Das vernetzte Kaiserreich. Jens Jäger

Das vernetzte Kaiserreich - Jens Jäger


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1902 und 1903 neue Stadtteile hinzu – das war typisch für alle Großstädte. Daher war der Ausbau der regionalen und städtischen Infrastruktur bedeutsam. Die Urbanisierung wurde damit unübersehbar. Jeder konnte sie im Alltag beobachten oder war selbst Teil davon.

      Die Mobilität der Deutschen äußerte sich auch in häufigen Wohnungswechseln. Das zeigen beispielsweise hohe Umzugszahlen innerhalb von Städten. Die Familie des damals recht bekannten Schriftstellers Julius Lohmeyer (1835–1903), der aus dem schlesischen Neisse stammte, zog zwischen 1880 und 1903 acht Mal innerhalb des Großraums Berlin um. Noch häufiger zogen alleinstehende junge Männer und generell Angehörige der Unterschichten um; besonders in den schnell wachsenden Städten fehlte es überall an Wohnraum, und die Wohnverhältnisse waren mehr als beengt.

      Städte waren Laboratorien des Zusammenlebens. In ihnen ergaben sich zahlreiche neue Möglichkeiten. Das betraf nicht allein die Aussicht auf Arbeitsplätze oder Ausbildungsmöglichkeiten und zivilgesellschaftliches Engagement – etwa in Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen. Die Kommunen bemühten sich auch oft um bessere Lebensbedingungen und mehr Komfort im Alltag. Sie sorgten für zentrale Gas- und Wasserversorgungen, organisierten die Abfall- und Abwasserbeseitigung, verminderten die Staubentwicklung durch Besprengung der Straßen mit Wasser oder installierten Straßenlaternen. Auch boten Städte ein breiteres kulturelles Angebot, in dem für jeden Geldbeutel etwas dabei war. Aber sie bargen auch Probleme, die durch schnelles Wachstum entstanden waren, etwa mangelhafte Hygiene und Ernährung sowie bedenkliche Wohnbedingungen bzw. soziale Zustände. Die große Choleraepidemie in Hamburg 1892/93 mit 8600 Toten machte das drastisch klar. Hamburgs Frisch- und Abwassersystem war veraltet, und die engen Wohnverhältnisse in Hafennähe begünstigten die Verbreitung von ansteckenden Keimen. Zehn Tage nach dem Ausbruch der Krankheit wurde Robert Koch (1843–1910) in die Hansestadt entsandt und veranlasste dort umfangreiche Quarantänemaßnahmen, zu denen Schulschließungen und das Verbot von Versammlungen gehörten. Erst jetzt wurde in Hamburg der Vorläufer des heutigen Gesundheitsamts der Stadt gegründet, das Hygienische Institut. In dieser Hinsicht hinkte die Stadt der Reichsregierung gewaltig hinterher, die bereits 1876 das Kaiserliche Deutsche Gesundheitsamt ins Leben gerufen hatte, in das Robert Koch 1880 als Geheimer Rat berufen worden war. Es hatte beratende Funktion und sammelte zahlreiche gesundheitsrelevante Daten für das gesamte Reichsgebiet.

      Die Urbanisierung war Teil der Binnenwanderung, die aber keineswegs nur in die Städte führte, sondern fast wie ein Kreislauf funktionierte. Sehr viele Menschen verließen im Kaiserreich ihren Geburtsort, um anderswo zu arbeiten und dort gegebenenfalls auch sesshaft zu werden. Viele kehrten aber auch wieder in ihre Heimat zurück. Es gab »Push-Faktoren«, also jene, die die Menschen vertrieben, und »Pull-Faktoren«, die zur Einwanderung in bestimmte Regionen verlockten. Man kann auch sagen, dass auf der einen Seite tatsächliche oder gefühlte Not und Perspektivlosigkeit, auf der anderen tatsächliche (oder gefühlte) Chancen und Perspektiven ausschlaggebend waren.

      Beides wirkte bei den Wanderungsbewegungen zusammen. Wichtig war die Nahwanderung vom Land in die nächstgrößere Stadt bzw. in den nächsten Industrieort. Das hatte viel mit den Phänomenen zu tun, die auch für die Auswanderung verantwortlich waren, nämlich Armut, dem Mangel an gut bezahlten Arbeitsplätzen und allgemeiner Perspektivlosigkeit. Auch wenn bereits Bekannte oder Familienangehörige in die fragliche Stadt gezogen waren, mochte das den Aufbruch erleichtern. Dabei spielten der Ausbau der Eisenbahnverbindungen und die abnehmenden Fahrpreise ebenfalls eine Rolle.

      Ein auffälliges und gut erforschtes Beispiel ist das Wachstum des Ruhrgebiets. Viele der dortigen Industriestädte verdankten ihr Wachstum der Nahwanderung aus der Umgebung – so wurden aus Dortmund und Essen Großstädte oder aus Industriedörfern Städte. Das Muster des Ruhrgebiets zeigte sich aber auch in vielen anderen Regionen: Generell wuchs die urbane Bevölkerung stärker als die Gesamtbevölkerung. Da die Geburtenraten in Städten teils abnahmen, ist überdeutlich, dass es sich dabei oft um Wanderungs- und Eingemeindungsgewinne handelte.

      Generell verschob sich die Bevölkerung allmählich gen Westen. War zu Anfang der 1870er Jahre der Osten noch relativ bevölkerungsreicher als der Westen gewesen, kehrten sich die Verhältnisse alsbald um. Die Zuwachsraten waren ebenfalls unterschiedlich. Der Osten des Kaiserreichs wuchs langsamer als der Westen, d. h., mittelfristig wurde der Westen immer bedeutender. Deutschland (oder besser: die Deutschen) rückten westwärts.

      Das zeigte sich schlaglichtartig bei einer Erfassung von Herkunftsregionen aus dem Jahr 1907: Ostdeutschland hatte fast 2 Millionen Menschen verloren. Leichte Verluste hatten Süddeutschland und Mitteldeutschland zu verzeichnen. Größter Nettogewinner war der Raum Berlin/Brandenburg mit einem Zuwachs von 1,2 Millionen Menschen. Westdeutschland war der nächstfolgende Gewinner mit einem Plus von etwa 640 000 Personen. Nordwestdeutschland und Hessen verbuchten leichte Zuwächse.

      Zuerst wanderten eher gut ausgebildete Personen von Ost nach West, später waren es zunehmend Arbeiter. Die Ziele waren oft nach Herkunftsorten differenziert: Aus Pommern und Mecklenburg ging man eher in den Hamburger Raum; von den ostelbischen Provinzen aus wurde eher Berlin oder Sachsen angesteuert; seit den 1890er Jahren dann zunehmend das Ruhrgebiet. Während Arbeiter und Unterschichten wanderten, um überhaupt in Lohn und Brot zu kommen, weil es am Herkunftsort kaum und andernorts vermeintlich bessere Chancen gab, war die (zahlenmäßig allerdings sehr viel unbedeutendere) bürgerliche Wanderung oft unmittelbar mit sozialem Aufstieg verbunden.

      Das gilt für die Auswanderer ebenso wie für die Binnenmigranten (nah und fern). Insgesamt war die Bevölkerung also mobil, und die Erfahrung einer dynamischen Entwicklung teilten viele Menschen miteinander (zumindest zeitweise).

      Die Mobilität machte nicht vor Staatsgrenzen Halt. Die deutschsprachigen Länder waren schon vor 1871 traditionelle Auswandergebiete gewesen. Das beliebteste Ziel waren die USA, alle anderen Länder – auch innerhalb Europas – folgten mit weitem Abstand. Den Ausschlag für eine solche Entscheidung gaben sowohl ökonomische als auch soziale oder politische Gründe, auch diesbezüglich wirkten Push- und Pull-Faktoren zusammen.

      Die zweite Hälfte der 1870er Jahre war geprägt von geringerer Auswanderung – den niedrigsten Stand verzeichnete das Jahr 1877, in dem gerade einmal 23 000 Menschen das Land verließen – da die Wirtschaftskrise der 1870er auch die USA erfasst hatte, war ein Neuanfang dort in dieser Zeit kaum verheißungsvoll. Zumeist waren es ganze Familien, die dennoch ihre Heimat verließen, und sie kamen mehrheitlich aus den östlichen Teilen des Landes.

      Die Zahlen stiegen nach Ende der 1870er Jahre wieder sprunghaft an und erreichten 1881 den Höchststand im 19. Jahrhundert überhaupt mit über 220 000 Personen, das waren fast 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Verglichen mit den Auswandererzahlen der Gegenwart ist das allerdings relativ wenig. Seit den 1990er Jahren lag diese Zahl in jedem einzelnen Jahr immer mindestens um das Zweieinhalbfache höher, auch relativ zur Gesamtbevölkerung betrug sie stets über 0,5 Prozent. Aber kehren wir zurück ins Kaiserreich: Nach 1893 nahm die Auswanderung ab, wofür die sich verbessernde wirtschaftliche Lage im Kaiserreich und eine restriktivere Einwanderungspolitik der USA ausschlaggebend waren. Zudem wanderten nun mehr Einzelpersonen als Familien aus. Zwischen 1871 und 1890 verließen insgesamt 1,9 Millionen Menschen Deutschland; bis 1914 folgten noch einmal rund 900 000. Insgesamt gingen also etwa 2,8 Millionen Menschen ins Ausland.

      Das wichtigste Zielland waren die USA, die fast 96 Prozent der Auswandernden ansteuerten. Offenbar stellten sie tatsächlich ein Land der Verheißung dar, die Vereinigten Staaten lockten die Menschen aber auch durch die bereits vorhandene deutsche Infrastruktur. Die meisten deutschen Auswanderer steuerten ein Gebiet an, das geographisch grob von New York bis in den mittleren Westen der USA reichte und in dem es bereits viele deutschsprachige Einwohner gab. In Städten wie Cincinnati besaß über die Hälfte der Einwohner einen direkten »deutschen Migrationshintergrund« (und in mehreren nordamerikanischen Städten existierten große deutsche Kolonien). Dass bereits Menschen aus der Heimat vor Ort waren, erleichterte den Neuanfang in einem fremden Land erheblich, zumal gut funktionierende Netzwerke diesseits wie jenseits des Atlantiks die Migration förderten.

      Andere Ziele waren Lateinamerika mit Brasilien als zweitattraktivstem Ziel für deutsche Auswanderer (rund 2 Prozent gingen dorthin) und Australien, das etwa 0,9 Prozent der deutschen Auswanderer aufnahm – das waren wesentlich mehr als die Menschen,


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