Im Zweifel für Gott. Malte Detje
Jesus blickt diese Menschen an und er fühlt. Sein Herz brennt. Es verbrennt nahezu. Man sieht es ihm an.
Dieser Jesus Christus ist »gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit« (Hebräer 13,8). Er blickt dich heute mit denselben Augen an. Wenn er dich ansieht, spürt er eine unendlich starke Liebe und es zerbricht ihm das Herz, wenn er dich leiden sieht.
Das Neue Testament kennt viele weitere Geschichten, die erzählen, wie Jesus mit dir fühlt. Diese Liebe ist sogar die Quelle seines Handelns.
Der Anblick einer hungernden Menschenmenge zerreißt Jesus das Herz und darum tut er ein Wunder und vermehrt Brot und Fisch, dass alle satt werden (vgl. Matthäus 15,32). Das Schicksal zweier Blinder jammert Jesus. Darum berührt er ihre Augen und sie können sehen (vgl. Matthäus 20,34). Den Schmerz einer Witwe, die ihren Sohn zu Grabe tragen muss, spürt Jesus an seinem eigenen Leib. Er leidet mit und weckt auf eine wundersame Art und Weise ihren toten Jungen auf (vgl. Lukas 7,13).
Überall Splanchnizomai. Im Christentum geht es um das, was in Jesu Herzen ist. Auch wenn ein Wunder in unserem Leben so oft ausbleiben mag, ändert das nichts am Herzen Jesu. All diese Geschichten, die uns erzählen, was Jesus für uns fühlt, geben uns sogar einen direkten Einblick in das Vaterherz Gottes. Denn es ist die gleiche Liebe, die Gott-Vater für uns empfindet.
Jesus verdeutlicht das mit einer seiner wohl berühmtesten Geschichten. Es ist die Geschichte von zwei egoistischen Söhnen, von denen einer sein Erbe vorzeitig ausgezahlt haben will, um fortzugehen und sein Geld zu verprassen. Aber es ist vor allem die Geschichte von einem Vater, der in seinem Herzen nicht aufhören kann, Liebe für seine Söhne zu empfinden.
Jeden Tag steht dieser Vater vor der Tür und schaut den Weg entlang auf der Suche nach einem Lebenszeichen von seinem Sohn. Er hofft, dass er vielleicht zurückkehrt. Eines Tages ist es endlich so weit. Am Horizont sieht der Vater die vertraute Silhouette. Die unnachahmliche Gangart seines Sohnes.
»Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn« (Lukas 15,20). Wieder Splanchnizomai.
In dem Herzen dieses Vaters brennt eine stets gleichbleibende Liebe für alle seine Kinder. Dein Herz ist nicht der feste Grund für deinen Glauben, auf den du dich verlassen kannst. Es geht in den Stürmen des Lebens oftmals unter und wird von Wellen hin und her geworfen. Anders ist es mit dem Herzen Gottes. Es ist der feste Fels in der Brandung. Seine Liebe bleibt.
So fühlt Gott desto mehr
Am Ende zählt, was in Gottes Herzen ist. Es gibt viele eindrucksvolle literarische Beispiele, die diesen Gedanken eindrucksvoll entfalten. Eines, das mich nicht mehr loslässt, stammt von dem schwedischen Bischof Bo Giertz. In seinem Meisterwerk »Und etliches fiel auf den Fels« erzählt er von einer wundervollen Begebenheit. Giertz zeichnet das Bild eines kleinen schwedischen Dorfes, das durch die Jahrhunderte verschiedenste geistliche Aufbrüche und Niedergänge erlebte. In einer Episode kommt es zwischen dem Pastor Savonius und einer jungen Frau namens Christina Jonstochter zu einem Gespräch, in dem ihn die Frau fragt:
»Wie soll man sicher wissen können, ob man vom Geist Gottes berufen ist?«
Savonius überlegte einen Augenblick, dann griff er nach dem Hauskatechesenbuch, raschelte mit den Blättern und las:
»Christina Jonstochter … doch, du bist von Gott selbst berufen, denn hier stehst du als unter seinen Getauften angenommen. An der Sache kannst du gar nicht zweifeln.«
»Aber wenn man nichts fühlt?«
»So fühlt Gott desto mehr!«
Sie schwieg und wurde rot.3
Schöner kann ich mir Seelsorge nicht vorstellen. »So fühlt Gott desto mehr!« Pastor Savonius lenkt den Blick weg von Christinas Herzen, das zu keinen Gefühlen fähig zu sein scheint, hin zu dem Herzen Gottes. Wenn du nichts fühlst, dann fühlt Gott für euch beide.
Dann geschieht etwas nahezu Paradoxes, was Bo Giertz nur mit vorsichtigen Pinselstrichen andeutet. Es passiert etwas bei Christina. Auch wenn sie nicht darüber redet, so wird sie doch rot. Eine zarte Gefühlsregung. Es ist zwar kein Automatismus, aber dennoch keine Seltenheit. Im Herzen passiert etwas, und zwar in dem Moment, wo es gar nicht mehr um das Herz geht. In dem Augenblick, wo wir frei davon sind, etwas fühlen zu müssen, und uns die Gnade Gottes vor Augen gemalt wurde, geschieht etwas in uns.
Pastor Savonius tut noch etwas anderes. Er lenkt den Blick von den subjektiven Gefühlen in ihrem Herzen hin zu objektiv feststehenden Tatsachen wie ihrer Taufe. Die Frage, ob sie von Gott berufen ist, ist keine Frage, die mit Blick auf ihre Gefühlswelt beantwortet wird, sondern im Hinblick auf ein deutlich benennbares Handeln Gottes, wie das Wasser der Taufe. Am Ende gründet sich das Christentum in etwas, das außerhalb von mir feststeht. Das ist eine gute Nachricht voller Hoffnung.
Frieden finden
Wir haben jedoch die Tendenz, aus objektiv feststehenden Tatsachen unter der Hand subjektive Gefühle zu machen. Mir ist das besonders deutlich an dem Wort »Frieden« geworden. Was heißt es eigentlich, dass wir als Christen Frieden mit Gott haben oder dass Gott uns Frieden schenkt? Ich bin darauf trainiert, die Antwort sofort im Sinne von Gefühlen zu geben. Frieden meint den inneren Frieden. Frieden ist diese Ruhe, die in ein stürmisches Herz einzieht. Frieden ist Gelassenheit, ein tiefes Durchatmen.
Keine Frage: Biblisch gesehen hat Frieden diese Dimension. Wir können vom Frieden Gottes erfüllt werden (vgl. Römer 15,13). Aber Gottes Frieden ist viel größer als das, was sich in deinem Herzen abspielt. Denn der Frieden, den du mit Gott hast, ist zunächst einmal eine objektiv feststehende Tatsache. Paulus erzählt es so: Wir Menschen waren allesamt Feinde Gottes (vgl. Römer 5,10). Wir haben regelmäßig die Klingen mit unserem Schöpfer gekreuzt. Bewusst und unbewusst. Wir haben uns gegen ihn aufgelehnt, indem wir seine Gebote gebrochen haben oder indem er uns schlicht und einfach egal war. Die Bibel nennt uns Feinde Gottes. Doch Gott hat diesen Konflikt beendet. Durch den Tod Jesu sind wir wieder mit Gott versöhnt. Gott hat seinen Kriegsbogen in den Himmel gehängt und übrig bleibt nur der farbige Regenbogen. Wir Rebellen stehen vor Gott gerecht da und haben darum mit ihm Frieden (vgl. Römer 5,1). Aus Feinden wurden Freunde.
Diese Tatsache steht fest, ob du sie gerade emotional nachempfinden kannst oder nicht. Sie ist davon nicht abhängig. Es ist wie zwischen Menschen. Der Frieden gilt, wenn der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, selbst wenn das Herz noch eine ganze Zeit braucht, um gefühlsmäßig hinter der trockenen Tinte herzukommen, weil die alten Emotionen noch stark sind.
Du hast Frieden mit Gott, nicht weil du so fühlst, sondern weil er dir in seinem Wort zusagt, dass du mit ihm Frieden hast: »Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in Jesus wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz« (Kolosser 1,19-20).
Durch Jesus hast du Frieden mit Gott. Das steht ein für alle Mal fest. Manchmal führt diese frohe Botschaft dazu, dass sich nebenbei in deinem Herzen etwas tut. Dann zieht ein Gefühl der Ruhe in dir ein. Manchmal ist das aber auch nicht der Fall. Das ist nicht schlimm. Denn am Ende zählt nicht die friedvolle Emotion in dir, sondern der Frieden von Golgatha. Bei der Frage, ob du Gottes Frieden hast, geht der Blick nach außen.
Gehöre ich immer noch zu Jesus?
Es gibt im Leben einige Fragen, bei denen der Blick nach außen geht. Sie sind deshalb einfach zu beantworten.4 Da ist zum Beispiel die Frage: Bin ich verheiratet? Für mich ist das eine leichte Frage. Ich kann meinen Ehering zeigen und habe in einem Aktenordner eine Eheurkunde aufbewahrt, die diese Frage eindeutig mit Ja beantwortet.
Oder nehmen wir die Frage: Bist du Mitglied in einem Sportverein? Auch das ist leicht zu beantworten. Bist du zum Beispiel Mitglied in einem Fitnessstudio, kannst du deinen Mitgliedsausweis aus dem Portemonnaie holen oder den übermotiviert für 36 Monate abgeschlossenen Vertrag vorzeigen. Fragen dieser Art sind deshalb so leicht zu beantworten, weil