Der Nil. Terje Tvedt

Der Nil - Terje Tvedt


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Nil und der Stadt beitrug.

      Einer im Westen populären Erzählung zufolge wurde die berühmte Bibliothek von Alexandria auf Befehl des Kalifen Omar von dessen Soldaten zerstört. Der arabische Befehlshaber soll laut dieser Version angeordnet haben, die Bücher an die 4000 Bäder der Stadt zu verteilen und zum Aufheizen des Wassers zu verwenden. Die Bäder waren danach angeblich sechs Monate lang heiß. Die erste abendländische Fassung dieser Geschichte stammt aus dem Jahr 1663 und steht in der Übersetzung von Edward Peacocke in der History of the Dynasties. Diese Darstellung jedoch wurde bereits 1713 von dem französischen Kleriker und Orientalisten Eusèbe Renaudot als antiislamische Propaganda entlarvt. Seitdem sind viele Forscher zum selben Schluss gelangt, darunter Bernard Lewis, ein Experte für den Nahen Osten, der von vielen als starker Kritiker des Islam betrachtet wird. Omar und seine Soldaten müssten ein für allemal von dieser Anklage freigesprochen werden, sie lasse sich einfach nicht mit Beweisen untermauern. Alle verfügbaren Indizien weisen stattdessen darauf hin, dass andere Faktoren für die Zerstörung der Bibliothek verantwortlich waren – angefangen von Julius Cäsars Kriegsführung, der Teile der Bibliothek zum Opfer fielen, über die Einstellung einflussreicher Christen, die Gelehrsamkeit als kulturelle und religiöse Bedrohung betrachteten, bis hin zur Vernachlässigung Alexandrias nach der Eroberung durch die Araber – die das Interesse an dieser Stadt am Mittelmeer und den Kanälen verloren, die die Stadt mit dem Nil verbunden hatten.

      Der Brief des Kalifen an den Nil

      In der islamischen Überlieferung ist von einem Brief die Rede, der das erste und einzige Schreiben an einen Fluss darstellt. Er wurde von Kalif Omar verfasst, bekannt auch als Omar al-Fārūq oder »Der, der die Lüge von der Wahrheit unterscheidet«. Kalif Omar war der zweite Staatsführer des ersten muslimischen Staates im 7. Jahrhundert kurz nach der Eroberung Ägyptens. Die Geschichte über seinen Brief an den Nil lautet wie folgt:

      Als Ägypten erobert wurde, kamen die Menschen am ersten Tag eines ihrer Monate zu Amr ibn al-As, dem Kommandeur der arabischen Besatzungstruppen, und sagten zu ihm: »Emir, dieser unser Nil hat eine bestimmte Forderung, und ohne deren Erfüllung fließt er nicht.« Amr fragte: »Und wie lautet diese?« Sie erwiderten: »Wenn elf Tage dieses Monats vergangen sind, suchen wir nach einer Jungfrau. Nachdem wir die Zustimmung ihrer Eltern bekommen haben, kleiden wir sie in die schönsten Gewänder und geben ihr den prächtigsten Schmuck, und dann werfen wir sie in den Nil.« Daraufhin sagte Amr: »So wird es im Islam niemals sein. Der Islam zerstört alles, was vor ihm gewesen ist.«

      Der Fluss führte weder viel noch wenig Wasser. Es gab Missernten, und die Menschen planten auszuwandern. Als Amr sich dessen bewusst wurde, schrieb er an Omar, um ihm über die Entwicklung zu berichten. Daraufhin antwortete der Kalif: »Du hattest recht mit deinen Worten. Der Islam zerstört alles, was dem Islam vorausgegangen ist.« Er legte dem Brief einen Zettel bei und schrieb an Amr: »Ich habe dem Brief an dich einen Zettel von mir beigefügt, wirf ihn in den Nil.« Als der Brief Amr erreichte, nahm dieser den Zettel heraus und las, was darauf stand: »Von Allahs Sklave, Omar ibn al-Khattab Amir al-Muminin, an den Nil Ägyptens. Falls du früher Überschwemmung zu bringen pflegtest, dann fließe nicht! Wenn es Allah war, der dich zum Fließen brachte, dann bitte ich den Allmächtigen Einen, dass er dich strömen lassen möge!« Amr warf am Tag vor dem Fest des Heiligen Kreuzes den Zettel in den Nil. »Sie erwachten am nächsten Morgen, und Allah, gepriesen sei Er, hatte den Fluss zum Fließen gebracht, und er stieg sechzehn Ellen an einem Abend.« Bis zum heutigen Tag gebietet Allah der alten Sitte unter den Ägyptern Einhalt.22

      In den Jahrhunderten, die auf die arabische Invasion folgten, übernahm eine fremde Dynastie nach der anderen die Macht über den ägyptischen Staatsapparat, gleichzeitig entwickelte sich Ägypten nach und nach zu dem wichtigsten Land der muslimischen Welt. Die häufigen Wechsel in der Führung unterstreichen damit die Bedeutung des Flusses als permanente Quelle von Reichtum und staatlicher Stabilität. Derweil lebte die übrige Gesellschaft im Großen und Ganzen so weiter, wie sie es seit Jahrhunderten getan hatte.

      Anstatt Erklärungen für diesen Konservatismus in der »Mentalität der Ägypter« zu suchen, wie es unter Historikern üblich war, ist es ergiebiger, sie als ein Resultat dessen zu sehen, dass der Fluss Jahr für Jahr den gleichen Arbeitseinsatz und den gleichen jährlichen Wechsel zwischen Arbeit und Ruhephasen erforderte. Technologische Neuerungen waren nur in begrenztem Maße möglich und – in gewisser Weise – auch nicht erforderlich. In Jahren, in denen das Wasser ausblieb oder die Flut zu lange andauerte, gab es Armut und Missernten; Dynastien wurden geschwächt, mitunter fielen sie in sich zusammen. Stets war die Wassermenge des Nils die größte Unsicherheit und Sorge. Und obgleich die muslimische Lehre Götzenanbetung untersagte, setzten die Muslime die Verehrung des Flusses noch lange fort, genauso wie die Kopten es getan hatten.

      Napoleon im Anmarsch

      Am 1. Juli 1798 gab es ein Erdbeben in der Geschichte Ägyptens und des Niltals. Die technologische Rückständigkeit des Landes wurde offensichtlich, nicht nur gegenüber der Außenwelt, sondern insbesondere im Land selbst.

      An diesem Tag ging die französische Expeditionstruppe, L’Armée d’Orient, unter Führung des 28-jährigen Napoleon Bonaparte nahe der Nilmündung an Land. Dass fremde Soldaten nach Ägypten kamen, um das Delta zu besetzen und seine Fruchtbarkeit auszubeuten, war in den letzten 2000 Jahren eher die Regel als eine Ausnahme gewesen. Dass aber der wichtigste und mächtigste muslimische Staat von einem kleinen militärischen Kontingent aus einem Land erobert wurde, das im damaligen Verständnis des Nahen Ostens als barbarische Randregion der Welt aufgefasst wurde, kam einer Demütigung gleich. Diese militärische und kulturelle Konfrontation im unteren Niltal sollte den Blick der arabischen und islamischen Welt auf den Westen und auf sich selbst nachhaltig prägen.

      Das Ägypten, in das Napoleon eindrang, war ein Land, das zwar immer wieder von neuen Herrschern unterworfen worden war, dessen technologische Entwicklung zur Nutzung des Nils sich aber seit der Zeit Cäsars kaum verändert hatte. Die ägyptische Elite bestand im 18. Jahrhundert aus Mameluken, eine Herrscherkaste aus ehemaligen Soldatensklaven, die etwa 1000 Jahre zuvor zum ersten Mal die Macht ergriffen hatten. Bei den Mameluken handelte es sich um nicht-arabische, eurasische männliche Sklaven, die von ihren meist nomadischen Eltern verkauft, oder auch Christen, die im Krieg – meist in türkischen Gebieten und mitunter im Balkan – gefangen genommen worden waren. Sie hatten eine militärische Ausbildung erhalten und waren als Muslime erzogen worden. Die erste formelle Mameluken-Dynastie wurde Bahri genannt, was See oder Fluss bedeutet und sich auf ihr Hauptquartier auf der Insel Roda inmitten von Kairo bezog. 1517 wurde Ägypten von Truppen des Osmanischen Reichs erobert, und das Land wurde zu einer Art Juniorpartner der Herrscher in Konstantinopel. Im Laufe des 18. Jahrhunderts erhielt Ägypten immer mehr Freiheiten; dies gab den Mameluken die Gelegenheit, ihre Position als Ägyptens Führungselite, wenn auch formal unter Kontrolle der Osmanen, zurückzuerobern.

      Der Ackerbau war weiterhin produktiv, doch noch immer dominierten die aus der Zeit der Pharaonen stammenden Bewässerungsmethoden. Die Menschen lebten im Grunde genommen im gleichen Rhythmus wie ihre Vorfahren Tausende Jahre zuvor. Wenn die Nilschwemme kam, wurden Dämme aus Lehm und Erde errichtet, um das Wasser länger auf den Feldern zu halten. Danach wurde das Wasser zurück in den Nil geleitet. Der Boden war genügend gewässert, neuer, fruchtbarer Schlamm hatte sich abgelagert, und der Aussaat stand nichts mehr im Weg. Zwar wurden umfangreiche Instandhaltungsmaßnahmen an Kanälen und Erddämmen vorgenommen, doch es gab keine technische Weiterentwicklung. Die Bevölkerung Ägyptens und ihre Herrscher waren weiterhin den Launen des Nils unterworfen. Deutlich wurde dies insbesondere durch Hungersnöte und Epidemien gegen Ende des 18. Jahrhunderts, welche die Herrschaft der Mameluken schwächten.

      Es war völlig üblich, diese Rückständigkeit – oder den technologischen »Stillstand« – mit Religion und Kultur, mit einer Mischung aus »ägyptischem Fatalismus«, »islamischem Konservatismus« und Illusionen hinsichtlich kultureller Überlegenheit zu erklären. Doch die wichtigste Ursache dafür, dass man zu Zeiten Napoleons in vielen ägyptischen Dörfern noch immer so lebte wie in der Antike, kann nicht allein mit religiös-kulturellen


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