System des transzendentalen Idealismus. Friedrich Wilhelm Schelling

System des transzendentalen Idealismus - Friedrich Wilhelm Schelling


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es sei das höchste und trage alle jene Charaktere an sich, die einem solchen zukommen.

      Diese Deduktion kann auf sehr verschiedene Art geführt werden. Wir wählen diejenige, welche uns, indem sie die leichteste ist, zugleich den wahren Sinn des Prinzips am unmittelbarsten sehen läßt.

      1. Daß überhaupt ein Wissen möglich sei - nicht dieses oder jenes bestimmte, sondern irgend eines, wenigstens ein Wissen des Nichtwissens, gibt selbst der Skeptiker zu. Wissen wir irgend etwas, so ist dieses Wissen entweder ein bedingtes, oder ein unbedingtes. - Bedingt? - so wissen wir es nur, weil es zusammenhängt mit etwas Unbedingtem. Also kommen wir auf jeden Fall auf ein unbedingtes Wissen (Daß irgend etwas in unserem Wissen sein müsse, was wir nicht wieder aus etwas Höherem wissen, ist schon im vorhergehenden Abschnitt bewiesen.)

      Es fragt sich nur, was man denn unbedingt wisse.

      2. Unbedingt weiß ich nur das, dessen Wissen einzig durch das Subjektive, nicht durch ein Objektives bedingt ist. - Nun wird behauptet, nur ein solches Wissen, was in identischen Sätzen ausgedrückt ist, sei allein durch das Subjektive bedingt. Denn in dem Urteil A = A wird ganz von dem Inhalt des Subjekts A abstrahiert. Ob A überhaupt Realität hat oder nicht, ist für dieses Wissen ganz gleichgültig. Wenn nun also ganz von der Realität des Subjekts abstrahiert wird, so wird A betrachtet, bloß insofern es in uns gesetzt, von uns vorgestellt wird; ob dieser Vorstellung etwas außer uns entspreche, wird gar nicht gefragt. Der Satz ist evident und gewiß, ganz abgesehen davon, ob A etwas wirklich Existierendes, oder bloß Eingebildetes, oder selbst Unmögliches ist. Denn der Satz sagt nur so viel: indem ich A denke, denke ich nichts anderes als A. Das Wissen in diesem Satz ist also bloß durch mein Denken (das Subjektive) bedingte d.h. nach der Erklärung, es ist unbedingt.

      3. Aber in allem Wissen wird ein Objektives gedacht als zusammentreffend mit dem Subjektiven. In dem Satz A = A aber ist kein solches Zusammentreffen. Alles ursprüngliche Wissen geht also über die Identität des Denkens hinaus, und der Satz A = A muß selbst ein solches Wissen voraussetzen. - Nachdem ich A denke, denke ich es freilich als A; aber wie komme ich denn dazu, A zu denken? Ist es ein frei entworfener Begriff, so begründet er kein Wissen; ist es ein mit dem Gefühl der Notwendigkeit entstandener Begriff, so muß er objektive Realität haben.

      Wenn nun alle Sätze, in welchen Subjekt und Prädikat nicht bloß durch die Identität des Denkens, sondern etwas dem Denken Fremdartiges, von ihm Verschiedenes vermittelt sind, synthetische heißen, so besteht unser ganzes Wissen aus lauter synthetischen Sätzen, und nur in solchen ist ein wirkliches Wissen, d.h. ein solches, das sein Objekt außer sich hat.

      4. Nun sind aber synthetische Sätze nicht unbedingt - durch sich selbst gewiß, denn dies sind nur identische oder analytische (2). Soll also in synthetischen Sätzen - und dadurch in unserem ganzen Wissen - Gewißheit sein, so müssen sie zurückgeführt werden auf ein unbedingt Gewisses, d.h. auf die Identität des Denkens überhaupt, was sich aber widerspricht.

      5. Dieser Widerspruch wäre nur dadurch aufzulösen, daß irgend ein Punkt gefunden würde, worin das Identische und Synthetische Eins ist, oder irgend ein Satz, der, indem er identisch, zugleich synthetisch, und indem er synthetisch, zugleich identisch ist.

      Wie wir in Ansehung solcher Sätze, in welchen ein ganz fremdartiges Objektives mit einem Subjektiven zusammentrifft (und dies geschieht in jedem synthetischen Urteil A = B; das Prädikat, der Begriff, repräsentiert hier immer das Subjektive, das Subjekt das Objektive) zur Gewißheit gelangen können, ist nicht zu begreifen,

      a) wenn nicht überhaupt etwas absolut wahr ist. Denn gäbe es in unserem Wissen einen unendlichen Regressus von Prinzip auf Prinzip, so müßten wir, um zum Gefühl jenes Zwangs (der Gewißheit des Satzes) zu gelangen, bewußtlos wenigstens, jene unendliche Reihe rückwärts durchlaufen, was offenbar ungereimt ist. Ist die Reihe wirklich unendlich, so kann sie auf keine Art durchlaufen werden. Ist sie nicht unendlich, so gibt es etwas Absolutwahres. - Gibt es ein solches, so muß unser ganzes Wissen und jede einzelne Wahrheit in unserem Wissen verflochten sein mit jener absoluten Gewißheit; das dunkle Gefühl dieses Zusammenhangs bringt jenes Gefühl des Zwangs hervor, mit dem wir irgend einen Satz für wahr halten. - Dieses dunkle Gefühl soll durch die Philosophie in deutliche Begriffe aufgelöst werden, dadurch, daß jener Zusammenhang und die Hauptzwischenglieder desselben aufgezeigt werden.

      b) Jenes Absolutwahre kann nur ein identisches Wissen sein; da nun aber alles wahre Wissen ein synthetisches ist, so muß jenes Absolutwahre, indem es ein identisches Wissen ist, notwendig zugleich wieder ein synthetisches sein; wenn es also ein Absolutwahres gibt, so muß es auch einen Punkt geben, wo unmittelbar aus dem identischen Wissen das synthetische, und aus dem synthetischen das identische entspringt.

      6. Um die Aufgabe, einen solchen Punkt zu finden, auflösen zu können, müssen wir ohne Zweifel in den Gegensatz zwischen identischen und synthetischen Sätzen noch tiefer eindringen.

      In jedem Satz werden zwei Begriffe miteinander verglichen, d.h. sie werden einander entweder gleich oder ungleich gesetzt. Im identischen Satze nun wird bloß das Denken mit sich selbst verglichen. - Der synthetische Satz hingegen geht hinaus über das bloße Denken; dadurch, daß ich das Subjekt des Satzes denke, denke ich nicht auch das Prädikat, das Prädikat kommt zum Subjekt hinzu; der Gegenstand ist also hier nicht bloß bestimmt durch sein Denken, er wird als reell betrachtet, denn reell ist eben, was durch das bloße Denken nicht erschaffen werden kann.

      Wenn nun ein identischer Satz der ist, wo der Begriff nur mit dem Begriff, ein synthetischer der, wo der Begriff mit dem von ihm verschiedenen Gegenstand verglichen wird, so heißt die Aufgabe, einen Punkt zu finden, wo das identische Wissen zugleich synthetisch ist, so viel als: einen Punkt finden, in welchem das Objekt und sein Begriff, der Gegenstand und seine Vorstellung ursprünglich, schechthin und ohne alle Vermittlung Eins sind.

      Daß diese Aufgabe mit der, ein Prinzip alles Wissens zu finden, identisch ist, läßt sich noch kürzer so dartun. - Wie Vorstellung und Gegenstand übereinstimmen können, ist schlechthin unerklärbar, wenn nicht im Wissen selbst ein Punkt ist, wo beide ursprünglich Eins - oder wo die vollkommenste Identität des Seins und des Vorstellens ist.

      7. Da nun die Vorstellung das Subjektive, das Sein aber das Objektive ist, so heißt die Aufgabe aufs genaueste bestimmt so viel: den Punkt zu finden, wo Subjekt und Objekt unvermittelt Eines sind.

      8. Durch diese immer nähere Einschränkung der Aufgabe ist sie nun auch so gut als gelöst. - Jene unvermittelte Identität des Subjekts und Objekts kann nur da existieren, wo das Vorgestellte zugleich auch das Vorstellende, das Angeschaute auch das Anschauende ist. - Aber diese Identität des Vorgestellten mit dem Vorstellenden ist nur im Selbstbewußtsein; also ist der gesuchte Punkt im Selbstbewußtsein gefunden.

      Erläuterungen

      a) Wenn wir jetzt zurücksehen auf den Grundsatz der Identität A = A, so finden wir, daß wir unmittelbar aus diesem unser Prinzip ableiten konnten. - In jedem identischen Satz, wurde behauptet, werde das Denken mit sich selbst verglichen, was denn ohne Zweifel durch einen Denkakt geschieht. Der Satz A = A setzt also ein Denken voraus, das unmittelbar sich selbst zum Objekt wird; aber ein solcher sich selbst zum Objekt werdender Denkakt ist nur im Selbstbewußtsein. Wie man aus einem Satz der Logik bloß als solchem etwas Reelles herausklauben könne, ist freilich nicht einzusehen, wohl aber, wie man durch Reflexion auf den Denkakt in diesem Satze etwas Reelles, z.B. aus den logischen Funktionen des Urteils Kategorien, und so aus jedem identischen Satz den Akt des Selbstbewußtseins finden könne.

      b) Daß im Selbstbewußtsein Subjekt und Objekt des Denkens Eins seien, kann jedem nur durch den Akt des Selbstbewußtseins selbst klar werden.


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