Beethoven. Peter Wehle

Beethoven - Peter Wehle


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ein Wunderkind haben will.

      Vier Jahre später, mit „echten“ elf Jahren, begann Ludwig seinen Lehrer Christian Gottlob Neefe an der Orgel zu vertreten. Zuerst zur Ehre Gottes, also ohne Bezahlung, rückte Ludwig Jahre später auf die Stelle des regulären zweiten Hoforganisten nach. Mit 13 Jahren sein zweiter Posten, nachdem er bereits ein Jahr vorher Mitglied der Bonner Hofkapelle geworden war, weshalb er nicht nur als Organist, sondern auch als Cembalist und Bratschist am professionellen Musikleben Bonns teilnahm.

      Diese mannigfachen Tätigkeiten ermöglichten es dem jungen Ludwig van Beethoven, Kontakte zu schließen, die sich ihm als bloßen Schulabgänger kaum eröffnet hätten. Dabei spielte sein Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler eine wesentliche Rolle, quasi die erste Geige. Der um fünf Jahre ältere Absolvent des Bonner Jesuiten-Gymnasiums empfahl den nach außen hin früh erwachsenen Ludwig Helene von Breuning als Klavierlehrer ihrer Kinder Eleonore und Lorenz. Ein Glücksgriff – vor allem für Beethoven, denn die jung verwitwete Mutter von vier Kindern bot Ludwig dank ihrer Bildung, aber auch ihrer Großzügigkeit und Güte eine Mischung aus Ersatz-Elternhaus und Institut für Umgangsformen und literarische Erwachsenenbildung, in der Beethoven frei reifen und lernen durfte. Lernen und dabei die Schönheit des Lernens kennenlernen durfte – eine der Erfahrungen, die seine lebenslange Wissbegierde und Diskursfreude prägten.

      Im Gegensatz dazu konnte er von seinem Vater Johann nichts mehr lernen, da sich dieser zusehends in der Kunst der alkoholdurchtränkten Selbstzerstörung übte. Als dann auch noch Beethovens Mutter Maria Magdalena am 17. Juli 1787 an der Schwindsucht, an der Lungentuberkulose, starb, gab es für Johann van Beethoven keinen Halt mehr außer … Johanns und Maria Magdalenas jüngste Tochter Maria Margareta Josepha, also „unseres“ Beethovens jüngste Schwester. Sie war erst Anfang Mai 1786 geboren worden. Aber die Frage, ob vielleicht dieses Kind Johann van Beethoven noch einmal aus seinem Elend hätte herausreißen können, beantwortete das Schicksal auf eine für die damalige Zeit realistische Art – die kleine Maria Margareta Josepha starb ihrer Mutter am 25. November 1787 nach. Aus einer ohnehin schon sehr schiefen Bahn wurde eine wirre Lebenslinie, der entlang Johann van Beethoven in den Abgrund torkelte. Um nicht mit seinen Brüdern mitgerissen zu werden, richtete Ludwig ein ungewöhnliches Bittgesuch an Kurfürst Maximilian Franz, dem am 20. November 1789 stattgegeben wurde.

      „Ad Sup.

      Des Organisten L. Van Beethoven.

      Demnach Se Kurfürstl. Dchlt. dem Supplicant, in der einvermeldeten Bitt ggst willfahren, und desselben Vater, der sich in ein churcolnisches Landstädtchen zu begeben hat, von seinen weitern Diensten hiemit gänzlich dispensiren wollen; mithin. mildest verordnen, daß demselben begehrter maßen nur ein hundert Rthr. von seinem bisherigen jährlichen Gehalt künftig, und zwar im Anfang des eintretenden neuen Jahrs, ausgezahlt werden, das andere 100 Thlr. aber, seinem supplicirenden Sohn nebst dem bereits genießenden Gehalt von gedachter Zeit an zugelegt seyn, […] für die Erziehung seiner Geschwistrigen, abgereicht werden soll […]

      Urkund. p.

      Bonn den 20. November 1789.“

      Nun, ab 1790, bekam Ludwig van Beethoven neben seinem eigenen Gehalt zusätzlich die Hälfte der 200 Reichstaler ausbezahlt, die sein schwer alkoholkranker Vater als soziale Zuwendung erhalten hatte. Wie weit die Androhung von dessen Verbannung „in ein churcolnisches Landstädtchen“ ernst gemeint war, lässt sich nur schwer erahnen – auf jeden Fall blieb Johann van Beethoven, auch dank der Fürsprache seines Sohnes Ludwig beim Kurfürsten, in Bonn.

      Am 18. Dezember 1792 endete Johann van Beethovens Lebensweg, knapp nach seinem 52. Geburtstag. Ob ihm seine übermäßige Neigung zum Trinken durch den väterlichen Weinhandel in die Wiege gelegt worden war oder ob er sie von der Mutter ererbt hatte, war und ist aus der Sicht seiner Familie irrelevant.

      Auch wenn sich Gottfried Fischer in seinen Aufzeichnungen über Beethovens Jugend zu erinnern glaubte, dass Johann van Beethoven lediglich „in Gesellschaft, da nicht oft geschah, ein wenig zu viel getrunken hat“, so berichtet er auch, dass „die drey Knaben […], nemmlich Lutwig, Kaspar, Nikola sehr auf die Ehr ihre Aelteren betacht waren“. Wenn sie von einer dieser „Trink-Gesellschaften“ erfahren hatten, „so waren sie alle drey gleich da besorg und suchten ihr Pappa auf die feinste art, um das es nur kein Aufwannt gab, im stille nach Hauß zu begleiten“.

      Egal ob Johann van Beethoven ein Tyrann war, der im Rausch sein Kind misshandelte, ein Vater war, der nur das Beste für seinen Sohn wollte und deshalb über die erzieherischen Stränge – mit erzieherischer Strenge – schlug, oder ob er, nach heutiger Sicht, lediglich ein schwerer F10-Patient („Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“) war, egal, welchen Standpunkt man einnehmen mag – Johann van Beethoven hatte sein Ziel erreicht. Er starb nicht als Ludwig van Beethovens Sohn, sondern als dessen Schöpfer.

      DER ZEIT IHR GENIE, DEM GENIE SEINE ZEIT

      Beethovens spätere Überzeugung, nur durch – manchmal heroische – Aufopferung für die Musik seine wahre Daseinsberechtigung erreichen zu können, mag in Teilen auf die Härten der Kindheit und Jugend zurückzuführen sein.

      Es mögen manche seiner frühen Lehrer ähnliche Ideen gepredigt haben, aber Christian Gottlob Neefe tat dies wohl kaum. Der absolvierte Jurist und vielseitige Musiker war als Komponist und Musikdirektor ans kurfürstliche Nationaltheater nach Bonn gekommen, wo er 1781 dem bisherigen Hoforganisten Gilles van den Eeden nachfolgte. Zu Neefes neuen Pflichten gehörte der Unterricht der jungen Musiker wie Beethoven, dessen außergewöhnliche Begabung Neefe natürlich erkannte und entsprechend förderte. Denn Christian Gottlob Neefe war ein perfektes Geschöpf seiner Zeit, der Aufklärung. Als Mitglied des Illuminatenordens und, nach dessen Auflösung, Gründungsmitglied der Bonner „Lesegesellschaft“ sowie Freimaurer vertrat er die Ansicht, dass Musik zur geistigen Veredelung der Menschheit einen wichtigen Beitrag leiste, dass aber diejenigen, die zu dieser Veredelung hilfreich beitrügen, nur dank ihrer Begabung und ihres Fleißes, nicht aber aufgrund ihres Standes oder gar ihrer finanziellen oder sonstigen oberflächlichen Rahmenbedingungen dazu geeignet seien und entsprechend unterstützt werden müssten.

      Ein Glück für Ludwig … und alle, die seine Musik verehrten und verehren. Denn der junge Mann hatte weder das Aussehen noch das Naturell, das dem Klischee eines Genies entsprach. „Kurz getrungen, breit in die Schulter, kurz von Halz, dicker Kopf, runde Naß, schwarbraune Gesichts Farb, er ginng immer was vor übergebükt.“ – laut Gottfried Fischer wurde Ludwig van Beethoven eben wegen seines Teints „Spagnol“, Spanier, genannt. Auch sein Wesen war nicht geschaffen, Begeisterungsstürme auszulösen.

      „Lutwig v: Beethoven war am Morgen auf seinem schlafzimmer, nach dem Hof zu, und lag an der Fänster und hat sein Kopf in beide Hännde gelegt und sah ganz ärnsthaft starr auf einen Ffläcken hinn. Cicilia Fischer kam über den Hof vorbey, sagte ihm, wie sichs aus, Lutwig, erhielt kein Aantwort, sie sagt, kein gut Wätter bey dir, kein antwort. Nachhehr fragte sie ihn mal, was das beteute, kein antwort ist auch antwort.

      Er sagte, O Nein, das nicht, entschultige mich, ich war da, in einem so schöne, tiefe Gedanken beschäftig, da konnt ich mich gar nicht stören laße.“

      Neefe aber nutzte geschickt die Wissbegier des jugendlichen Außenseiters und lenkte sein Interesse sowohl auf die – eher trockene – Materie des Generalbasses, des harmonischen Gerüsts mehrstimmiger Musik, als auch auf ein großartiges Lehrwerk. 1783 schrieb Neefe in Carl Friedrich Cramers Magazin der Musik über seinen Schüler: „Er spielt sehr fertig und mit Kraft das Clavier, ließt sehr gut vom Blatt, und um alles in einem zu sagen: Er spielt größtentheils das wohltemperirte Clavier von Sebastian Bach.“

      An diesem Satz ist neben dem Alter des Gelobten – Beethoven ist zwölf Jahre jung – die Tatsache bemerkenswert, dass Bach damals so gut wie vergessen war … also Johann Sebastian Bach. Wohl war in Kenner- und Genie-Kreisen häufig von „Bach“ die Rede, wenn es um einen hervorragenden Komponisten ging, doch meinten Haydn, Mozart und andere damit fast immer die Bach-Söhne Carl Philipp Emanuel oder Johann Christian.

      Aber Neefe schwamm in vielerlei musikalischer Hinsicht gegen den Strom,


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