Der Nil. Terje Tvedt
leistungsfähigen und geschützten Häfen versehen, die den Handel mit Waren aller Art über zwei unterschiedliche Wassersysteme verbanden. Der eine Hafen war für den Transport von Produkten der ägyptischen Landwirtschaft über den Nil angelegt. Der andere war den neuen, seetüchtigen Schiffen des Mittelmeers angepasst. Die Stadt wurde zu einem Umschlaghafen für Waren aus allen Weltgegenden, die für Ägypten bestimmt waren, und für ägyptische Produkte, die in den Export gehen sollten. Die damalige Mittelmeermetropole wurde bald als schöne Stadt mit angenehmem Klima bekannt. Sie zog viele Griechen und Römer an, da Ägypten ein Teil des hellenischen Kulturraums und später des Römischen Reichs war. Alexander der Große – Plutarch zufolge maß er gerade mal zwischen 1,60 und 1,65 Meter – hinterließ eine Stadt, die vielleicht als erste als wirkliche Metropole bezeichnet werden konnte.
Je erfolgreicher die Stadt Handel betrieb, desto mehr brauchte sie ein Symbol für ihren wachsenden Wohlstand – und ein effektiveres Instrument, um die Schiffe durch die der Küste vorgelagerten Kalksteinriffe zu leiten. Ptolemaios I., der nach Alexanders Tod die makedonische ptolemäische Dynastie gründete, erteilte deshalb im Jahre 209 v. Chr. den Befehl, auf der in der Bucht vor der Stadt gelegenen Insel Pharos einen Leuchtturm zu errichten. Als der Bau 20 Jahre darauf vollendet war, besaß Alexandria nicht nur den ersten Leuchtturm, sondern auch das damals höchste Gebäude der Welt. Der Turm war mehr als 120 Meter hoch. Seine Bedeutung zeigt sich auch darin, dass pharos in den romanischen Sprachen zur Wurzel für das jeweilige Wort für Leuchtturm wurde. Wenn man heute von der Corniche auf das osmanische Fort hinüberblickt, das dort steht, wo einst der Leuchtturm aufragte – ob man nun auf einem Balkon des kolonialen Cecil House Hotels mit phänomenalem Blick aufs Meer steht oder seine Beine von der Mauer baumeln lässt, die sich die Promenade entlangzieht, zusammen mit den Tausenden von Einwohnern der Stadt, die dort quasi ständig sitzen – man kann sich leicht vorstellen, wie stolz der Turm zu Pharos, der als eines der sieben Weltwunder galt, sich einst den Besuchern zeigte.
Unter den Ptolemäern wurde die Stadt zum Zentrum für Handel, Wissenschaft und Gelehrsamkeit der gesamten hellenistischen Welt. Sie war ein kosmopolitischer Schmelztiegel, wo griechisches Denken, die Religionen des alten Ostens und neue mystische Kultbewegungen einander beeinflussten. Im Unterschied zu Athen, wo die Kunst dominierte, spielte in Alexandria die Wissenschaft eine herausragende Rolle. Anatomie, Geografie, Astronomie und Mathematik machten hier einen großen Sprung nach vorn.
Die Bibliothek der Stadt lockte die bedeutendsten griechischen Mathematiker, Ingenieure, Physiker, Architekten und Geografen in die Stadt. Kluge Köpfe zeichneten und diskutierten einige der ersten Weltkarten. Wenn es einen Ort gibt, der die Bezeichnung Zentrum der Gelehrsamkeit verdient hat, dann ist das Alexandria zu jener Zeit. Die Bibliothek baute ihre Position aus, indem sie Alexandrias Rolle als Handelsknotenpunkt nutzte. Die herrschende Dynastie ließ alle Schiffe durchsuchen – nach Büchern. Wenn eines gefunden wurde, musste es der Bibliothek ausgehändigt werden. Dort wurde es kopiert; die Bibliothek behielt das Original. Solche Bücher wurden in einem besonderen Katalog aufgeführt und mit dem Stichwort »von den Schiffen« versehen. Es wurde so umfassend nach Büchern gefahndet, dass irgendwann Fälscher auf den Plan traten und ihre selbst verfassten Werke beispielsweise als Buch von Aristoteles ausgaben. Angeblich verfügte die Bibliothek über mehr als 700 000 Schriftstücke und enthielt »alles Wissen der Welt«. Inzwischen gehen Historiker davon aus, dass diese Behauptungen wohl übertrieben waren. Es kann aber keine Zweifel daran geben, dass Alexandria nicht nur für das Nildelta, sondern für die ganze Welt den Sitz der Gelehrsamkeit darstellte.
Die wirtschaftliche Voraussetzung für die Stadt, vor etwa 2000 Jahren zum Zentrum der Wissenschaft aufzusteigen, war der Umfang des Handels, und die Voraussetzung für diesen blühenden Handel war, dass Alexandria dort angelegt wurde, wo der Nil und die Welt am effektivsten miteinander verbunden waren. Als sich später aus hydrologischen und politischen Gründen die Verbindung zum Nilsystem änderte, die notwendigen und umfassenden Wartungsarbeiten der Kanäle zwischen Stadt und Delta vernachlässigt und die Schiffe zu groß wurden, um die Kanäle zu passieren, verfiel Alexandria und mit ihm die Bibliothek.
Die Bedeutung des Nils für Alexandria hat sich also ebenso geändert wie die Stadt selbst. Nur wenig erinnert an das kosmopolitische Alexandria zu den Glanzzeiten der Bibliothek. Hier, an den Gestaden des Mittelmeers, in einer Stadt, in der seinerzeit der Nilkult dominierte, wo der moderne Fluss jedoch zu einer von Menschenhand geschaffenen Bedrohung geworden ist, halte ich meinen Vortrag über die Ideengeschichte des Wassers, in dem ich unter anderem über die Bedeutung Alexandrias und des Nils für die Anfänge der Philosophie spreche.
Die Anfänge der Philosophie
Ich halte bei einem der Palmenhaine, an denen das Delta so reich ist. Ich will die Bäume im Morgenlicht sehen, ehe die Hitze unerträglich wird. Allein gehe ich vorbei an den schnurgeraden Bewässerungskanälen unter den wie in Reih und Glied aufgereihten Palmen, Tausende und Abertausende hintereinander, wie Alleen ohne Ende. Dazwischen liegen hier und dort riesige Sanddünen, seltsam fehl am Platze, die Wüste wirkt hier wie ein Eindringling im Garten Eden. Das Licht fällt schräg durch die Palmblätter. Es ist schön und still, sogar das Wasser fließt, oder eher, es bewegt sich, langsam, fast unmerklich und unhörbar unten in den engen Kanälen. Im Koran stehen die berühmten Worte »Allah erschuf alles aus Wasser«. Hier kann ich es bezeugen; ganz konkret kann ich sehen, wie alles aus Wasser geschaffen wird, allerdings eindeutig mit menschlicher Hilfe. Die Palmen, das grüne Gras, noch die kleinste Pflanze – das alles ist entstanden, weil die Ägypter über Generationen hinweg trockengelegt und kanalisiert, das Wasser eingedämmt und umgeleitet haben, wodurch sie ein kompliziertes ökologisch-ökonomisches System entwickelten, das mit dem Begriff »Wasserkontrolle« umschrieben werden kann.
In dieser Gegend wanderte vor fast 3000 Jahren eine der bekanntesten weltgeschichtlichen Persönlichkeiten umher und stellte ihre Beobachtungen über das Wasser als wesentliches Grundelement aller Grundelemente an. Dieser Mann sollte die Geschichte der Philosophie ändern, möglicherweise sogar die Geschichte des Denkens selbst. Die Rede ist von Thales von Milet (624–546 v. Chr.), dem Mann, den Aristoteles später als den allerersten Naturphilosophen bezeichnete und über den Bertrand Russell in seiner überaus einflussreichen Geschichte der Philosophie noch klarer sagte: »Die Philosophie beginnt mit Thales.«12
Thales interessierte sich für alles – Philosophie, Geschichte, Geografie, Politik und Mathematik. Er beschäftigte sich ausführlich mit Astronomie, und es ist behauptet worden, er habe als Erster die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele vertreten. Vielleicht war er auch der Erste, der als Klischee des zerstreuten Professors geschildert wurde. Sokrates erzählte Platon – und der fand es offenbar interessant genug, um es der Nachwelt mitzuteilen –, dass Thales einmal so darin vertieft gewesen sei, einen Stern zu beobachten und das Himmelsgewölbe über sich zu betrachten, dass er dabei in einen Brunnen fiel.
Seit mehr als 2000 Jahren wird unter Historikern darüber diskutiert, wie viel Thales eigentlich geschrieben und was genau er gesagt hat. Es wurde behauptet, er habe in seinem ganzen Leben nur 200 Zeilen verfasst! Was ihn jedenfalls unsterblich machte, war seine Aussage über das Wasser als eigentliches Grundelement der Natur, die einige Jahrhunderte später von Aristoteles überliefert wurde: »Thales, der erste Vertreter dieser Richtung philosophischer Untersuchung, bezeichnet als solches Prinzip das Wasser. Auch das Land, lehrte er deshalb, ruhe auf dem Wasser.«13 Thales glaubte, die Natur bestehe aus einer einzigen materiellen Substanz – Wasser.
Der Philosoph hielt das Wasser also für das Grundprinzip aller Dinge. Die Erde und alles darauf sei einmal Wasser gewesen. Thales hatte mit eigenen Augen gesehen, wie die Natur selbst die Richtigkeit dieser Aussage demonstrierte und bestätigte. Auf seinen Reisen im Nildelta konnte er, wie alle anderen, beobachten, dass Wasser im Wortsinne Land und Leben erschuf, Jahr um Jahr. Die Hälfte des Jahres war das Delta eine riesige Sumpflandschaft, aber wenn sich das Wasser zurückzog, entstanden zwischen den Flüssen und den verbliebenen kleineren Sümpfen extrem fruchtbare Flächen, auf denen Landwirtschaft betrieben werden konnte. Die Menschen in den Dörfern am Flusslauf errichteten Pfahlbauten, um auch zur Flutzeit dort wohnen zu können. Und in jedem Jahr hinterließ das Wasser ein unerklärliches Zusatzgeschenk: eine feine Schicht