Der Nil. Terje Tvedt

Der Nil - Terje Tvedt


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Abermals werde ich daran erinnert, wie wenig hilfreich das postmoderne und von einem großen Teil der modernen Sozialforschung vertretene Ortsverständnis ist. Natürlich kann niemand von seinen eigenen Filtern und Blickwinkeln abstrahieren und das Nildelta so sehen, wie es »eigentlich« ist. Aber es lässt sich auch nicht einfach zu einer sozialen Konstruktion reduzieren: Das Nildelta ist ein überaus konkreter physischer Ort, wo die Menschen ihr ortsbestimmtes Dasein leben. Wenn man das als Ausgangspunkt nimmt, kann man auch die Drohung leichter verstehen, die in Gottes Worten enthalten ist.

      In der Bibel ist der Nil, beziehungsweise der Gihon, der Fluss des Paradieses, ein Fluss, welcher der Macht Gottes anheimgegeben ist, wie jeder andere Fluss auch. Nur ist der Nil der einzige, von dem Gott unzweideutig sagt, dass er ihn zur Bestrafung eines ganzen Volkes einsetzen wird. Gott hat eine klare Vorstellung davon, wie der Nil zu nutzen sei. Eine strenge, wörtliche Lesart des Textes ergibt, dass alle, die glauben, der Nil gehöre ihnen, nicht nur in sozialer Hinsicht selbstsüchtig handeln, sondern sich Gottes Wort und Seinem Plan für die Welt widersetzen.

      Gottes Reaktion auf das, was Ihm als ägyptischer Besitzanspruch auf den Nil erscheint, gleicht einem heftigen Wutausbruch.

      Und Ägyptenland soll zur Wüste und Öde werden, und sie sollen erfahren, dass ich der Herr bin. / Weil du sprichst: »Der Nil ist mein und ich bin’s, der ihn gemacht hat«, – / darum siehe, ich will an dich und an deine Wasserströme und will Ägyptenland zur Wüste und Öde machen von Migdol bis nach Syene und bis an die Grenze von Kusch, / dass vierzig Jahre lang weder Mensch noch Tier das Land durchziehen oder darin wohnen soll. / Denn ich will Ägyptenland zur Wüste machen inmitten verwüsteter Länder und ihre Städte in Trümmern liegen lassen inmitten verwüsteter Städte vierzig Jahre lang und will die Ägypter zerstreuen unter die Völker, und in die Länder will ich sie verjagen. / Wenn die vierzig Jahre um sein werden, will ich die Ägypter wieder sammeln aus den Völkern, unter die sie zerstreut werden sollen, / und will das Geschick Ägyptens wenden und sie wieder ins Land Patros bringen, in ihr Vaterland; aber sie sollen dort nur ein kleines Königreich sein. / Sie sollen kleiner sein als andere Reiche und nicht mehr sich erheben über die Völker, und ich will sie gering machen, dass sie nicht über die Völker herrschen sollen, / damit sich das Haus Israel nicht mehr auf sie verlässt und sich damit versündigt, wenn es sich an sie hängt; und sie sollen erfahren, dass ich Gott der Herr bin.

      Der Bibel zufolge will der Allmächtige Seine Allmacht durch die Zerstörung Ägyptens beweisen. Und die Begründung ist eindeutig: Gott ergreift diese Maßnahme, weil sich die dort Wohnenden Ihm widersetzen, sie beleidigen Ihn nicht durch Hurerei, Gotteslästerung oder dergleichen, sondern, indem sie dem Nil gegenüber eine andere Haltung zeigen als die von Ihm akzeptierte; sie glauben nämlich, sie hätten den Nil erschaffen und der Fluss gehöre deshalb ihnen.

      Aber warum sind die brutale Bestrafung Ägyptens aufgrund dieser Einstellung zum Nil und die Drohung, das Land zu zerstören, so unbekannt und werden kaum einmal aufgegriffen? Wenn man das, was in der Bibel steht, wörtlich nimmt, bekommt es eine gewaltige Bedeutung für die gegenwärtige und die zukünftige Nildiplomatie und -politik, sowohl in Ägypten als auch in den umliegenden Ländern – in den christlichen Staaten weiter am Oberlauf und in den stromab gelegenen muslimischen.

      Ich werfe einen Blick aus dem Fenster, aber da der Sonnenuntergang im Nu vorübergeht und es draußen schon dunkel ist, sehe ich nur mein eigenes Gesicht. Rasch stecke ich das Buch wieder weg, lächele meinen ägyptischen Sitznachbarn an und bin froh darüber, dass er nicht sehen kann, was ich gelesen habe. Wenn man diese Bibelstellen im Zug durch das Nildelta studiert, wird es nicht nur leichter, ihre ganz konkrete, materielle Wirklichkeit zu verstehen; diese Erkenntnis ist auch eine Erinnerung an die prekäre Stellung der Sprache ganz allgemein – wenn man gerade die Biografie des Nils schreiben will. Dazu ist ein ungewöhnliches Bewusstsein über die Rolle des Beobachters, des Außenstehenden, vonnöten, denn Beschreibungen des Flusses sind vom Standort bestimmt: Unter der Bevölkerung und den politischen Führern der elf Anrainerstaaten des Nils gibt es politische und ideologische Uneinigkeiten über prosaische Dinge, zum Beispiel wie Wasserläufe und Flusseinzugsgebiete zu definieren sind, was den Wasserfluss ausmacht, wie viel Regen fällt, was Wassersicherheit ist und wie die Wasserrechte aussehen. Alle sind eigentlich zur Zusammenarbeit bereit, und doch kommt es schon dann zu Meinungsverschiedenheiten, wenn auch nur die einfachsten Sachverhalte zu beschreiben sind. Das ist die Herausforderung für den unparteiischen Biografen. Ich werfe im Fenster einen Blick auf mich selbst, diesmal ist es ein eher forschender Blick.

      Der Islam erobert das Nildelta

      »In der zeitgenössischen abendländischen Geschichtsschreibung gilt allgemein die Auffassung, die Religionskriege zwischen Christentum und Islam hätten mit den Kreuzrittern und Richard Löwenherz begonnen. Aber dabei wird vollkommen übersehen, dass das christliche Ägypten 500 Jahre zuvor vom Islam zerschmettert wurde. Wir waren zuerst hier.« Der koptische Geistliche, der im Bahnhof mit mir sprechen will, sieht mich durch seine dicken Brillengläser an. Während er sich durch den langen schwarzen Bart fährt und ich schon um eine Präzisierung bitten will, fügt er hinzu: »Man könnte meinen, der Krieger Saladdin habe in diesen politisch korrekten abendländischen Erzählungen die Feder geführt.«

      Die islamische Eroberung Ägyptens hatte viele Folgen, nicht zuletzt für Alexandria und die Herrschaft über den Nil. Kalif Omar und sein Heer eroberten das Delta und Alexandria im Jahr 642 und schlugen das Heer des Byzantinischen Reichs, das noch immer im Delta regierte. Allerdings war das Interesse der Kaiser in Konstantinopel an Ägypten viel geringer gewesen als das der Herrscher Roms. Der arabische Heerführer schilderte die von seinen Soldaten eingenommene Stadt so: »4000 Paläste, 4000 Bäder, 400 Theater, 1200 Gemüsehändler und 40 000 Juden.« Alexandria war noch immer eine der wichtigsten Handelsstädte am Mittelmeer, doch die Unzufriedenheit mit der byzantinischen Regierung war groß, und Vertreter der dominierenden koptischen Gemeinden hießen im 7. Jahrhundert die neuen arabisch-islamischen Herrscher willkommen.21 Sie konnten ja nicht ahnen, welche Folgen diese Entscheidung für ihre Position haben würde.

      Macht und Stellung des Christentums hatten sich in den Jahrhunderten vor der arabischen Invasion geändert. Der römische Kaiser Diokletian – die Ruinen seines gewaltigen Altersruhesitzes prägen noch heute die kroatische Stadt Split – war zum Frontalangriff gegen die Christen in Ägypten übergegangen. Die Kopten hatten darunter so sehr zu leiden, dass sie ihre eigene Zeitrechnung mit den damaligen Verfolgungen beginnen lassen. Kaiser Theodosius dagegen erhob Ende des 4. Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion. Zugleich jedoch entstand zwischen der koptischen Kirche in Ägypten und der Kirche in Byzanz ein religiös-dogmatisches Schisma. In Byzanz als dem von Kaiser Konstantin gegründeten neuen Hauptsitz der Kirche verringerte sich das Interesse an Ägypten. Während die Provinz einst ein Drittel des im Römischen Reichs verzehrten Weizens produziert hatte, spielte das Delta für Ostrom eine viel geringere Rolle. Die arabischen Eroberer stießen deshalb auf geringen Widerstand, als sie im 7. Jahrhundert das Delta hinaufzogen.

      Für die Ausbreitung der arabisch-islamischen Zivilisation sollte die Kontrolle über Ägypten und das Nildelta entscheidend sein. Das Delta war eine hervorragende Ausgangsbasis für weitere Eroberungen nach Westen in Richtung auf den Maghreb, die iberische Halbinsel und später Frankreich. Hier lernten die Eroberer, in trockenen Gegenden künstliche Bewässerung und neue Nutzpflanzen einzuführen, und das war eine der Voraussetzungen für ihren Erfolg in Südwesteuropa. Das Nildelta blieb eine Kornkammer, jetzt jedoch für die arabischen Kernlande im Osten. Eine der ersten Handlungen der neuen Herrscher bestand darin, die Hauptstadt das Niltal hoch nach Fustat zu verlegen, etwas nördlich davon, wo heute Kairo liegt.

      Da Ägypten nun dem islamischen Kalifat unterworfen war, das seinen Hauptsitz zuerst in Damaskus und später in Bagdad hatte, war die Verwaltung des Landes aus kulturellen, historischen und machtpolitischen Überlegungen eher nach Arabien und zum Nahen Osten hin ausgerichtet statt nach Europa und auf das Mittelmeer. 706 wurde dies durch die Erhebung des Arabischen zur Amtssprache bekräftigt. Indem die Hauptstadt stromauf verlegt wurde, schufen die Eroberer zudem eine Pufferzone gegen mögliche Angriffe vom Meer her. Byzantinische Invasionstruppen mochten auf See noch immer die Übermacht besitzen, so die militärstrategischen


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