Der Nil. Terje Tvedt

Der Nil - Terje Tvedt


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einer Schicksalsgemeinschaft vereint, der niemand entkommen kann.

      Ich habe bereits zuvor über die Geschichte des Nils geschrieben. Über den Fluss unter britischer Kontrolle (The River Nile in the Age of the British) sowie in der postkolonialen Epoche (The River Nile in the Post-Colonial Age). Dazu habe ich eine fünfbändige Literaturübersicht zur Nilregion sowie Bücher über die Entwicklungshilfepolitik in dieser Region herausgegeben. Dieses Buch hat einen anderen Schwerpunkt und eine wesentlich längere zeitliche Perspektive und versucht zusammenzufassen, was ich auf unzähligen Reisen an diesem Wasserlauf gelernt habe – nach unendlich vielen Gesprächen an Cafétischen zwischen Alexandria und Kigali, nach vielen ausführlichen Interviews mit Experten, Ministern und Staatsführern, und nachdem ich ein ganzes Jahr in Archiven auf drei Kontinenten verbracht habe, auf der Jagd nach Quellen über die Regionen sowie die Geschichte des Flusses.

      Was jetzt und in naher Zukunft mit und am Nil geschieht, wird dramatische Folgen für die regionale sowie für die globale Politik haben. Während dieses Buch geschrieben wird, durchläuft der Nil, derweil er sich seinen Weg durch die Natur sucht und zugleich die Entwicklung der Gesellschaften an seinen Ufern beeinflusst, die wohl revolutionärste Veränderung in seiner langen Geschichte. Gerade in einer Zeit, in der die Gegenwart zunehmend dramatischer, unbeständiger und unübersichtlicher wird, sind historische Kenntnisse wichtig. Denn wenn man die Vergangenheit nicht versteht, sind Missverständnisse der Gegenwart unvermeidlich.

      Der Erzählstrang dieses Buches ist gegliedert wie eine Reise entlang des Nils, von der Mündung zu den Quellen. Denn nur, wenn man dem Nil flussaufwärts folgt, von Ort zu Ort, wenn man langsam und systematisch dem Pulsschlag des Flusses lauscht, durch die Geschichte hindurch, können seine Geheimnisse und verschiedenen Rollen aufgedeckt und seine Bedeutung für die Entwicklung der Gesellschaft verstanden werden.

      Fluss der Geschichte

      Nach Überquerung des Mittelmeeres sehe ich auf dem Flug von Rom auf kilometerlange Sandstrände hinunter; im Westen endlose braune Wüste, und unter mir ein gigantischer grüner Garten. Wie üblich mit der Stirn am Fenster klebend, fliege ich über das Nildelta und nach Ägypten hinein. Während ich den Fluss als einsame glitzernde Lebensader unter mir sehe, umkränzt von Grün, das sich als lebendiger Protest gegen die Dominanz der Wüste richtet, merke ich, wie meine nordeuropäische Blindheit für die Bedeutung des Wassers allmählich nachlässt. Ich bin nach Ägypten gekommen, um auf einer Konferenz in der Bibliothek von Alexandria den Eröffnungsvortrag über die Bedeutung der Ideengeschichte des Wassers zu halten. Obwohl ich mich schon so lange mit diesem Thema befasse, spüre ich den Druck – ich, ein Mann aus Norwegen, soll im Lande des Nils über Wasser und den Nil sprechen. Ein weiteres Mal blättere ich in einem Klassiker über die geologische Geschichte des Nils, denn obwohl der Fluss Kultur und Mythologie, Romantik und Nostalgie verkörpert, ist er in erster Linie eine physische Struktur, wie Rushdi Said in seinem Buch über den Nil unterstreicht. Die Rolle des Nils für die Gesellschaft ist nicht zu begreifen, solange man seine Hydrologie nicht in Zahlen fasst.3

      Mit großen Ziffern notiere ich die wichtigsten Daten auf einem Block, der neben meinem Laptop auf dem Klapptisch liegt. Es ist eine fast rituelle Handlung, wie um mir selbst ins Gedächtnis zu rufen, dass unter der dicken Schicht aus Kultur, Religion und Politik, von der alle Blicke auf den Nil heutzutage geprägt sind, ein realer Fluss mit einem ganz bestimmten geografischen und hydrologischen Charakter fließt. Die Zahlen, die ich notiere, sind von ungewöhnlich starker gesellschaftlicher Bedeutung und heute genauso relevant wie zur Zeit der Entstehung des Mosaiks. Der Nil, wie wir ihn heute kennen, als ganzjährigen Fluss, ist das Resultat relativ neuer geologischer Prozesse. Diese vollzogen sich vor etwa 15 000 bis 25 000 Jahren, als der Wasserlauf vom Viktoriasee mit dem aus Äthiopien heranströmenden Wasserlauf dort zusammentraf, wo sich im heutigen Khartum der Weiße und der Blaue Nil zu einem Fluss vereinen. Der moderne Nil ist das Kind einer der letzten Feuchtphasen in der Geschichte des regionalen Klimas.

      Ich falte die Karte über den Nil auseinander, die ich immer bei mir habe, wenn ich hierherkomme. Da ich Historiker und Staatswissenschaftler bin, der darüber hinaus auch Geografie studiert hat, ist das eine Art Reflex – denn Landkarten verdeutlichen Zusammenhänge, für die sich andere Vertreter dieser Geistes- und Sozialwissenschaften häufig nicht interessieren. Der Nil hat eine Länge von mehr als 6800 Kilometern – zöge man ihn mit allen seinen Windungen zu einer Gerade und drehte ihn ab Kairo in die entgegengesetzte Richtung, würde er durch das Mittelmeer und ganz Europa verlaufen, Norwegen der Länge nach durchqueren und Hunderte Kilometer nördlich von Spitzbergen enden. Der Wassereinzugsbereich des Flusses umfasst rund drei Millionen Quadratkilometer, das entspricht etwa einem Zehntel des gesamten afrikanischen Kontinents oder einem Areal von der sechsfachen Größe Frankreichs. Elf Staaten teilen sich den Wasserlauf, etwa 1000 verschiedene Ethnien haben hier über Generationen hinweg ihre verschiedenen Kulturen und Gesellschaften entwickelt. Aufgrund von Größe, klimatischer Variation, Topografie, Flora, Fauna und unterschiedlicher Gesellschaftsformen ist das Nilbecken im Hinblick auf Natur und soziale Verhältnisse der komplexeste und variationsreichste aller großen Wasserläufe.

      Die politische Bedeutung des Nils wird von einem gnadenlosen Paradox bestimmt: Was seine Ausdehnung angeht, ist der Fluss riesig, doch führt er nur äußerst wenig Wasser. Der jährliche Durchschnitt beträgt ungefähr 84 Milliarden Kubikmeter, gemessen im ägyptischen Assuan. Dies ist nicht viel – etwa zehn Prozent der Wassermenge des Jangtsekiang, sechs Prozent des Kongo oder etwa ein Prozent dessen, was der Amazonas jährlich ins Meer befördert. Die Ursachen dafür sind in den Besonderheiten des Nils zu finden: Über lange Strecken durchfließt er ein völlig niederschlagsfreies Gebiet. Die jährliche natürliche Wassermenge lag in Oberägypten einmal bei 80 bis 90 Milliarden Kubikmetern. In den letzten Jahrzehnten hat sie sich reduziert, allerdings nicht aufgrund von Klimaänderungen, sondern weil mehr als zehn Prozent des Wassers in den künstlichen Seen der nubischen Wüste verdampfen. Auf seiner fast 2700 Kilometer langen Reise durch eines der trockensten und heißesten Gebiete der Erde wird dem Nil kein neues Wasser zugeführt. Kein anderer Fluss der Erde strömt ebenso weit durch eine Wüste, ohne dass ein anderer Wasserlauf in ihn mündet.

      Die ganzjährige lange Reise des Flusses durch die Wüste ist einzigartig. Auf ihr verbinden sich zwei völlig unterschiedliche Flusssysteme mit ganz verschiedenen hydrologischen Profilen. Der Nil besitzt zwei große Quellflüsse, den Weißen Nil und den Blauen Nil, die sich nahe der sudanesischen Hauptstadt Khartum vereinen. Hier vollzieht sich ein bemerkenswerter hydrologischer Prozess, der darüber hinaus erklärt, weshalb der Weiße Nil bis 1971 für Ägypten der wichtigere Fluss war. Führt der Blaue Nil im Herbst viel Wasser, wirkt er auf den viel kleineren Weißen Nil wie ein Damm. Wenn sich die Wassermenge in diesem aus Äthiopien kommenden Fluss dann im Laufe des Frühjahrs verringert, strömt das aufgestaute Wasser des Weißen Nils nach Ägypten hinunter. Allein dieses Phänomen ermöglicht es, auch im Sommer an diesem Fluss zu wohnen und Landwirtschaft zu betreiben.

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      Bei Assuan im südlichen Ägypten sieht man deutlich, durch was für eine Landschaft der Nil fließt: Wüste.

      Von seiner bescheidenen heiligen Quelle in der äthiopischen Hochgebirgsebene legt der Blaue Nil eine Strecke von etwa 2500 Kilometern zurück, ehe er Khartum erreicht. Aus diesem Fluss sowie aus anderen Nebenflüssen, die den Regen in Äthiopien in sich aufnehmen, wie etwa der Atbara (auch Schwarzer Nil genannt) oder der Sobat (der vor dem Zusammenfluss mit dem Pibor in Äthiopien Baro heißt), stammen fast 90 Prozent der gesamten Wassermenge des Nils. In der Flutsaison im Herbst dominiert der Blaue Nil zur Gänze. Er allein steht für rund 80 Prozent allen Wassers, das nach Ägypten hineinfließt. Die saisonbedingten Schwankungen bei diesen Flüssen sind dramatisch. Der Atbara ist im Sommer fast ausgetrocknet, und beim Blauen Nil fließen 90 Prozent der gesamten Wassermenge, die er im Laufe eines ganzen Jahres transportiert, in den drei Herbsmonaten durch sein Bett.

      Der Weiße Nil ist ein gänzlich anderer Fluss. Zwischen Khartum und den südlichsten Teilen der Sümpfe – eine Distanz von 1800 Kilometern – hat der Fluss ein phänomenal geringes Gefälle von einem Meter auf


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