien. Die Lieder, die an diesem Abend gespielt wurden, sprachen ihr aus der Seele. Es war, als ob Jesus in ihr Leben eintrat und mit seiner Liebe in ihr Herz einzog. Jesu Liebe war real spürbar. Das fühlte sich damals wie das Beste an, was ihr je passiert war. Es war, als ob ihr Herz brennen würde, und der Grund dafür war Jesus. Sie hatte vor Freude sogar ein wenig weinen müssen. Es war ihr kurz peinlich gewesen, aber in dieser ungewöhnlich anderen Gemeinschaft musste sie sich dafür nicht schämen.

      »Jesus ist für mich gestorben.« Diese gute Botschaft war der Auslöser für ihre Freude. Es ist ein Satz, der sich mit ein paar Jahren Abstand irgendwie banal anhört. Aber damals war er die beste Botschaft der Welt gewesen. Für Christina begann ein neues Leben, das Leben im Glauben. Vor ihr stand ein Abenteuer. Die ersten Schritte in dieser unbekannten Welt fühlten sich aufregend neu an. Doch all das ist inzwischen viele Jahre her.

      Es war irgendwie anders gekommen. Schleichend, Stück um Stück, verblasste dieses Gefühl. Das geschah nicht von heute auf morgen, doch mit einer langsamen Stetigkeit, bis kaum noch etwas davon übrig war. Es gab nie diesen einen Moment, in dem Christina bewusst aufgehört hätte zu glauben. Aber mit ihr und Gott war es schließlich wie mit einem dieser alten Ehepaare geworden: Langsam hatten sie sich entfremdet und auseinandergelebt. Christina kann sich das allerdings nur schwer eingestehen. Aus Gewohnheit geht sie noch hin und wieder in die Kirche. Doch wenn sie ehrlich ist, dann ist sie mit ihrem Glauben am Ende. Aus dem Feuer von damals ist über die Zeit Asche geworden. Gott ist weit weg. Christina kann seine Nähe nicht mehr spüren.

      Dieser Prozess war im Wesentlichen ganz unbewusst vonstattengegangen. Aber manchmal liegt sie nachts wach und fragt sich, was nur mit der Zeit passiert ist. »Was ist los mit mir?« Die Gedanken fangen an zu kreisen: »Liebt Gott mich noch? Wenn er mich lieben würde, dann würde er mir das doch zeigen, oder? Ich würde es spüren! Aber ich tue es nicht.« Christina nimmt in sich einen unguten Mix an Gefühlen wahr. Da sind Enttäuschung und Verzweiflung. In manchen Momenten kommt eine gehörige Portion Wut dazu. Sie ruft an die Decke: »Gott, tu doch etwas! Rede mit mir! Ich gebe dir noch eine letzte Chance.«

      Gott schweigt.

      Das ist Christinas Geschichte.

      Medizin, die nicht wirkt

      Christina ist erfunden. Ihre Geschichte nicht. Ich habe zahlreiche Menschen vor Augen, deren geistliche Biografien sich auf diese Weise erzählen lassen. Vielen von uns sind diese Muster nur allzu vertraut. Vielleicht kennst du Freunde, denen es ähnlich ergangen ist wie Christina. Womöglich ist dir all das aus persönlicher Erfahrung vertrauter, als es dir lieb ist. Das Christentum unserer Zeit ist angefüllt mit Erzählungen dieser Art. Man muss schon beide Augen verschließen, um in christlichen Kreisen nicht auf Menschen wie Christina zu stoßen.

      Warum ist das so, dass viele von uns in ihrem Glaubensleben aus der Bahn geworfen werden, wie es Christina passiert ist?

      Es könnte damit zu tun haben, dass dieses Gefühl, von Gott


Скачать книгу