System des transzendentalen Idealismus. Friedrich Wilhelm Schelling
ee) Beide Tätigkeiten, ideelle und reelle, setzen sich wechselseitig voraus. Die reelle ursprünglich ins Unendliche strebende, aber zum Behuf des Selbstbewußtseins zu begrenzende Tätigkeit ist nichts ohne ideelle, für welche sie in ihrer Begrenztheit unendlich ist (nach dd). Hinwiederum ist die ideelle Tätigkeit nichts, ohne anzuschauende, begrenzbare, eben deswegen reelle.
Aus dieser wechselseitigen Voraussetzung beider Tätigkeiten zum Behuf des Selbstbewußtseins wird der ganze Mechanismus des Ich abzuleiten sein.
ff) So wie sich beide Tätigkeiten wechselseitig voraussetzen, so auch Idealismus und Realismus. Reflektiere ich bloß auf die ideelle Tätigkeit, so entsteht mir Idealismus, oder die Behauptung, daß die Schranke bloß durch das Ich gesetzt ist. Reflektiere ich bloß auf die reelle Tätigkeit, so entsteht mir Realismus, oder die Behauptung, daß, die Schranke unabhängig vom Ich ist. Reflektiere ich auf beide zugleich, so entsteht mir ein Drittes aus beiden, was man Ideal-Realismus nennen kann, oder was wir bisher durch den Namen transzendentaler Idealismus bezeichnet haben.
gg) In der theoretischen Philosophie wird die Idealität der Schranke erklärt (oder: wie die Begrenztheit, die ursprünglich nur für das freie Handeln existiert, Begrenztheit für das Wissen werde), die praktische Philosophie hat die Realität der Schranke (oder: wie die Begrenztheit, die ursprünglich eine bloß subjektive ist, objektiv werde) zu erklären. Theoretische Philosophie also ist Idealismus, praktische Realismus, und nur beide zusammen das vollendete System des transzendentalen Idealismus.
Wie sich Idealismus und Realismus wechselseitig voraussetzen, so theoretische und praktische Philosophie, und im Ich selbst ist ursprünglich Eins und verbunden, was wir zum Behuf des jetzt aufzustellenden Systems trennen müssen.
Dritter Hauptabschnitt. System der theoretischen Philosophie nach Grundsätzen des transzendentalen Idealismus
Vorerinnerung
1. Das Selbstbewußtsein, von dem wir ausgehen, ist Ein absoluter Akt, und mit diesem Einen Akt ist nicht nur das Ich selbst mit allen seinen Bestimmungen, sondern, wie es aus dem vorhergehenden Abschnitt hinlänglich deutlich ist, auch alles andere gesetzt, was für das Ich überhaupt gesetzt ist. Unser erstes Geschäft in der theoretischen Philosophie wird also die Deduktion dieses absoluten Akts sein.
Um aber den ganzen Inhalt dieses Akts zu finden, sind wir genötigt, ihn auseinanderzulegen und in mehrere einzelne Akte gleichsam zu zersplittern. Diese einzelnen Akte werden vermittelnde Glieder jener Einen absoluten Synthesis sein.
Aus diesen einzelnen Akten allen zusammengenommen lassen wir sukzessiv, vor unsern Augen gleichsam entstehen, was durch die Eine absolute Synthesis, in der sie alle befaßt sind, zugleich und auf einmal gesetzt ist.
Das Verfahren dieser Deduktion ist folgendes:
Der Akt des Selbstbewußtseins ist ideell und reell zugleich und durchaus. Durch denselben wird, was reell gesetzt ist, unmittelbar auch ideell, und was ideell gesetzt wird, auch reell gesetzt. Diese durchgängige Identität des ideellen und reellen Gesetztseins im Akt des Selbstbewußtseins kann in der Philosophie nur als sukzessiv entstehend vorgestellt werden. Dies geht auf folgende Art zu.
Der Begriff, von dem wir ausgehen, ist der des Ichs, d.h. des Subjekt-Objekts, zu dem wir uns durch absolute Freiheit erheben. Durch jenen Akt nun ist für uns, die wir philosophieren, etwas in das Ich als Objekt, deswegen aber noch nicht in das Ich als Subjekt gesetzt (für das Ich selbst ist in einem und demselben Akt, was reell gesetzt ist, auch ideell gesetzt), unsere Untersuchung wird also so lange fortgehen müssen, bis dasselbe, was für uns in das Ich als Objekt gesetzt ist, auch in das Ich als Subjekt für uns gesetzt ist, d.h. so lange, bis für uns das Bewußtsein unseres Objekts mit dem unsrigen zusammentrifft, also bis das Ich selbst für uns bis zu dem Punkt gekommen ist, von dem wir ausgegangen sind.
Dieses Verfähren ist notwendig gemacht durch unser Objekt und durch unsere Aufgabe, weil wir, was im absoluten Akt des Selbstbewußtseins absolut vereinigt ist - Subjekt und Objekt - zum Behuf des Philosophierens, d.h. um jene Vereinigung vor unsern Augen entstehen zu lassen, beständig auseinanderhalten müssen.
2. Die Untersuchung wird sich dem Vorhergehenden zufolge in zwei Abschnitte teilen. Vorerst werden wir die absolute Synthesis, die im Akt des Selbstbewußtseins enthalten ist, ableiten, hernach die Mittelglieder dieser Synthesis aufsuchen müssen.
I. Deduktion der absoluten im Akt des Selbstbewußtseins enthaltenen Synthesis
1. Wir gehen von dem im vorhergehenden bewiesenen Satz aus: die Schranke muß zugleich ideell und reell sein. Ist dies, so muß, weil eine ursprüngliche Vereinigung von Ideellem und Reellem nur in einem absoluten Akt denkbar ist, die Schranke durch einen Akt gesetzt sein, und dieser Akt selbst muß zugleich ideell und reell sein.
2. Aber ein solcher Akt ist nur das Selbstbewußtsein, also muß auch alle Begrenztheit erst durch das Selbstbewußtsein gesetzt und mit dem Selbstbewußtsein gegeben sein.
a) Der ursprüngliche Akt des Selbstbewußtseins ist zugleich ideell und reell. Das Selbstbewußtsein ist in seinem Prinzip bloß ideell, aber durch dasselbe entsteht uns das Ich als bloß reell. Durch den Akt der Selbstanschauung wird das Ich unmittelbar auch begrenzt; angeschaut werden und Sein ist ein und dasselbe.
b) Durch das Selbstbewußtsein allein wird die Schranke gesetzt, sie hat also keine andere Realität, als die sie durch das Selbstbewußtsein erlangt. Dieser Akt ist das Höhere, das Begrenztsein, das Abgeleitete. Für den Dogmatiker ist das Beschränktsein das erste, das Selbstbewußtsein das zweite. Dies ist undenkbar, weil das Selbstbewußtsein Akt, und die Schranke, um Schranke des Ichs zu sein, zugleich abhängig und unabhängig vom Ich sein muß. Dies läßt sich (Abschn. II) nur dadurch denken, daß das Ich = ist einer Handlung, in welcher zwei entgegengesetzte Tätigkeiten sind, eine, die begrenzt wird, von welcher eben deswegen die Schranke unabhängig ist, und eine, die begrenzend, eben deswegen unbegrenzbar ist.
3. Diese Handlung ist eben das Selbstbewußtsein. Jenseits des Selbstbewußtseins ist das Ich bloße Objektivität. Dieses bloß Objektive (eben deswegen ursprünglich Nichtobjektive, weil Objektives ohne Subjektives unmöglich ist) ist das Einzige an sich, was es gibt. Erst durch das Selbstbewußtsein kommt die Subjektivität hinzu. Dieser ursprünglich bloß objektiven, im Bewußtsein begrenzten Tätigkeit wird entgegengesetzt die begrenzende, welche eben deswegen selbst nicht Objekt werden kann. - Zum Bewußtsein kommen und begrenzt sein ist eins und dasselbe. Bloß das, was an mir begrenzt ist, sozusagen, kommt zum Bewußtsein; die begrenzende Tätigkeit fällt außerhalb alles Bewußtseins, eben darum, weil sie Ursache alles Begrenztseins ist. Die Begrenztheit muß als unabhängig von mir erscheinen, weil ich nur mein Begrenztsein erblicken kann, nie die Tätigkeit, wodurch es gesetzt ist.
4. Diese Unterscheidung zwischen begrenzender und begrenzter Tätigkeit vorausgesetzt, ist weder die begrenzende noch die begrenzte Tätigkeit die, welche wir Ich nennen. Denn das Ich ist nur im Selbstbewußtsein, aber weder durch diese noch durch jene isoliert gedacht entsteht uns das Ich des Selbstbewußtseins.
a) Die begrenzende Tätigkeit kommt nicht zum Bewußtsein, wird nicht Objekt, sie ist also die Tätigkeit des reinen Subjekts. Aber das Ich des Selbstbewußtseins ist nicht reines Subjekt, sondern Subjekt und Objekt zugleich.
b) Die begrenzte Tätigkeit ist nur die, die zum Objekt wird, das bloß Objektive im Selbstbewußtsein. Aber das Ich des Selbstbewußtseins ist weder reines Subjekt noch reines Objekt, sondern beides