Hitler 1 und Hitler 2. Das sexuelle Niemandsland. Volker Elis Pilgrim
für den [Geschlechts]Verkehr mit Hitler erhalten haben soll. Das ist möglich; aber sie hatte kaum Gelegenheit dazu in dem Umfang, wie das ›Tagebuch‹ erkennen lassen möchte. Vielleicht auf dem Obersalzberg oder – nur für Stunden – in München.«
Andere Orte für ein Zusammenkommen zum Geschlechtsverkehr gab es laut Krause für Braun und Hitler nicht. Doch auch über dem Obersalzberg und München lässt Krause die Guillotine des Vielleichts hinuntersausen. Und das macht jemand, der Tag und Nacht mit Hitler zusammen war, der jedes Ausscheren seines Chefs aus der Herr-Knecht-Beziehung zum Zwecke eines anderen Kammer-Geschehens hätte bemerken und es daraufhin vom Vielleicht-Fragezeichen befreien müssen. Aber Krause ist nichts aufgefallen. Das Vielleicht kann dann nur jenseits seiner Wahrnehmung gelegen haben, hätte hinter seinem Rücken passiert sein müssen. So etwas gibt es bei Kammerdienern nicht, da sie auch von all dem wissen, was ihr Kammerherr in seiner Schlaf-Kammer treibt.
Gelegenheit macht keine Diebe
Krauses Treffsicherstes ist »Kaum Gelegenheit dazu«, zum [Geschlechts]»Verkehr mit Hitler« nämlich.
»Kaum Gelegenheit« bezieht sich nicht darauf, keine Gelegenheit gehabt zu haben, »von einzelnen Parteigrößen Instruktionen für den Verkehr mit Hitler [zu] erhalten«. Denn Eva Braun war monatelang auf dem Berghof oder in ihrem Münchener Haus ohne Hitler und daher täglich bereit, von den Parteigrößen GV-Instruktionen zu bekommen – allen voran vom eigentlichen Berghof-Chef, Reichsleiter Martin Bormann, der mit seinen zehn Kindern und einer ständigen Geliebten wusste, wie Mann’s macht. Bormann hatte sich sogar eines Nachts auf dem Berghof beim »fest-umschlungenen« Tanzen mit Eva Brauns jüngerer Schwester Gretl einen Abgang verschafft, der ihn mitsamt seiner Mittänzerin straucheln und zu Boden stürzen ließ, wie Zimmermädchen Anna es beobachtete. (Plaim/Kuch, S. 78)
Es gibt genug Zeugnisse der Hitler-Dienenden zu deren real betriebener Sexualität. Hitlers Leib-Umfeld war »blutjung« und hatte was zur Sexualität zu sagen. Wenn dann so viele junge Leute in Angelegenheit Hitlers passen und sich zu seiner Sexualität negativ äußern, summieren sich ihre Aussagen zum Beweis: »Da war nichts!«
Zimmermädchen Annas Gabe zur scharfen Beobachtung der männlichen Unterwärts-Vorkommnisse hatte Bormann so gewurmt, dass er nach einem Vorwand suchte, um die ihm unangenehme Zeugin seiner Umtriebigkeit loszuwerden. Einen solchen Vorwand fand er darin, dass Plaim-Mittlstrassers Vater regelmäßig in die Kirche ging, was auch in der Nazi-Endzeit eigentlich nicht verboten war. (a. a. O., S. 113)
Bormann kündigte dem Zimmermädchen Anna. Eva Braun und alle anderen Dienenden waren entsetzt, weil sie die 20/21-jährige Österreicherin sehr gern hatten. Eva Braun intervenierte bei Hitler, der in diesem Fall hart blieb. Bormann muss ihm Plaim-Mittlstrassers Eignung zur Realitäts-Abtastung intimer Details klargemacht haben, sodass es in Hitlers eigenem Interesse lag, die unüblich wache junge Beobachterin loszuwerden. Plaim-Mittlstrasser musste nach nur eineinhalb Jahren wieder gehen. Alle anderen jungen Mädchen und jüngsten Frauen verließen den Berghof nur zum Heiraten von Hitlers jungen Gefolgsmännern.
Das Gemeine bei der Filterung der Aussagen über Hitlers nicht existente Heterosexualität: Seine Umfeld-Zeugen geben ihre schärfsten Einzelheiten ohne »Hab Acht« mitten in einem Satzfluss preis. Bei Plaim-Mittlstrasser und Schaub war es schon so. Im Krause-Text ist es gleichermaßen die Crux. Mit Bibelstechen im Buch, mit Querlesen und Überfliegen ist Hitlers sexueller Realität nicht auf die Spur zu kommen.
Hitler-Zeugen-Wahrheiten zu seiner Heterosexualität zu destillieren heißt demnach, immerzu den Textzug anzuhalten: Stopp! Was steht denn hier plötzlich? Und bei Krause steht: Eva Braun hatte »kaum Gelegenheit« zum GV mit Adolf Hitler. Diesem Satzteil wird sofort auch noch die Potenzialität des Vielleicht nachgereicht: »Wenn, dann auf dem Berghof oder in München«.
Das Detail der Krause-Information »kaum Gelegenheit zum Verkehr mit Hitler« wird immer sensationeller, je länger es herausgelöst aus dem Ganzen dasteht und allein betrachtet wird. Es entlarvt einen führenden Widersinn: Auf dem Berghof sind extra zwei »Führer«-»Geliebten«-Schlafzimmer mit zwei Verbindungstüren zueinander und einem Kofferraum in ihrer Mitte gebaut worden – eine gesamte Innenarchitektur für die »Gelegenheit« des Geschlechtsverkehrs und zwar »jede Nacht, jede Nacht«, wenn Hitler auf dem Berghof weilte. Und gemäß Krause hätte es auch in dieser »Führer«-»Mätressen«-Suite »kaum Gelegenheit« gegeben, wo doch die »Gelegenheit« für »jede Nacht, jede Nacht« extra in Stein gehauen und liebevoll eingerichtet worden war.
In München hätte das »Kaum-Gelegenheit« seine Berechtigung haben können, waren dort doch »Führer« und »Mätresse« mit zwei verschiedenen Wohnungen voneinander getrennt. Und es mussten aufwendige Arrangements für eine »Gelegenheit« getroffen werden. (ORALO)
Aber auf dem Berghof, auf dem Eva Braun seit 1936 mehr oder weniger als demonstrierte Hausherrin thronte, war die »Gelegenheit« zu Architektur geworden.
Das ganze aufwendig in das Haus Wachenfeld eingebaute Intim-Raum-Gezimmere kracht mit Krauses »Kaum-Gelegenheit« zusammen. »Kaum Gelegenheit« ist in seiner Nacktheit entlarvender als platonisch. Bei platonisch kann sich ein Irrtum in der Wahrnehmung eines Verhältnisses eingeschlichen haben. Vornehmlich bedeckt gehaltene Beziehungen sind nicht leicht auf ihren sexuellen Realitäts-Kern zu durchschauen. Aber zu sagen, auch in der »Führer«-»Geliebten«-Suite, die extra gebaut worden war, hätte es »kaum Gelegenheit« zum GV gegeben, ist die Spitze.
Der fürs Praktische um den Leib Adolf Hitlers zuständige Kammerdiener Krause lässt mit einem Hinweis zur Praktizierung des Gechlechtsverkehrs zwischen Hitler und Braun das ganze Konstrukt »Wenn der ›Führer‹ mit der Eva Braun …« einstürzen.
Die Bemerkung Krauses ist der zweite Hinweis darauf, dass Hitler und Braun das Schlafzimmer-Nebeneinander während Hitlers Anwesenheit auf dem Berghof gar nicht benutzt haben. Einer der beiden Demo-Partner in diesem Verhältnis musste weichen, um nicht einmal Wand an Wand neben dem anderen zu schlafen.
Den ersten Hinweis darauf gab Berghof-Zimmermädchen Anna, als sie sagte: »hat nie jemand genau gewusst, wo er geschlafen hat«. (Plaim/Kuch, S. 108)
Es gibt noch einen dritten Hinweis auf die Praxis des Nicht-im-Nebenzimmer-Schlafens während Hitlers Aufenthalten auf dem Berghof. Dieser Hinweis wird bei der Auseinandersetzung mit den Widersprüchen in den Aussagen des anderen Kammerdieners, Heinz Linge, behandelt (AMORO).
Krauses Satzteil »kaum Gelegenheit« legt erst einmal die Ungeheuerlichkeit bloß: Die im Berghof eingebaute »Führer«-»Geliebten«-Zimmer-Zuordnung war ebenfalls nur eine Hetero-Show und nicht etwas, das die Gelegenheit zum ständigen Geschlechtsverkehr schaffen sollte.
Es erübrigt sich fast anzufügen: In der neuen Berliner Reichskanzlei war ebenfalls eine »Führer«-»Geliebten«-Zimmerflucht eingebaut worden, hier genannt »Arbeits- und Gäste-Zimmer«, deren Benutzung durch Hitler und Braun für gemeinsame schöne Stunden Kammerdiener Krause ganz ausschließt, indem er sagt: wenn »Gelegenheit dazu«, dann »vielleicht auf dem Berghof und in München«.
Und Adjutant Julius Schaub (15.) hatte Eva Brauns Aufenthalte in Berlin ja auch als nichts anderes als die Wiederholungen des Wartens beschrieben, von Nazi-»Frauschafts«-Mittagessen mit den Partnerinnen der Dienenden, von Sich-die-Zeit-Totschlagen mit Einkäufen des Sinnlosen.
Da »Tuchfühl«-Krause – der Hitler so nah war, dass sich beide für einige Zeit dieselbe Unterhose teilten (Krause, S. 31 f./30 f.) – die Reichskanzlei als Ort der Gelegenheit nicht einmal erwähnt und da die dortige »Führer«-»Gäste«-Suite bisher von niemand Ernstzunehmendem für die Frequentierung von Hitlers heterosexuellen Aktivitäten reklamiert wurde, kann diese Nicht-Möglichkeit sogleich als Nicht-Gelegenheit ad acta gelegt werden.
Rochus Misch berichtete von Eva Brauns unvermutetem Liegen im unabgeschlossenen Gästezimmer der Reichskanzlei an einem frühen Morgen in der zweiten Hälfte 1940, in das Misch wie immer hineingehen wollte,