Im Schattenkasten. Arno Alexander

Im Schattenkasten - Arno Alexander


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Ein Beamter muß auch sein Privatleben nach gewissen Vorschriften einrichten. Ich will damit nicht sagen, ob ich das für richtig oder falsch halte, ich stelle lediglich eine Tatsache fest.“

      „Und ich stelle die Tatsache fest, daß ich hier der Gastgeber bin“, erwiderte Flannagan zornig. „Und ich habe weder die New Yorker Polizei, noch einzelne ihrer Beamten zu diesem Abendessen eingeladen. Ich will damit nicht sagen, daß ich dieses Übergehen der Polizei für richtig oder falsch halte, — ich stelle lediglich eine Tatsache fest.“

      „Aber Mr. Flannagan!“ rief Tamara Harrogate vorwurfsvoll aus. „Sie drücken sich so — unklar aus, daß Mr. Bath auf den Gedanken kommen könnte, seine Anwesenheit sei uns unerwünscht.“

      Mr. Harrogate blickte gespannt auf Flannagan, und es war bestimmt das erstemal, daß er sich auf die nun zu erwartende grobe Antwort Flannagans freute. Ehe aber Flannagan dazu kam, diese grobe Antwort zu geben, — und nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, war damit tatsächlich zu rechnen, — erschien ein Kellner und eröffnete mit gedämpfter Stimme:

      „Ein Brief für Mr. Flannagan.“

      Flannagan nahm erstaunt den Brief in Empfang und besah mißtrauisch die Aufschrift. Sie lautete kurz und bündig:

      „Mr. Flannagan, Pennsylvania Hotel, Roof-Garden.“

      Der Brief mußte durch einen Boten abgegeben worden sein, denn es fehlten Briefmarke und Poststempel.

      Flannagan riß den Umschlag auf und vertiefte sich ins Lesen. Zweimal blickte er auf, — einmal, als die Musik einen neuen Tanzschlager anstimmte, ein zweites Mal sah er nachdenklich auf Mr. Bath und Miß Harrogate, die sich bereits lebhaft unterhielten. Es war ein langer Brief, und es dauerte eine geraume Weile, bis ihn Flannagan durchgelesen hatte. Dann nahm er sein Merkbuch aus der Tasche und schrieb sich etwas auf. Und dann — alle sahen ihn verwundert an — brannte er ein Streichholz an und hielt es unter den Brief. Eine Minute später war der Brief nur noch ein Häufchen Asche, das Flannagan auf einem Teller zerdrückte.

      „Da muß etwas geschehen“, sagte er entschlossen.

      „Was? Wie? Haben Sie etwas über meinen Sohn erfahren?“ fragte Harrogate aufgeregt.

      Flannagan schüttelte langsam den Kopf.

      „Über Ihren Sohn? Nein. Es ist überhaupt nichts von Bedeutung. Und nun, nach dieser kurzen Unterbrechung, wollen wir uns wieder ganz dem Vergnügen widmen. Ist das nicht ein herrlicher Abend? Der ganze Himmel mit Sternen besät!“

      Tom begriff sofort, und er wurde rot vor Aufregung.

      „Sterne … Sterne …“ stotterte er. „Ick finde dat ebenfalls jroßartig! Und überhaupt — Gastronomie! Wat janz Herrliches! Nu guckt euch mal det Bild an: lauter Sterne Sterne — wie Pfannkuchen auf ’ner Wäscheleine.“

      Harrogate sah sprachlos den stammelnden jungen Mann an, seine Tochter aber hatte sich an einem Bissen verschluckt und hustete krampfhaft.

      „De Menschheit befindet sich in trauriger Unwissenheit darüber, wat eijentlich mit de Sternenwelt in Verbindung steht und auf sich hat“, fuhr Tom etwas geläufiger fort. „Zum Beispiel Sie, Mr. Bath! Sie sind ’n Japaner — brauchen Se mir jar nich zu bestätjen — sehe ick mit Kennerblick auf zehn Schritt Entfernung. Se stammen also, wie man so scheen sagt, aus’m Land der aufjehenden Sonne. Aber wat kennen Sie mir zum Beispiel über de Venus erzählen?“

      Tamara Harrogate sah Bath so vergnügt an, daß er sich nicht im geringsten gekränkt fühlte.

      „Sehr wenig“, sagte er betrübt. „Die Venus? Nun, das ist so ein runder Stern — — —“

      „Da ham wirs!“ rief Tom erzürnt. „’n runder Stern? Erstens is se kein Stern, sondern ein Pa … Pa … Planet, der sich immerzu um de Sonne kreiselt. Aber feste! Zweitens — rund? Ihr Kopf is rund, aber de Venus is plattjedrückt, nich sehr, aber doch!“

      Am Nebentisch hatte man diesen Erklärungen sehr aufmerksam gelauscht. Das bewies das unbändige Lachen, das plötzlich von dort aus Toms Rede beantwortete. Mr. Harrogate wandte sich heftig um und wurde plötzlich bleich.

      „Mr. Flannagan“, sagte er leise, und seine Stimme zitterte vor Erregung. „Dort am Nebentisch sitzt Mr. Grawes, mein Konkurrent!“

      „Nun und?“ fragte Flannagan zurück. „Was geht das mich an?“

      „Aber verstehen Sie denn nicht?“ stöhnte Harrogate. „Ihr Freund mit seinen Reden macht mich doch unmöglich!“

      „Wenn Sie sich meiner Freunde schämen, hätten Sie meine Einladung nicht annehmen dürfen“, sagte Flannagan abweisend. „Ich jedenfalls schäme mich meiner Freunde nicht.“

      Harrogate hörte schon nicht mehr auf Flannagan. Ein anderes Ereignis nahm jetzt seine Aufmerksamkeit in Anspruch.

      Tom, der wohl gemerkt hatte, daß man ihn am Nebentisch auslachte, hatte sich von seinem Platz halb erhoben und starrte drohend und herausfordernd einen älteren, rundlichen Herrn an, der sich am lustigsten von allen gebärdete. Das war gerade Mr. Grawes.

      Wat hat denn der Kerl mit dem Wasserkopp da zu grinsen!“ rief Tom plötzlich laut aus. „He, du! Wenn de nicht glaubst, daß de Venus plattjedrückt is, kann ick’s dir ja an deiner Kartoffelnase vormachen, wie plattjedrückt se is.“

      Nach diesen Worten trat eisiges Schweigen ein. Es war klar, daß jetzt irgend etwas geschehen mußte. Aber was? Das schien niemand zu wissen — weder an diesem Tisch noch am Nebentisch.

      „Wir wollen uns unseren gemütlichen Abend nicht stören lassen“, sagte Bath plötzlich sehr ruhig und stand auf. Er trat höflich auf Mr. Grawes zu und reichte ihm eine Karte. Daraufhin kam eine Unterhaltung in Gang, die ziemlich erregt zu sein schien. Sodann aber wurde Mr. Grawes auf einmal sehr freundlich und verneigte sich mehrmals vor Bath.

      Nach zwei Minuten saß Bath wieder auf seinem Platz.

      „Meine Damen und Herren“, sagte er freundlich. „Mr. Grawes bittet vielmals um Entschuldigung und erklärt, daß er durchaus nicht über Vorgänge an unserem Tisch gelacht habe. Die launige Anrede dieses Herrn“ — und er deutete auf Tom — „nimmt er durchaus nicht übel, da er Humor über alles liebt.“

      Langsam kehrte in Harrogates bleiches Gesicht die Farbe wieder.

      „Ich danke Ihnen, Mr. Bath“, sagte er leise und seufzte erleichtert auf. „Aber würden Sie mir vielleicht verraten wie Sie das angefangen haben? Dieser Mr. Grawes ist nämlich die Bosheit selber.“

      „Das war gar nicht schwer“, erwiderte Bath liebenswürdig. „Ich erzählte ihm nur, daß ich einen Freund habe, der Steuerinspektor ist. Mr. Grawes scheint sehr große Stücke auf diesen Freund zu halten.“

      Harrogate lachte, er lachte wirklich von Herzen, und nur eine Sorge trübte in diesem Augenblick seine Freude: Ob nicht zuletzt doch noch Mr. Grawes lachen würde.

      Die Musik begann erneut zu spielen, und Hubert, der Mann, an dessen Weste schon zwei Knöpfe fehlten, stürzte davon. Es unterlag nicht dem geringsten Zweifel: Er hatte die löbliche Absicht, die Gattin des englischen Gesandten zu einem Tänzchen aufzufordern.

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