Das Alphabet der Kindheit. Helge-Ulrike Hyams
Natürlich steht das Alphabet der Kindheit theoretisch nicht im luftleeren Raum. Doch mit welcher wissenschaftlichen Methode auch immer wir die inneren Vorgänge des Kindes betrachten, mit welcher Theorie wir versuchen, sie zu vermessen, zu erklären und zu durchschauen – am Ende ist es der Satz des griechischen Philosophen Heraklit, der für uns gültig bleibt: »Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfindig machen, auch wenn du gehst und jeden Weg abwanderst, so tief ist ihr Logos.«8
Wir alle waren einmal Kinder, und so wird auch die Betrachtung der Kindheit zu einer ganz persönlichen, manchmal auch abenteuerlichen Reise. Sobald wir uns mit Kindheit beschäftigen, tauchen unsere eigenen frühen Erlebnisse auf – unmöglich, dabei neutral zu bleiben. Doch das ist gut so, denn unsere frühen Erinnerungen haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Allerdings, unabhängig von unserem jetzigen Alter, ist unsere Kindheit sowohl vom Erinnern als auch vom Vergessen geprägt. Über allem Geschehen von damals schwebt ein heilsamer Schleier der frühkindlichen Amnesie (Freud). Es ist also nie die ganze Wahrheit, die wir rückblickend sehen, sondern es sind einzelne Facetten, die wir real zu erkennen glauben, mehrfach gefiltert und umgedichtet im Zuge unserer Biografie.
Sie als Leser kennen sicher alle die Frage: »Habe ich dieses Ereignis wirklich so erlebt oder war es nur die Erzählung der anderen, die es mir heute so real erscheinen lässt?« Häufig lassen sich die einzelnen Fäden, aus denen Kindheit gewebt ist, nur schwer auseinandertrennen. Und oft flüchten wir deshalb in vereinfachende Zuweisungen: in Gut und Böse. Alte Wunden werden verklebt und manchmal wird Glück heraufbeschworen, wo doch keines war. Und umgekehrt: Manchmal wird ein kleines Unglück herausgegriffen und pauschalisiert, so dass die Kindheit von damals nur dunkel und traurig erscheint: »Das sind Jahre, die unglücklich scheinen, aber die glückliche Seite ist darin verflochten, ohne dass ich mir ganz darüber im Klaren bin«, schreibt der französische Regisseur François Truffaut.9
In Wahrheit ist Kindheit niemals ganz gut und nur selten ganz schlecht. Die eigentliche Existenz der Kinder spielt sich in Zwischentönen ab. Sie machen die Musik. Sie durchdringen die Widersprüche des kindlichen Lebens, wie des Lebens generell. Ja, ich kann Mama und Papa lieben und zugleich auch hassen. Ich kann die Schule mögen und trotzdem lieber schwänzen. Und ja, ich möchte wachsen – aber gleichzeitig doch auch ganz klein bleiben. Das ist Kinderleben und das ist der Stoff, aus dem Kindheit gestrickt ist: aus Zwischentönen und Widersprüchen. Das macht ihren Zauber aus und das ist der Inhalt des Alphabets der Kindheit.
A
»Ich bin das Alpha und das Omega,
der Erste und der Letzte,
der Anfang und das Ende.«
Offenbarung 22,13
ABC-Lernen
»Und ich bin froh, dass der alte Mann schläft, dass er nicht gesehen hat, wie rot ich geworden bin. Mir scheint, dass er nicht von dem heißen Tee eingeschlafen ist, sondern vor Kummer, dass wir so schlecht lernen. Er ist ein so stiller Mann, er möchte uns so gern das Alphabet lehren, uns so weit bringen, dass wir wenigstens eine Seite in der Bibel lesen können, wie er immer sagt.«
Bella Chagall
Viele Erwachsene, und vor allem die älteren unter ihnen, besinnen sich der Tränen, die sie beim Erlernen des ABC vergossen haben. Wie kann es sein, dass Schullehrer die Kinder damals zum Schönschreiben zwangen, jene aber später keine Spur von Schönheit erinnern? Sie erleben die fremden Buchstaben nicht selten wie feindselige Soldaten, gerade und stramm, keine Abweichung nach rechts oder links, kein Straucheln unter die Linie. Kinderkrämpfe.
Dabei ist doch das Schreibenlernen, dieser Moment, in dem das Kind erstmals in die Geheimnisse der Schrift eingeführt wird, es sein erstes A, sein erstes O malen darf, ein magischer und einzigartig kostbarer Moment. Hier macht das Kind den bedeutungsvollen Schritt, den die Menschheit als Kollektiv schon lange vor ihm vollzogen hat: den Übergang von der schriftlosen in die Schriftzeit, von einer Zeit vorher in eine nachher.
Vorher, das ist die Zeit, in der das Kind, und ursprünglich die Menschheit als Ganzes, die Dinge um sich herum ausschließlich direkt-sinnlich in sich aufnahm, wohl auch beim Namen nannte, jedoch nicht schriftlich fixierte. Dass ein Ding, ein Mensch, die Sonne, der Mond, das Wasser oder die Tiere aber zum Zeichen werden kann, zu einer in sich verdichteten Hieroglyphe, liegt für das Kind vor dem Schulbeginn noch ganz außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Sicher hat das Kind jetzt auch noch kein wirkliches Begehren10, danach zu suchen und diese fremden Zeichen in ihrem tieferen Sinn zu verstehen.
Und dann, eines Tages, unter der Anleitung eines guten Lehrers, und auch aus einem Impuls heraus, will das Kind die Zeichen enträtseln. Es beginnt von sich aus zu begreifen, dass ein einziger Laut, zu einem Buchstaben geronnen, das Tor zu den unterschiedlichsten Wirklichkeiten eröffnen kann. Das W zu Wasser und Welle. Das K zu Karamell und Kamel. Das M zu Mama und Makkaroni. Und das P zu Papa und Puppe, Popo und Pipi, Parmesan und Pups. Diese Worteinfälle stammen sämtlich von einem siebenjährigen Mädchen, das gerade das P zu schreiben gelernt hat. Dass auch Popo, Pipi und Pups darunter sind – direkt neben Papa und Parmesan –, ist für das Kind glaubwürdig und faszinierend zugleich. Und lustig! In diesem Alter gibt es zum Glück noch keine Hierarchie der Werte – und der Worte.
Das Heranführen an die Schrift ist eigentlich ein Mysterium, und es tut dem Kind gut, wenn es die Einführung in dieses Mysterium bewusst durchleben darf. Im Judentum war traditionell Brauch, dass der Lehrer am ersten Schultag die Buchstaben mit Honig an die Tafel malte. Die Kinder gingen an die Tafel und schleckten mit ihren Fingern den Honig ab. Die Lehrer der Montessori-Schulen lassen ihre Kinder die Buchstaben aus Pappe und anderen Materialien ausschneiden und mit ihnen spielen. In den Waldorfschulen erwächst jeder Buchstabe aus einem Bild, einer Geste oder einer Geschichte heraus, er wird farbig gemalt und nimmt so lebendig Gestalt an. Auf diese Weise haben die Kinder das Gefühl, dass die Buchstaben aus ihren eigenen Händen heraus entstehen, dass sie selbst deren Schöpfer sind.
Die allermeisten Kinder, die in unseren Schulen heute schreiben lernen, erleben dieses große Mysterium nicht. Sie erleben nicht das Glück, die Dinge der Welt in Zeichen zu verzaubern – und umgekehrt die Zeichen zurückzuversetzen in Realität. Die allermeisten Kinder schlucken die Buchstaben wie Medizin, die man ihnen reicht, einen nach dem anderen, in schön ordentlicher Reihenfolge. Sie kritzeln sie auf Linien, und dabei ist es fast belanglos, ob sie ein A oder ein I, ein L oder N schreiben. Kein Buchstabe schillert für sie. Keiner spricht wirklich zu ihnen.
Hören beziehungsweise lesen wir, was der französische Schriftsteller und langjährige Lehrer Daniel Pennac aus seiner Kindheit erinnert. Ich muss erwähnen, dass Pennac als Schulkind ein cancre war, ein Krebs, wie die Franzosen ihre schlechten Schüler gnadenlos bezeichnen. Pennac hatte, als er schreiben lernen sollte, eigentlich nur eines im Sinn: weglaufen! Er berichtet in seinem Buch »Schulkummer«: »Zweifellos ist diese Lust, davonzulaufen, auch der Grund für das seltsame Schreiben, dem ich mich hingab, ehe ich schreiben konnte. Statt Buchstaben malte ich kleine Männchen, die an den Rand flohen, wo sie sich zu einer Bande zusammenschlossen. Obwohl ich mir anfangs immer Mühe gab. Ich pinselte die Buchstaben des Alphabets so gut es ging, aber nach und nach verwandelten sie sich von allein in diese kleinen davonhüpfenden und sich fröhlich anderswo tummelnden Wesen. Noch heute verwende ich diese Männchen in meinen Widmungen. Ich hänge an ihnen. Sie sind mein Band aus der Kindheit, dem ich die Treu halte.«11
Wenn man Daniel Pennac mit seinem Männchen-Malen genau anschaut – und in seinem Buch findet man sie gezeichnet –, dann entdeckt man, dass er damit den Prozess der Schreib-Zivilisation gleichsam umkehrt, rückgängig macht. Er verwandelt die Buchstaben in das, was sie ursprünglich einmal waren, nämlich lebendige Wesen, Männchen, Menschen, vielleicht auch Tiere.12 Auf jeden Fall mussten es kleine Gestalten sein, die weglaufen konnten.
Pennac spielt auf seine fantastisch-poetische Weise mit den Buchstaben. Dabei ahnen wir, dass ihm als Schriftsteller das Thema heilig ist, so wie