Die Geheimnisse von Paris. Эжен Сю

Die Geheimnisse von Paris - Эжен Сю


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dem Leben trachtete. Als dies ruchbar wurde, ließ Hoheit sie lebenslänglich einsperren, und zwar, wie auch schon bemerkt, auf der Festung Gerolstein. Jetzt hat es Durchlaucht beliebt, sie freizulassen – zu ihrem Staunen, Herr Baron, und zum meinigen nicht minder. Aber – es ist über unsrer Unterhaltung spät geworden. Hoheit wünscht, daß so schnell wie möglich ein Kurier nach Gerolstein abgehe.« – »Sehr wohl, lieber Murph,« sagte der Baron, den Hut vom Tische nehmend, »empfehlen Sie mich bei Hoheit aufs wärmste und vergessen Sie nicht, daß heut abend Ball im ***schen Gesandtschaftshotel ist. Hoheit will selbst anwesend sein ...« –

      »Heute abend?« fragte Murph: »ach, richtig, Herr Baron! Nun, ich komme, wenn es auch etwas spät werden dürfte, denn meines Wissens will Hoheit noch heute das mysteriöse Haus in der Rue du Temple besichtigen.«

      Dritter Teil.

      Erstes Kapitel. In der Rue du Temple.

      Noch am selben Tage, an dem die Besprechung des Barons Graun mit Murph stattgefunden, bei trübem Wetter, in der dritten Nachmittagsstunde, begab sich Rudolf in die Rue du Temple. Die Stube des Portiers lag am Fuße einer finstern, feuchten Treppe. Selbst bei Tage mußte eine Lampe brennen, um die dunkle Höhle zu erhellen. Rudolf trug eine Kleidung, die ihn wie einen Kommis im Werkeltagsanzuge erscheinen ließ. Mit dem Wunsche, das Zimmer anzusehen, das in dem Hause zu vermieten stand, trat er in die durch eine Lampe, die hinter einer mit Wasser gefüllten Glaskugel stand, matt erhellte Stube. Schon daran hätte sich erkennen lassen, daß der Pförtner dem edlen Schuhmacherhandwerk angehörte; allen Zweifel hieran hob aber der häßliche Ledergeruch, welcher in der Stube herrschte, und die große Menge alten Schuhzeugs, das der ausbessernden Hand des Pförtners harrte.

      Pipelet – wie der flickschusternde Pförtner hieß – war im Augenblick nicht zur Stelle, sondern wurde durch seine Frau vertreten, die ganz sicher die häßlichste, schmutzigste, keifigste, giftigste aller Pariser Pförtnerfrauen der damaligen Zeit war.

      »Das Zimmer, nach welchem Sie fragen,« entgegnete die Frau mürrisch auf Rudolfs Frage, »liegt im vierten Stock, kann aber momentan nicht besichtigt werden, denn mein Mann ist ausgegangen.« – »Wenn Sie nichts dawider haben,« versetzte Rudolf, »werde ich ein Weilchen warten. Ich möchte das Zimmer gern haben. Stadtteil und Straße gefallen mir, und das Haus auch, denn soviel man sehen kann, wird es sehr sauber gehalten. Ich möchte auch gleich fragen, ob Sie die Aufwartung für mich übernehmen möchten.« – Frau Pipelet fühlte sich durch die Lobreden über die Wirtschaft, die im Hause herrschte, nicht wenig geschmeichelt, und erklärte, für 6 Franks monatlich die Aufwartung gern besorgen zu wollen. Auf Rudolfs Frage, wie teuer das Zimmer sei, erwiderte Frau Pipelet: »Mit Schlafkabinett 150 Franks. Es ist das äußerste. Herr Rotarm, der Wirt, ist ein sehr genauer Herr. Er wohnt in der Rue des Poix und hat auch ein Restaurant in den Champs-Elysées.« – »Ich denke, das Haus gehört einem Herrn Bourdon?« – »Das kann sein,« versetzte Frau Pipelet, »wir haben es aber nur mit Herrn Rotarm zu tun, der die Mieten einkassiert, auch über die baulichen Veränderungen, die hin und wieder von nöten sind, das entscheidende Wort spricht.« – Um sich ganz in das Vertrauen der Pförtnersfrau einzuschleichen, bat er sie, aus der nächsten Destillation eine Flasche vom »Besten« mit drei Gläsern zu holen, und gab ihr dazu ein Hundertsousstück. Darob funkelte die Nase der Biederfrau flugs in allem Glanze des Schnapsdurstes, und mit den Worten: »Ihnen muß man ja auf der Stelle gut sein,« verließ sie die Stube.

      Als Rudolf allein war, konnte er nicht umhin, sich mit dem wunderlichen Zufalle zu befassen, der ihn abermals mit Rotarm zusammenbrachte. Was ihn am meisten wunderte, war, daß Germain sich ein ganzes Vierteljahr in diesem Hause hatte aufhalten können, ohne von Bakels Komplizen entdeckt zu werden, die doch mit Rotarm in Verbindung standen. Da pochte ein Briefträger ans Fenster und gab mit der Bemerkung, daß er drei Sous zu fordern habe, zwei Briefe herein. Ein Brief, stark nach Moschus riechend, war an Frau Pipelet gerichtet und zeigte auf dem roten Siegel zwei Buchstaben: C. R., mit einem Helm darüber auf einem gesternten Schilde des Kreuzes der Ehrenlegion. Die Adresse war mit fester Hand geschrieben. Rudolf schloß hieraus, daß sie von keiner Frauenhand herrühre. Der andere Brief war nur mit einer Oblate zugemacht; er trug die Aufschrift: »An Herrn Zahnarzt Cäsar Bradamanti,« in offenbar entstellten Buchstaben. Rudolf meinte, er müsse einen traurigen Inhalt haben, zumal an einigen Stellen deutliche Spuren von Tränen auf dem gewöhnlichen grauen Papiere zu sehen waren.

      Frau Pipelet kam mit einer Flasche Likör und drei Gläsern zurück ... Rudolf gab ihr die beiden vom Briefträger dagelassenen Briefe ... Einen Blick auf den nach Moschus duftenden werfend, sagte sie: »Oho! Fein satiniertes Papier? Ist am Ende gar ein Liebesbrief. Aber – wer könnte sich herausnehmen ...« sie schwieg ein Weilchen; dann rief sie: »Richtig, Jetzt hab ichs! Von dem Kommandanten kommt er, von niemand sonst! Der andere? Hm, der interessiert mich wenig; er gehört dem windigen Zahnbrecher im dritten Stocke ... Sie könnten mir doch den an mich gerichteten vorlesen, junger Herr! Wollen Sie so liebenswürdig sein?« – »Sehr gern,« antwortete Rudolf, dem es nicht unlieb war, auf diese Weise zu erfahren, mit wem die Frau in Briefwechsel stand ... »Morgen um elf Uhr wird man in den beiden Stuben Feuer anmachen, die Spiegel putzen, die Kappen von den Stühlen abziehen. Hierbei ist aber darauf zu achten, daß die Vergoldung an den Möbeln nicht beschädigt werde! Sollte ich noch nicht da sein, wenn um ein Uhr ein Fiaker kommt und nach mir als Herr Karl fragt, so soll man die Dame in die Wohnung hinaufgehen lassen, aber die Schlüssel wieder mit hinunter nehmen und mir behändigen, wenn ich selbst komme.«

      Rudolf begriff auf der Stelle, um was es sich handelte, trotzdem der Brief nicht besonders geschickt gefaßt war. Er fragte die Frau: »Wer wohnt denn im ersten Stock?« – Darauf legte die Alte den gelben, dürren Finger auf ihre Hängelippe und antwortete mit einem Lächeln, das schelmisch sein sollte: »Hm, Liebesaffären, Liebesaffären!« Sie schien erst weiter nichts sagen zu wollen, besann sich dann aber anders und fuhr fort: »Was ich davon weiß, kann ich Ihnen ja sagen, zumal es nicht eben viel ist. Es mag etwa sechs Wochen her sein, da sah sich ein Tapezier das erste Stock an, das gerade zu vermieten stand, fragte, was es kosten solle, und kam alsbald mit einem stattlichen jungen, blonden Herrn wieder, den er als Kommandant anredete. Der Herr trug das Kreuz der Ehrenlegion und sehr feine Wäsche, auch einen kleinen zierlichen Schnurrbart. Ihm gefiel alles, und am andern Tage wurde der Vertrag mit Rotarm geschlossen. Der Tapezier bezahlte die Miete auf ein halbes Jahr voraus und möblierte die Wohnung auf das feinste. Als alles fertig war, kam der junge Herr wieder, erklärte sich in jeder Hinsicht zufrieden und sagte zu Alfred, meinem Manne: »Ich werde nicht allzu oft hier sein, nehme aber an, daß Sie alles imstande halten und, wenn ich Ihnen meine Ankunft anzeige, die nötigen Vorkehrungen treffen werden?« – »Selbstverständlich, Herr Kommandant!« erwiderte mein Mann, forderte dafür monatlich zwanzig Franks, aber der junge Herr handelt wie ein Jude, und so haben wir uns auf zwölf Franks monatlich geeinigt.« – »Ist der Herr seitdem schon dagewesen?« fragte Rudolf. – »Das ist eben das Merkwürdige an der ganzen Geschichte. Es scheint, als wenn der junge Herr Kommandant niederträchtig an der Nase herumgeführt würde. Schon dreimal hat er wie heut geschrieben und befohlen, Feuer anzumachen und die Betten zu überziehen, da eine Dame kommen werde; aber wer niemals kommt, das sind die – Damen!«

      »Aber der Herr kam?« – »Ja. Das erste Mal war er ganz vergnügt und wartete zwei volle Stunden. Beim zweiten Male kam wenigstens ein Dienstmann mit einem Billet an Herrn Karl ... »Herr Kommandant,« sagte ich, als ich ihm das Billet behändigte, »heute scheints wieder nichts zu werden.« – Da guckte er mich groß an, machte den Brief auf, las ihn und sagte: »Daß heute niemand kommen werde, habe ich ja schon voraus gewußt.« Beim dritten Male dachte ich wirklich, daß es zu etwas kommen werde; mit freudestrahlendem Gesichte kam der Kommandant und schien seiner Sache mehr als sicher zu sein. Nicht lange, so fuhr ein Fiaker vor, der Kutscher sprang vom Bocke und öffnete den Schlag; wir sahen eine Dame mit einem Muff auf den Knien und einem schwarzen Schleier vor dem Gesicht. Sie hielt das Taschentuch vor den Mund, und mir war es, als ob sie weinte. Kaum hatte auch der Kutscher den Schlag heruntergelassen, als sie sich zu ihm beugte und ein paar Worte sprach, worauf er verwundert den Schlag wieder zuwarf. – Beide Hände vor das Gesicht drückend, legte sie sich in den Wagen zurück, ich aber konnte mich in meinem


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