Soziale Arbeit in der Suchthilfe. Marion Laging
der psycho-sozialen Handlungsfähigkeit wird von Menschen als eine existenziell wirksame Beeinträchtigung erlebt, auf die – auch unwillkürlich – reagiert wird. Selbstwert, Anerkennung und Selbstwirksamkeit sind betroffen und müssen – um jeden Preis – wiederhergestellt werden. Wenn dies nicht mit einem sozial konformen Verhalten erreichbar ist, dann werden auch abweichende Verhaltensformen entwickelt. Antisoziales, destruktives Verhalten ist dementsprechend Bewältigungsverhalten – eine Antwort auf die Hilflosigkeit des Selbst, letztendlich ein Hilferuf. Wird Hilflosigkeit nicht direkt bearbeitet, z. B. durch Thematisierung, kommt es zu Abspaltungsprozessen und Kompensation (Böhnisch 2016: 21).
Abspaltungsprozess
Unter Abspaltung wird ein weitgehend unbewusster Prozess verstanden. Zu Abspaltungsprozessen kommt es, wenn existenziell bedrohliche Hilflosigkeitserfahrungen und die damit verbundenen Gefühle nicht thematisiert oder in anderer Weise aufgearbeitet werden können – sie werden dann »abgespalten«.
Abspaltungsprozesse können sich nach außen richten, z. B. als Aggressivität und Gewalt, oder aber sich auch nach innen wenden und sich beispielsweise als Selbstverletzung, Ernährungsstörung, Medikamentenmissbrauch und Depressivität äußern. Männer neigen zu externalisierenden Bewältigungsmustern, während Frauen eher internalisierende Muster entwickeln.
Menschen haben dann oftmals keinen direkten, bewussten Zugang mehr zu den die Abspaltungsprozesse auslösenden Gefühlen, leiden aber gleichwohl an den Folgen der Abspaltung (Böhnisch 2016: 21–26).
Differenziert beschreibt Böhnisch die Alkoholsucht bei Männern (als einzige Suchtform, auf die er näher eingeht), die er den nach außen gewendeten Abspaltungsprozessen zurechnet. Einer Alkoholerkrankung gehen nach Böhnisch Verlusterfahrungen in sozialen Bezügen und Dimensionen und die Erfahrung damit verbundener innerer Hilflosigkeit voraus (Böhnisch 2016: 175), die jedoch abgespalten und damit nicht mehr der bewussten Wahrnehmung zugänglich sind. In der Entwicklung einer Suchterkrankung stellt nun für den Mann die Erfahrung des Kontrollverlustes den entscheidenden Bruch dar. Das männliche Bewältigungsprinzip der Kontrolle versagt damit nicht nur in Form von Hilflosigkeitserfahrung und sich anschließenden Abspaltungsprozessen, sondern nun auch bei der Kontrolle über das eigene Trinkverhalten. Nun setzen alkoholabhängige Männer alles daran, die Erfahrung des Kontrollverlustes nicht ins Bewusstsein treten zu lassen, selbst dann nicht, wenn das soziale Umfeld – Arbeit, Freunde, Selbstrepräsentanz in der Gemeinde – längst weggebrochen ist. Der alkoholkranke Mann trinkt, um die Erfahrung des Kontrollverlustes nicht ins Bewusstsein treten zu lassen, und nimmt für diese illusionäre Kontrolle den Kontrollverlust über den Alkoholkonsum in Kauf (Böhnisch 2016: 173f). So tritt der Realitätsverlust zum doppelten Kontrollverlust hinzu. In diesem Sinne kann das abhängige Trinken auch als ein Versuch gewertet werden, die Abspaltungsprozesse, die an die Bewusstseinsschwelle zu treten drohen, aggressiv ins Reich des Unbewussten zurückzudrängen.
Böhnisch widmet sich in diesem Zusammenhang auch den Auswirkungen des männlichen Alkoholismus auf das nähere soziale Umfeld der Männer – meist Partnerinnen und/oder andere Familienmitglieder. Das familiäre Umfeld wird in die oben beschriebene psycho-soziale Dynamik einbezogen, das heißt in die illusionäre Aufrechterhaltung von Kontrolle bzw. der Verdeckung des erfahrenen Kontrollverlustes. Beschädigung oder gar Verlust von Selbstwert und Handlungsfähigkeiten der Partnerinnen und die soziale Isolation der Familien sind häufige Folgen (Böhnisch 2016: 175;
2.5 Vergleichende Diskussion
In diesem Abschnitt wurden vier unterschiedliche Ansätze zur Erklärung von Suchtentstehung vorgestellt. Sie entstammen der Gesundheitswissenschaft, der Psychologie und der Wissenschaft Sozialer Arbeit bzw. der Sozialpädagogik.
Die entwicklungspsychologische Perspektive, die Lebensweltorientierung und das Konzept der Lebensbewältigung betonen gleichermaßen die Bedeutsamkeit der Funktionalität für ein Verständnis des Substanzkonsums und einer möglichen Abhängigkeitsentwicklung. Dabei operieren alle drei Ansätze mit dem Paradigma der Bewältigung, buchstabieren dieses jedoch jeweils unterschiedlich aus: Während die entwicklungspsychologische Perspektive die jugendtypischen Entwicklungsaufgaben in den Blick nimmt, die es zu bewältigen gilt, geht es bei Thiersch um den gelingenden Alltag, während Böhnisch existenzielle Hilflosigkeitserfahrungen als Ausgangspunkt des Bewältigungsverhaltens beschreibt. Damit weist der Ansatz der Lebensbewältigung den deutlichsten Problembezug bei der Beschreibung der zu bewältigenden Ausgangslage aus.
Die Bewältigungsanforderungen an das Individuum werden in allen drei Ansätzen gleichermaßen in sozialen und gesellschaftlichen Räumen verortet, wobei Thiersch hier am präzisesten beschreibt, wie spezifische gesellschaftliche Konstellationen süchtige Verhaltensweisen geradezu herausfordern und in welchem Ausmaß Menschen heute mit äußerst ambivalenten Anforderungen konfrontiert sind. Böhnisch vermittelt demgegenüber eindrücklich – vergleichbar der Psychoanalyse – Einblicke in die Tiefenstruktur des Erlebens und Erleidens einer Suchterkrankung, die ihren Ausgangspunkt in der Dramatik abgespaltener Hilflosigkeitserfahrungen nimmt.
Darüber hinaus unterscheiden sich die vorgestellten Ansätze durch ihr jeweiliges Theorie-Empirie-Verhältnis. Während die Entwicklungspsychologie auf theoretischen Konzepten basiert, die durch empirisches Wissen gestützt, verifiziert oder falsifiziert werden, verzichten die sozialpädagogischen Theorien auf jede Bezugnahme zu empirischen Daten und Fakten, die die theoretischen Konstrukte bestätigen oder in Frage stellen könnten. Das multifaktorielle Modell hingegen, eine Zusammenstellung und Ordnung empirischer Daten, kommt weitgehend ohne theoretische Rahmung oder Erklärung aus. Die Stärke des multifaktoriellen Modells liegt vielmehr in seiner integrativen Kraft, fortlaufend neue Forschungsergebnisse aufnehmen und bündeln zu können.
Zusammenfassend zeigt sich die Funktionalität des Substanzkonsums als ein Schlüsselkonzept für das Verständnis von Suchtentstehung. Darüber hinaus besteht Einigkeit, dass es sich bei der Suchtentstehung um ein multifaktorielles, komplexes Geschehen handelt. Dabei stellen die einzelnen Ansätze – mit Ausnahme des multifaktoriellen Modells – unterschiedliche Faktoren in den Vordergrund bzw. gewichten diese unterschiedlich.
Böhnisch, L., 2016, Lebensbewältigung: Ein Konzept für die Soziale Arbeit, Beltz Juventa, Weinheim, Basel.
Bühler, A. & Bühringer, G., 2016, Evidenzbasierung in der Suchtprävention – Konzeption, Stand der Forschung und Empfehlungen, in: U. Walter und U. Koch (Hg.), Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland: Konzepte, Strategien und Interventionsansätze der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 55–67, BZgA, Köln.
Thiersch, H., 1996, Drogenprobleme in einer süchtigen Gesellschaft, in: G. Längle (Hg.), Sucht: Die Lebenswelten Abhängiger, 51–69, Attempto-Verlag, Tübingen.
3 Psychotrope Substanzen
In diesem Abschnitt erhalten Sie grundlegende Informationen zu den wichtigsten psychotropen Substanzen, die in Deutschland konsumiert werden können, sowie ihren erwünschten und unerwünschten Wirkungen. Sie erhalten darüber hinaus einen Einblick in die historischen und kulturellen Kontexte des jeweiligen Drogengebrauchs, die deutlich machen, dass der Konsum bestimmter Drogen auch immer ein Ausdruck der jeweiligen Lebensauffassungen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft ist. Diese Informationen können dazu beitragen, Drogenkonsumenten und -konsumentinnen und ihre Situation besser zu verstehen und sie besser unterstützen zu können.
3.1 Einleitung
Als