Beethoven. Peter Wehle

Beethoven - Peter Wehle


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Glauben schenken darf.

      Und sehr ernst sei sie gewesen. Cäcilia, Gottfrieds um 18 Jahre ältere Schwester, „wußte sich nie zu erinnern, daß sie Madam van Beethoven hätte lachen sehen, immer war sie ernsthaft“. Abgesehen davon gab es über ihren Charakter nur zarte Andeutungen: Fromm, sanft und gutmütig, aber auch aufbrausend sei sie gewesen. Und trotzdem habe sie sich im sozialen Umgang sehr geschickt gezeigt und den Haushalt sparsam geführt.

      Es blieb ihr, angesichts von sieben Geburten und eines Immer-mehr-Alkoholikers, wohl nichts anderes übrig.

      Sieben Geburten zwischen April 1769 und Mai 1786, zwischen ihrem 23. und 39. Lebensjahr – dass Maria Magdalena van Beethoven am 17. Juli 1787 in ihrem 41. Lebensjahr „an der Schwindsucht“ starb, war nicht unerwartet, geschweige denn eine ungewöhnliche Tragödie. Und doch traf ihr Tod den damals 16-jährigen Ludwig unvermittelt und heftig, wohl auch, weil er mit ihr seine wichtigste Verbündete gegen den Vater verloren hatte. Kein Wunder, dass er nach seiner ersten Wien-Reise am 15. September 1787 an Joseph Wilhelm von Schaden, einen Augsburger Vertrauten, schrieb:

      „Hochedelgeborner, insonders werter Freund!

      […] Ich muß Ihnen bekennen: daß, seitdem ich von Augsburg hinweg bin, meine Freude und mit ihr meine Gesundheit begann aufzuhören; je näher ich meiner Vaterstadt kam, je mehr Briefe erhielt ich von meinem Vater, geschwinder zu reisen als gewöhnlich, da meine Mutter nicht in günstigen Gesundheitsumständen wäre; ich eilte also so sehr ich vermochte, da ich doch selbst unpäßlich wurde; das Verlangen, meine kranke Mutter noch einmal sehen zu können, setzte alle Hindernisse bei mir hinweg und half mir die größten Beschwernisse überwinden. Ich traf meine Mutter noch an, aber in den elendesten Gesundheitsumständen; sie hatte die Schwindsucht und starb endlich ungefähr vor sieben Wochen, nach vielen überstandenen Schmerzen und Leiden. Sie war mir eine so gute liebenswürdige Mutter, meine beste Freundin; o! wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen Mutter aussprechen konnte, und er wurde gehört, und wem kann ich ihn jetzt sagen? Den stummen ihr ähnlichen Bildern, die mir meine Einbildungskraft zusammensetzt? So lange ich hier bin, habe ich noch wenige vergnügte Stunden genossen; die ganze Zeit hindurch bin ich mit der Engbrüstigkeit behaftet gewesen, und ich muß fürchten, daß gar eine Schwindsucht daraus entsteht; dazu kommt noch Melancholie, welche für mich ein fast ebenso großes Übel als meine Krankheit selbst ist.“

      Spätestens mit dem Tod der Mutter endete der letzte Rest der Kindheit, die Beethoven ohnehin kaum je kennengelernt hatte.

      Zu Beginn der Ehe von Johann und Maria Magdalena van Beethoven schien noch alles einen normalen, kleinbürgerlichen Weg zu gehen. Nach Geburt und Tod des ersten kleinen Ludwig im April 1769 bot sich den Eltern die Freude, drei Söhne überleben und aufwachsen zu sehen. Am 17. Dezember 1770 wurde der zweite kleine Ludwig – „unser“ Beethoven – getauft, sein Bruder Kaspar Anton Karl folgte am 8. April 1774. Ziemlich genau zweieinhalb Jahre später erblickte Nikolaus Johann van Beethoven das Licht der Welt – zu beiden Brüdern sollte Beethoven zeitlebens eine enge, wenn auch problematische Beziehung haben.

      Ebenfalls 1770 ergab sich für Johann van Beethoven die Möglichkeit eines Wechsels weg von Bonn an die Lütticher Lambertuskathedrale, wo schon sein Vater eine der ersten Stufen seiner Karriereleiter erklommen hatte. Doch aufgrund des kurfürstlichen Widerstands blieb es bei dem Wunsch. Johann, seine Familie und damit auch sein Sohn Ludwig blieben in Bonn.

      Nur kurz … ein Gedankenspiel. Wäre Ludwig van Beethoven in Lüttich geboren, erzogen, musikalisch sozialisiert worden und hätte von dort aus seine Karriere gestartet – wäre er „unser“ Ludwig van Beethoven geworden? Oder doch ein ganz anderer? Ein anderer … ja. Aber kein ganz anderer. Denn um ein Genie zu werden, bedarf es zweierlei: der genetischen Ausstattung und der umgebenden Bedingungen. In erstere Kategorie fällt neben der alles überstrahlenden Genialität vor allem eine Eigenschaft, die die Ortsunabhängigkeit eines Genies garantiert: sein Fleiß. Und letztere Kategorie hing bei Beethoven nicht mit geografischen Koordinaten zusammen, denn die für ihn entscheidende Umgebung war … sein Vater, und der hätte sich wohl in Lüttich ähnlich verhalten.

      Denn Johann van Beethoven wusste, dass er vieles nur dank seines Vaters erreicht hatte. Schlimmer noch: dass er vieles davon durch seinen weindurchtränkten Lebenswandel zunichte zu machen drohte. Aber jetzt hatte sich ihm eine zweite Chance eröffnet, es besser zu machen, denn es war sein Sohn, der extrem musikalisch war, sein Sohn, mit dem er der Welt zeigen konnte, wozu er selbst nicht imstande gewesen war: aus diesem Kind einen berühmten Musiker, vielleicht sogar ein Wunderkind zu formen. Was dieser Leopold Mozart mit seinem Wolfgang geschafft hatte, würde ihm doch ebenso gelingen.

      Schule? Wozu?

      Wie Lutwig v: Beethoven was angewacksen war, ging er in die Neüstraß […] bey Herr Lehrer Huppert in die Elimentar Schule, auch nachher in die Münster Schul gegannge, er hat nach seinem Vater aussage nicht viel in der Schule erlärrent, deßwegen hat ihn sein Vater so frühe an das Klavier gesetzt und ihn stränng angehalten. Cicilia Fischer bezeüge, wie sein Vater ihn am Klavier anführte, muß er auf einem kleine Bännkgen stehe und spiele.“

      Es sind wieder Gottfried Fischers ungelenke Zeilen, die uns Johann van Beethovens Bildungsbewusstsein näherbringen. Wissen ist was für Loser, Wunderkinder sind Winner.

      Und was ein Wunderkind war, schien Johann van Beethoven genau zu wissen. Eine Reproduktionsmaschine – je jünger die Hände waren, die flink über die richtigen Tasten sausten, um bekannte Werke dem erstaunten Publikum darzubringen, desto schneller würden sich seine – seines Sohnes sowie seine – Ehre und Karriere vermehren.

      Kleine Hände, großer Ruhm! Aber das bezog sich eben nur auf das Spielen beliebter Werke, nicht auf die – zugegebenermaßen musikalisch nicht allzu raffinierten – Tonschöpfungen eines Volksschulkindes. Ludwig sollte üben, aber nicht seinen schöpferischen Neigungen nachgehen.

      „Lutwig v: Beethoven erhielt weider auch Täglich Lehrstunde auf der Fiolin. Lutwig spielte mal ohn Nohten, zufällig kam sein Vater herrein, sagt, was kratz du da nun wider Dummes Zeüg durcheinander, du weis das ich das gar nicht leiden kann, kratz nach den Nohten, sonst wird dein kratzen wenig nutzen. […] er spielte wider nach seinem Sinn ohn Nohten, da kam sein Vater herrein, höhrs du dann gar nicht auf nach alle meine Sagen, er spielte wider, sagt zu seinem Vater, ist denn das nicht schön, sagt sein Vater, das ist nur was anders, allein aus deinem Kopf, dafür bist du noch nicht da, befleißige dich auf dem Clavir und Fiolin, mach schwinnt richtige angriff auf die Nohten, da ist mehr an gelegen. Wenn du es mal so weit gebracht hast, dann kanz du und muß du mit Kopf noch gnug arbeiten, aber dafür geb dich getz nicht damit ab, du bist noch nicht dafür da.“

      Manche meinten, diese – nicht nur freiwillige – ausschließliche Beschäftigung mit Musik habe wesentlich zu Beethovens misanthropischem Wesen beigetragen, da er „außer Musik nichts verstehe, was zum geselligen Leben gehöre“. Und diese Einschränkung habe sich auch in der Schule gezeigt, wenn man einem ehemaligen Mitschüler Glauben schenkt: „Luis van Beehoven, dessen Vater beim Kurfürsten als Hofsänger angestellt war. […] Luis v. B. zeichnete sich ganz besonders durch Unsauberkeit, Vernachlässigung u.s.w. aus. Von den genialen Funken, die er später so reichlich sprühete, entdekte damals niemand eine Spur.“

      Bei genauerer Betrachtung erweisen sich zwar manche dieser Quellen als etwas wackelig, trotzdem runden sie das Bild eines Knaben ab, der aufgrund der familiären Umstände nicht wie andere – geliebte, gut gepflegte – Kinder aufwachsen konnte, durfte. Wie stark Beethovens spätere innere Zurückgezogenheit und Lebensbrüche abseits der Taubheit bereits in seiner Kindheit angelegt wurden, kann nur schwer beantwortet werden. Dass ihn aber seine Bildungsdefizite – allen voran sein Unvermögen im Umgang mit Zahlen – bis zum Tod behindert und verstört haben, zeigen nicht nur skurril-tragische Passagen in seinen Briefen und „Konversationsheften“. Andererseits ermöglichte die Strenge des Vaters dem kleinen Ludwig sowohl einen Berufseinstieg als auch einen sozialen Um- und Aufstieg, der ohne diesen Drill nicht möglich gewesen wäre.

      Am 26. März 1778 veranstaltete „der Churköllnische Hoftenorist“ Johann van Beethoven ein Konzert von „zwey seiner Scholaren“, als einer davon trat „sein Söhngen von 6 Jahren […] mit verschiedenen


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