Römische Tagebücher. Alois C. Hudal

Römische Tagebücher - Alois C. Hudal


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Staaten Fühlung zu gewinnen, unmöglich machte. So versuchte auch ein allerdings sehr kleiner, aber geistig und charakterlich hochstehender Kreis innerhalb der SS ähnliche Ziele. Diese Versuche kamen leider viel zu spät, nachdem seit dem Beschluß in Casablanca die alliierten Staaten mit beiden Regimen keinerlei Verhandlungen oder Kompromisse mehr wünschten, sondern nur noch ihren Untergang als Ziel ihrer Kriegspolitik festgelegt hatten. Diesem Kreis einer innenpolitischen Befriedungsaktion stand Himmler, den ich bei einem Empfang in der deutschen Vatikanbotschaft kennengelernt hatte, nicht zu fern, da er selbst nach der Macht strebte. Als er ohne Erfolg blieb, vernichtete er, wie ein Fouché des Dritten Reiches, die Freunde von gestern, um jede Spur seiner eigenen „Treulosigkeit“ auszulöschen. Ungeachtet der vorausgehenden schlechten Erfahrungen mit meinem Werke „Die Grundlagen des NS“ drängte mich mein nationales und christliches Gewissen trotzdem, mit den konservativen Kräften innerhalb des NS in Berührung zu bleiben, so aussichtslos und verworren auch alles allein schon auf den ersten Augenblick hin erscheinen mußte; nicht mich aufdrängend, sondern darum gebeten, von niemandem kirchlicherseits amtlich beauftragt oder ermuntert, sondern nur aus einer inneren Gewissensnot beim Gedanken einer drohenden Katastrophe. Bei diesen Verhandlungen, deren Grundlage das neunte Kapitel dieses Buches schildert, handelte es sich zunächst nur um Tastversuche und um die Festlegung eines minimal kirchenpolitischen Programms für spätere Verhandlungen, bei denen gerade die Rassenfrage, das heißt die sofortige Einstellung der Judenverfolgung, einer der ersten Gedanken war, während das entscheidende Wort in allen rein religiösen Fragen, sobald man über diesen ersten delikaten Punkt hinweggekommen war, den maßgebenden Diözesanbischöfen Deutschlands bzw. dem Vatikan vorbehalten sein mußte. Es war nicht schwer, im Ausland Ende 1942 eine beispiellose Tragödie des deutschen Volkes vorauszusagen, wenn nicht innerhalb kürzester Zeit diese innere Befriedung durch neue Religions- und Rassengesetze in Deutschland verwirklicht werden sollte. Dazu kam, daß der römische Kurienkardinal Enrico Sibilia, der aus der Zeit seiner Tätigkeit als Apostolischer Nuntius in Wien Österreich besonders liebte, für Deutschland wenig Verständnis zeigte, mich über die Feloniebestrebungen der italienischen Minister Grandi, Ciano und besonders Aquarones, der die Verhaftung Mussolinis in der Villa Savoia vorbereitete, die ihn wiederholt in diesen kritischen Wochen der Kriegsführung besuchten, genau unterrichtete. Durch ihn erhielt ich die Abschrift eines propagandistisch vortrefflich verfaßten vertraulichen Briefes des letzten Außenministers der vorfaschistischen Ära, Conte Sforza, den dieser aus New York an König Viktor Emanuel geschrieben hatte. Dieser Brief kursierte damals unter Kurienkardinälen und hohen Kurialbeamten des Vatikans und vertiefte noch mehr die gespannte politische Atmosphäre, die ohnedies infolge der ständigen Kirchenkonflikte mit Deutschland wenig erfreulich war. Das Berliner Auswärtige Amt, das in Rom einen enormen Beamtenapparat unterhielt, kannte nicht die politische Tragweite dieses Briefes. Die Beschwichtigungshofräte gaben vielmehr ein völlig unrichtiges Bild von der Stimmung Italiens gegenüber Deutschland nach Berlin weiter. So scheiterten die bestgemeinten Versuche der Jahre 1942 und 1943, die maßgebenden Stellen des NS von ihrer völlig verfehlten Rassen- und Religionspolitik im Interesse des Reichsgedankens abzubringen, am Byzantinismus und Mangel an Zivilcourage der Berliner Sachreferenten, vielleicht noch mehr und in erster Linie am Kirchen- und Judenhaß in Hitlers Privatkanzlei, deren verantwortliche Leiter Christentum und Kirche mit der Leidenschaft von Apostaten und Dämonen ablehnten, weil sie überall nur jüdische Einflüsse erblickten. Durch Gottes Fügung wurden aber gerade diese letzten kirchenpolitischen Vermittlungsversuche zur Damaskusstunde meiner politischen Haltung, denn ich erkannte die Unfähigkeit höchster verantwortlicher Stellen innerhalb der NS. Trotz der immer größer werdenden Not des Reiches und einer beispiellosen, immer wieder vom Religiösen her inspirierten Auslandspropaganda, die bereits den „Antichrist“ (!) in Deutschland kommen sah, neue Wege der Kultur- und Innenpolitik zu beschreiten, erinnerte ich mich der klassischen Worte des österreichisch-ungarischen Außenministers Graf Aehrental, der in seinen Erinnerungen über die deutschen Politiker auf Grund jahrzehntelanger diplomatischer Erfahrungen das folgende Werturteil hinterlassen hat: „Die Deutschen sind hervorragende Militärs und Organisatoren, aber in politischen Dingen von allen Göttern verlassen.“ Anläßlich meiner letzten Aussprache mit dem obengenannten Vertrauensmann der SS erkannte ich leider nur zu sehr die Richtigkeit dieser Worte. So löste ich mich blutenden Herzens von der Ideologie eines christlichen NS, aber auch vom politischen Traum eines kommenden föderativ aufgebauten Großdeutschen Reiches mit Berlin und Wien als führende Kulturmetropolen und mit Österreich als Brücke der Vermittlung zwischen deutscher, slawischer und romanischer Kultur im Donauraum, als einer Insel des Fortschritts für europäisch denkende Menschen, wie die geographische Lage meinem alten Vaterland Österreich bis 1918 diese große Sendung vorbezeichnet hatte. Sobald ich die Unmöglichkeit erkannt hatte, über den Weg einer rassischen und religiösen Befriedung die deutsche Reichsidee gerettet zu sehen, setzte ich mich für die politische Unabhängigkeit Österreichs ein. Aber nicht in der Form eines zweiten St.-Germain-Staates, noch weniger eines deutschfeindlichen Staates, sondern eines solchen, der auf der Gedankenwelt eines Seipel und Erzherzogs Franz Ferdinand ruht, für ein Commonwealth im Donauraum, als einer Burg mitten in der Brandung der politischen Spannungen kommender Jahrzehnte, von der einmal später in glücklicheren Zeiten der deutsche Reichsgedanke, wie er bis 1806 bestand, in modernen Organisationsformen neu erstehen könnte. Es sollte eine Revidierung des Jahres 1866 sein, das weder für Preußen noch für Deutschland oder Österreich ein Segen geworden ist. Leider ist auch diese Hoffnung gescheitert am Unverstand der Alliierten*), die geglaubt hatten, mit dem bolschewistischen Rußland als Kriegsverbündeten nach der Niederlage Deutschlands eine konstruktive Europapolitik beginnen zu können und eher mit den Kommunisten aller Länder zusammengehen wollten, als in einem Ultimatum das bereits schwach gewordene NS-Reich zu einer neuen Staatspolitik zu zwingen. So hatte der Krieg der Alliierten gegen Deutschland in letzter Schau sehr wenig mit Idealen zu tun. Er war kein Kreuzzug, sondern nur die Rivalität wirtschaftlicher Großkomplexe, um deren Sieg gekämpft wurde, ein sogenanntes „business“, während die Schlagworte Demokratie, Rasse, Religionsfreiheit und Christentum als Köder für die Massen benutzt wurden. Alle diese Erfahrungen haben mich schließlich veranlaßt, nach 1945 meine ganze karitative Arbeit in erster Linie den früheren Angehörigen des NS und Faschismus, besonders den sogenannten „Kriegsverbrechern“ zu weihen, die von Kommunisten und „christlichen“ Demokraten verfolgt wurden, oft mit Mitteln, deren Methoden sich nur wenig von manchen ihrer Gegner von gestern unterschieden haben; obwohl diese Angeklagten vielfach persönlich ganz schuldlos, nur die durchführenden Organe der Befehle ihnen übergeordneter Stellen und so das Sühneopfer für große Fehlentwicklungen des Systems waren. Hier zu helfen, manchen zu retten, ohne opportunistische und berechnende Rücksichten, selbstlos und tapfer, war in diesen Zeiten die selbstverständliche Forderung eines wahren Christentums, das keinen Talmudhaß, sondern nur Liebe, Güte und Verzeihung kennt und Schlußurteile über die Handlungen des eigentlichen Menschen nicht politischen Parteien, sondern einem ewigen Richter überläßt, der allein die Herzen, Beweggründe und letzten Absichten überprüfen kann. Über diese letzte geleistete Hilfe, die mir bald an der römischen Kurie den Titel eines „nazistischen, faschistischen Bischofs“ eintrug — „troppo tedesco4)“ —, bin ich schließlich als untragbar für die Vatikanpolitik gefallen. Ich danke aber dem Herrgott, daß Er mir meine Augen geöffnet hat und auch die unverdiente Gabe geschenkt hat, viele Opfer der Nachkriegszeit in Kerkern und Konzentrationslagern besucht und getröstet und nicht wenige mit falschen Ausweispapieren ihren Peinigern durch die Flucht in glücklichere Länder entrissen zu haben.

      In der Einsamkeit der römischen Campagna wandern meine Gedanken in die Vergangenheit zurück, während die Kuppel von St. Peter wie eine trotzige Festungskrönung in der Unendlichkeit des Landes meine Blicke trifft. Je dunkler sich die Gegenwart gestalten will, um so weiter wandern die Gedanken in das Sonnenland der Kindheit und Jugend zurück. Sie grüßen den Morgen eines Priestertums voll Idealismus, sie grüßen auch jene Lebensstrecke, die mich, nachdem ich vielen Eitelkeiten den Abschied gegeben und die Welt völlig überwunden habe, von der Zeit hinweg an das lichte Gestade der Ewigkeit führen wird. So ist dieses Buch ein Confiteor verfehlter Hoffnungen und gescheiterter Versuche. Möge es trotzdem für die gebildete deutsche christliche Jugend dereinst ein Trostbuch sein, tapfer aus dem Dunkel der Gegenwart


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