Der Nil. Terje Tvedt
Osten aus Äthiopien kommt schließlich der Sobat, der eine ganze Reihe kleinerer Nebenflüsse in sich aufgenommen hat. Folgt man dem Fluss weiter aufwärts, knickt dessen Verlauf scharf nach Westen ab und durchquert den Nosee, einen gigantischen Sumpfsee, der nördlich des Sudd, des weltweit größten Sumpfgebiets liegt.
Der Sudd stellt das eindrucksvollste hydrologische Phänomen am Weißen Nil dar: Etwa 50 Prozent des Wassers im Bahr al-Jabal, wie der Weiße Nil hier genannt wird, verdunsten dort. Einige Kilometer nördlich von Juba, der Hauptstadt des Südsudan, beginnen die Sümpfe. Der Bahr al-Jabal (auf Deutsch Bergfluss; er kommt von den Bergen in Zentralafrika) wandelt sich zu einem riesigen, sanft dahinfließenden See in der völlig flachen Tiefebene des Südsudan. Der See breitet sich in alle Himmelsrichtungen aus, sein Umfang variiert mit den Jahreszeiten und der Wassermenge des Nils. Andere große Flüsse im Südsudan wie etwa der Bahr al-Arab oder der Bahr al-Ghazal (oder Gazellenfluss, weil er durch riesige, parkähnliche Gebiete mit großen Gazellenkolonien fließt) versickern in den Sümpfen.
Von Juba aus muss der Weiße Nil noch 4787 Kilometer zurücklegen, ehe er das Meer erreicht. 168 Kilometer weiter stromaufwärts überquert er die Grenze zwischen Sudan und Uganda bei den Folafällen, zuvor strömt er aus dem Albertsee heraus, hat den Sumpfsee Kyoga passiert und sich bei Jinja aus dem Viktoriasee herausgewälzt, unweit der Stelle, wo Ugandas erstes Wasserkraftwerk liegt, das auch unter dem Namen »Ugandas Anfang« bekannt ist.
Diese großen Seen in Zentralafrika bilden das riesige natürliche Reservoir des Weißen Nils. Parallel zum Rückzug der Gletscher während der letzten Eiszeit begann es im Gebiet der äquatorialen Seen des heutigen Uganda zu regnen. Extreme Wetterlagen führten dazu, dass der Viktoriasee und der Albertsee überliefen; dieses Wasser begann, nach Norden abzufließen, und bildete so den modernen Nil. Die Wassermassen flossen ungehindert durch die einstmals trockene Region, die heute ein großes Sumpfgebiet ist, und erreichten Ägypten. Über einen Zeitraum von etwa 500 Jahren hinweg gab es regelmäßige und enorme Überschwemmungen, welche schließlich das Nildelta mit seinen ursprünglich vielen Flussläufen entstehen ließen.
In den letzten 10 000 Jahren ist der Wasserspiegel des Viktoriasees im Großen und Ganzen stabil geblieben; heute handelt es sich bei dem Gewässer um den weltweit drittgrößten Binnensee. Aufgrund der Verdampfung von seiner gigantischen Oberfläche verursacht er selbst enorme Niederschlagsmengen und nimmt darüber hinaus Wasser von Flüssen auf, die aus Burundi, Ruanda, Tansania, Uganda und insbesondere Kenia kommen. Immer wieder wird der Viktoriasee sowohl in Lexika als auch in Touristenbroschüren als Quelle des Nils bezeichnet, obgleich dieser doch viele Quellen hat, sowohl im Osten in Kenia als auch im Süden in Burundi sowie im Westen in Ruanda und im Kongo. Die westlichen Bergketten, wo einige der wichtigsten Zuflüsse herkommen, gehören zu den feuchtesten Gebieten der Erde, wo es an 360 Tagen im Jahr regnet und dabei durchschnittlich fünf Meter Niederschlag pro Quadratmeter fallen. Die Kombination dieser meteorologischen und geologischen Verhältnisse ermöglicht eine kontinuierliche Wassermenge im Nil auch in den Perioden des Jahres, wenn die aus Äthiopien kommenden Flüsse so gut wie austrocknen.
All diese Zahlen können deplatziert auf Menschen wirken, die meinen, dass die Beschäftigung mit dem Menschlichen auf das Menschliche beschränkt bleiben soll – oder anders ausgedrückt, dass eine lebendige, auf den Menschen ausgerichtete Geschichtsschreibung solche Zahlen vermeiden müsse, weil es sich dabei um naturwissenschaftliche Ablenkungen handele. Tatsächlich jedoch trifft das Gegenteil zu: Diese Zahlen fassen nicht nur auf entscheidende Weise die Rahmenbedingungen für die gesellschaftliche Entwicklung zusammen, sondern beschreiben darüber hinaus eine wichtige Achse und ein Zentrum der gesellschaftlichen Existenz. Diese messbaren geografischen Gegebenheiten verleihen dem Fluss seine besondere regionale und lokale Identität. Sie haben dazu beigetragen, an seinen Ufern verschiedenartige Gemeinschaften zu formen und verschiedene regionale Nutzungsmöglichkeiten zu erschaffen. Ebenso wenig ist es möglich, Entstehung und Untergang des europäischen Kolonialismus, Äthiopiens zentrale Rolle im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs, das heutige Schicksal des Südsudan oder Ägyptens Vergangenheit und Zukunft zu verstehen, ohne die Hydrologie des Nils zu kennen.
DIE WÜSTE UND DAS DELTA – ÄGYPTEN
Das Wüstenparadies
Will man erfassen, welche Bedeutung der Nil für Ägypten hat – das Land ganz unten am Flusslauf, das immer die Großmacht am Nil war –, muss man begreifen, was dieses Wüstenland ohne den Fluss gewesen wäre. Auch den Wert des Wassers versteht man ja erst, wenn man erlebt hat, dass der Brunnen austrocknet, und was Licht ist, weiß man erst, nachdem man die Dunkelheit gesehen hat.
Diese Biografie des Nils beginnt deshalb mit Fayyum, der klassischen Oase in der Wüste auf dem Westufer des Flusses. In der Sahara sind manche Gegenden so trocken, dass Archäologen Zigarettenblättchen gefunden haben, die alliierte Soldaten im Zweiten Weltkrieg während des Wüstenkriegs gegen Deutschland weggeworfen haben. Dort, wo die Wüste ihre Farbe ändert, von braun und fleckig zu weiß und rein, öffne ich die Autotür und spüre, wie mir die Hitze entgegenschlägt. Ich brauche nur einige Minuten, um über die nächstgelegene Sanddüne zu laufen, fort von der asphaltierten Straße, die sich durch die durch und durch karge Landschaft zieht, und ich sehe nur Wüste und bin ganz allein. Absolut allein. Hier gibt es nichts. Und was vielleicht besonders außergewöhnlich ist: Es riecht nach nichts. Zwar erinnern die endlosen Sandwellen in gewisser Weise an das Meer, gleichwohl ist die Wüste ein Ort ohne Gerüche. Der einsam wehende Wind verstärkt noch das Gefühl der Leere. Näher können wir der Wahrheit über Ägypten nicht kommen.
Wenn eine fantasievolle, von Wüstenfilmen inspirierte Stadtseele wie meine dann wieder im Auto sitzt und zu hören glaubt, dass der Motor wegen der Hitze streikt, kann sie anfangen, romantische Vorstellungen zu entwickeln. Der Wagen, der aufgrund eines Motorschadens liegen bleibt, und der Wind, der das Auto langsam, aber sicher bedeckt, während man in seinem Windschatten Zuflucht sucht. Die Wasserflaschen, die immer leerer werden … Und dann tauchen die Wegweiser nach Fayyum auf.
Fayyum ist seit Jahrtausenden bekannt als »Ägpytens Garten« und wird auch »Wüstenparadies« genannt.4 Es ist eine pulsierende Oase – mit prachtvollen Moscheen, alten Kirchen und antiken Sehenswürdigkeiten. Wenn man im Zentrum dieses 692 Quadratkilometer großen Beckens steht und Palmen sieht, die sich allesamt in dieselbe Richtung beugen, wenn man Esel sieht, die viel zu schwer aussehende Lasten von Getreide und Obst tragen, oder einige Wasserbüffel, die nachdenklich die Vorüberkommenden mustern, und Bauern, ja, überall Bauern, die auf den kleinen grünen Feldern arbeiten, ist es nicht leicht zu begreifen, dass es hier niemals regnet.
Fayyum ist deshalb so interessant für alle, die sich für die frühe Geschichte der Menschheit interessieren, weil es auch in prähistorischer Zeit bereits ein fruchtbares Paradies war. Die ersten festen Wohnsiedlungen in Ägypten entstanden vor etwa 7000 Jahren, und sie entstanden in Fayyum – als Ergebnis eines Wanderungsprozesses mit ungewöhnlich weitreichenden Konsequenzen. Als die Sahara langsam zur Wüste wurde, suchten die »Klimaflüchtlinge«, wie wir heute sagen würden, nach permanentem Zugang zu Wasser. Schrittweise bevölkerten sie deshalb die Gegenden in östlicher Richtung und erreichten schließlich den großen Fluss, der die Sahara das ganze Jahr über durchquert.
Fayyum entwickelte sich rasch zu einer der allerersten Landwirtschaftsregionen der Weltgeschichte. Die Position dieser Oase ist allein darauf zurückzuführen, dass der Nil jedes Jahr die niedrigen Hügel überflutete, die den Fluss von der Senke trennen. Ursprünglich war das fruchtbare Fayyum also das Werk der Natur. Aber der Fluss zeigte den Menschen, wie die Wunder der Natur funktionierten, oder die Wunder der Götter, was für viele dasselbe war, und sie setzten sich zum Ziel, diese zu kopieren, wenn auch in kleinerem Maßstab.
Vor fast 4000 Jahren, unter Amenemhet I. in der 12. Dynastie, kamen die Ägypter auf die geniale Idee, die Flut mithilfe des natürlichen Fayyumsees als regulierendem Reservoir unter Kontrolle zu bringen.5 Der Binnensee, später von zahllosen Reisenden beschrieben als eine Art göttliches oder auch natürliches Wunder, wurde zu einem frühen Nil-Stausee und zu vermutlich einer der ersten Anlagen dieser Art in der Geschichte der Menschheit. Der fast 4000 Jahre alte Regulierungsdamm in Ägyptens zentraler