System des transzendentalen Idealismus. Friedrich Wilhelm Schelling

System des transzendentalen Idealismus - Friedrich Wilhelm Schelling


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des notwendigen Gegensatzes zwischen theoretischer und praktischer Philosophie - den Beweis, daß sich beide wechselseitig voraussetzen, und keine ohne die andere möglich ist, führen müssen, wie ihn die Wissenschaftslehre führt, um auf diese allgemeinen Prinzipien das System beider selbst aufführen zu können.

      Der Beweis, daß alles Wissen aus dem Ich abgeleitet werden müsse, und daß es keinen andern Grund der Realität des Wissens gebe, läßt immer noch die Frage: wie denn das ganze System des Wissens (z.B. die objektive Welt mit allen ihren Bestimmungen, die Geschichte usw.) durch das Ich gesetzt sei, unbeantwortet. Es läßt sich auch dem hartnäckigsten Dogmatiker demonstrieren, daß die Welt doch nur in Vorstellungen bestehe, die volle Überzeugung aber kommt erst dadurch, daß man den. Mechanismus ihres Entstehens aus dem innern Prinzip der geistigen Tätigkeit vollständig darlegt; denn es wird wohl niemand sein, der, wenn er sieht, wie die objektive Welt mit allen ihren Bestimmungen ohne irgend eine äußere Affektion aus dem reinen Selbstbewußtsein sich entwickelt, noch eine von demselben unabhängige Welt nötig finde, welches ungefähr die Meinung der mißverstandenen Leibnizischen prästabilierten Harmonie ist.4 Aber ehe dieser Mechanismus selbst abgeleitet wird, entsteht die Frage, wie wir dazu kommen, einen solchen Mechanismus überhaupt anzunehmen. Wir betrachten in dieser Ableitung das Ich als völlig blinde Tätigkeit. Wir wissen, daß das Ich ursprünglich nur Tätigkeit ist; aber wie kommen wir dazu, es als blinde Tätigkeit zu setzen? Diese Bestimmung muß zum Begriff der Tätigkeit erst hinzukommen. Daß man sich auf das Gefühl des Zwangs in unserem theoretischen Wissen beruft, und dann so schließt: da das Ich ursprünglich nur Tätigkeit ist, so ist jene Gezwungenheit nur als blinde (mechanische) Tätigkeit zu begreifen, ist als Berufung auf ein Faktum in einer Wissenschaft wie die unsrige nicht erlaubt; vielmehr muß das Dasein jener Gezwungenheit aus der Natur des Ichs selbst erst deduziert werden; zudem setzt die Frage nach dem Grund jener Gezwungenheit eine ursprünglich freie Tätigkeit voraus, die mit jener gebundenen Eine ist. Und so ist es auch. Die Freiheit ist das einzige Prinzip, auf welches alles aufgetragen ist, und wir erblicken in der objektiven Welt nichts außer uns Vorhandenes, sondern nur die innere Beschränktheit unserer eignen freien Tätigkeit. Das Sein überhaupt ist nur Ausdruck einer gehemmten Freiheit. Es ist also unsere freie Tätigkeit, die im Wissen gefesselt ist. Aber hinwiederum würden wir keinen Begriff einer eingeschränkten Tätigkeit haben, wenn nicht zugleich eine uneingeschränkte in uns wäre. Diese notwendige Koexistenz einer freien, aber begrenzten, und einer unbegrenzbaren Tätigkeit in einem und demselben identischen Subjekt muß, wenn sie überhaupt ist, notwendig sein, und diese Notwendigkeit zu deduzieren, gehört der höheren Philosophie, welche theoretisch und praktisch zugleich ist.

      Wenn also das System der Philosophie selbst in theoretische und praktische zerfällt, so muß sich allgemein beweisen lassen, daß das Ich ursprünglich schon und kraft seines Begriffs nicht eingeschränkte (obgleich freie) Tätigkeit sein kann, ohne zugleich uneingeschränkte Tätigkeit zu sein, und umgekehrt. Dieser Beweis muß der theoretischen und praktischen Philosophie selbst vorangehen.

      Daß dieser Beweis der notwendigen Koexistenz beider Tätigkeiten im Ich zugleich ein allgemeiner Beweis des transzendentalen Idealismus überhaupt sei, wird aus dem Beweis selbst erhellen.

      Der allgemeine Beweis des transzendentalen Idealismus wird allein aus dem im Vorhergehenden abgeleiteten Satz geführt: durch den Akt des Selbstbewußtseins wird das Ich sich selbst zum Objekt.

      In diesem Satz lassen sich sogleich zwei andere erkennen:

      1. Das Ich ist überhaupt nur Objekt für sich selbst, also für nichts Äußeres. Setzt man eine Einwirkung auf das Ich von außen, so müßte das Ich Objekt sein für etwas Äußeres. Allein das Ich ist für alles Äußere nichts. Auf das Ich als Ich kann also nichts Äußeres einwirken.

      2. Das Ich wird Objekt; also ist es nicht ursprünglich Objekt. Wir halten uns an diesen Satz, um von ihm aus weiter zu schließen.

      a) Ist das Ich nicht ursprünglich Objekt, so ist es das Entgegengesetzte des Objekts. Nun ist aber alles Objektive etwas Ruhendes, Fixiertes, das selbst keiner Handlung fähig, sondern nur Objekt des Handelns ist. Also ist das Ich ursprünglich nur Tätigkeit. - Ferner im Begriff des Objekts wird der Begriff eines Begrenzten oder Beschränkten gedacht. Alles Objektive wird eben dadurch, daß es Objekt wird, endlich. Das Ich also ist ursprünglich (jenseits der Objektivität, die durch das Selbstbewußtsein darein gesetzt wird) unendlich - also unendliche Tätigkeit.

      b) Ist das Ich ursprünglich unendliche Tätigkeit, so ist es auch Grund - und Inbegriff aller Realität. Denn läge ein Grund der Realität außer ihm, so wäre seine unendliche Tätigkeit ursprünglich eingeschränkt.

      c) Daß diese ursprünglich unendliche Tätigkeit (dieser Inbegriff aller Realität) Objekt für sich selbst, also endlich und begrenzt werde, ist Bedingung des Selbstbewußtseins. Die Frage ist, wie diese Bedingung denkbar sei. Das Ich ist ursprünglich reines ins Unendliche gehendes Produzieren, vermöge dessen allein es niemals zum Produkt käme. Das Ich also, um für sich selbst zu entstehen (um nicht nur Produzierendes, sondern zugleich Produziertes zu sein, wie im Selbstbewußtsein), muß seinem Produzieren Grenzen setzen.

      b) Aber das Ich kann sein Produzieren nicht begrenzen, ohne sich etwas entgegenzusetzen.

      Beweis. Indem das Ich sich als Produzieren begrenzt, wird es sich selbst Etwas, d.h. es setzt sich selbst. Aber alles Setzen ist ein bestimmtes Setzen. Alles Bestimmen aber setzt voraus ein absolut Unbestimmtes (z.B. jede geometrische Figur den unendlichen Raum), jede Bestimmung ist also Aufhebung der absoluten Realität, d.h. Negation.

      Aber Negation eines Positiven ist nicht möglich durch bloße Privation, sondern allein durch reelle Entgegensetzung, z.B. 1+0=1, 1-1=0).

      Im Begriff des Setzens wird also notwendig auch der Begriff eines Entgegensetzens gedacht, also in der Handlung des Selbstsetzens auch die eines Setzens von Etwas, was dem Ich entgegengesetzt ist, und die Handlung des Selbstsetzens ist nur darum identisch und synthetisch zugleich.

      Jenes ursprünglich Entgegengesetzte des Ichs entsteht aber nur durch die Handlung des Selbstsetzens, und ist abstrahiert von dieser Handlung schlechterdings nichts.

      Das Ich ist eine ganz in sich beschlossene Welt, eine Monade, die nicht aus sich heraus, in die aber auch nichts von außen hereinkommen kann. Es würde also nie etwas Entgegengesetztes (ein Objektives) in sie kommen, wenn nicht durch die ursprüngliche Handlung des Selbstsetzens zugleich auch jenes gesetzt wäre.

      Jenes Entgegengesetzte (das Nicht-Ich) kann also nicht wieder der Erklärungsgrund dieser Handlung sein, wodurch das Ich für sich selbst endlich wird. Der Dogmatiker erklärt die Endlichkeit des Ichs unmittelbar aus dem Beschränktsein durch ein Objektives; der Idealist muß seinem Prinzip zufolge die Erklärung umkehren. Die Erklärung des Dogmatikers leistet nicht, was sie verspricht. Hätten sich, wie er voraussetzt, das Ich und das Objektive ursprünglich in die Realität gleichsam geteilt, so wäre das Ich nicht ursprünglich unendlich, wie es ist, da es erst durch den Akt des Selbstbewußtseins endlich wird. Da das Selbstbewußtsein nur als Akt begreiflich ist, so kann es nicht erklärt werden aus etwas, was nur eine Passivität begreiflich macht. Abgesehen davon, daß das Objektive mir erst durch das Endlichwerden entsteht, daß das Ich erst durch den Akt des Selbstbewußtseins der Objektivität sich aufschließt, daß Ich und Objekt sich entgegengesetzt sind, wie positive und negative Größen, daß also dem Objekt nur diejenige Realität zukommen kann, die im Ich aufgehoben ist, so erklärt der Dogmatiker die Begrenztheit des Ichs nur so, wie sich die eines Objekts erklären läßt, d.h. die Begrenztheit an und für sich, nicht aber ein Wissen um dieselbe. Das Ich als Ich aber ist nur dadurch begrenzt, daß es sich als solches anschaut, denn ein Ich ist überhaupt nur, was es für sich selbst ist. Bis zur Erklärung des Begrenztseins reicht die Erklärung des Dogmatikers, nicht aber bis zur Erklärung des Selbstanschauens in


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