Der wilde Sozialismus. Charles Reeve

Der wilde Sozialismus - Charles Reeve


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in ihm etwas sehen, was die alte Debatte über Föderalismus und Zentralismus erneut auf die Tagesordnung setzte, obwohl die revolutionär-syndikalistischen Organisationen eine radikale Kritik an früherer Politik ausdrückten und vielmehr »Reaktionen auf die wachsende Bürokratisierung der sozialistischen Bewegung und ihre sozialpartnerschaftliche Politik darstellten«.21 Einige Jahre später bestärkten Streiks, die mit ihren insurrektionellen Zügen die europäischen Gesellschaften und Russland erschütterten, die linken marxistischen Minderheiten innerhalb der Sozialdemokratie in ihren Vorbehalten gegen die Unbeweglichkeit und Blindheit der Parteiführungen. Als sie das aus ihrer Sicht Neue an diesen Bewegungen herausarbeiteten, näherten sie sich faktisch den revolutionär-syndikalistischen Strömungen an.

      Rosa Luxemburg, Anton Pannekoek, Herman Gorter und andere, weniger bekannte Figuren wie die holländische Sozialistin Henriette Roland Host (1869–1952), eine gefürchtete Rednerin und Agitatorin des frühen 20. Jahrhunderts, bewiesen Gespür für die Dynamik und den Reichtum einer revolutionären Spontaneität, die sie als neuartige »Massenenergie« verstanden. In Gesellschaften, in denen die sozialistischen Parteien und Gewerkschaften machtvolle bürokratische Apparate geworden waren, musste die Bildung von direkt gewählten, gewerkschaftsunabhängigen Streikkomitees ohne Frage als Anzeichen einer neuen kollektiven Kraft gewertet werden, die mit der Unterordnung unter die Praxis der Gewerkschaften und die herrschende Politik brach.

      Als der linke Flügel der Sozialdemokratie in solchen Streiks »die eigenständige Kraft, das eigenständige Handeln der Arbeiterklasse« entdeckte, ging er zu einer Kritik der institutionalisierten, auf Kompromiss, Versöhnung und Passivität beruhenden Gewerkschaften und der parlamentarischen Politik über, die aufs Engste mit der Bürokratisierung der sozialistischen Parteien zusammenhing. Die deutschen Mehrheitsgewerkschaften lehnten den Gedanken des Massenstreiks 1905 ab und es gelang ihnen auch, ihre Kontrolle über die Ausgebeuteten im legalen und ausgehandelten Rahmen der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse aufrechtzuerhalten. Unterdessen belebten jedoch die während der Russischen Revolution desselben Jahres spontan gebildeten Sowjets als neuartige, horizontal koordinierte Kampforganisationen die Debatte in der Sozialdemokratie. Luxemburgs Schrift Massenstreik, Partei und Gewerkschaften (1906) markierte dabei einen wichtigen Bruch mit den vorherrschenden Auffassungen des sozialdemokratischen Marxismus. Sie beharrte auf dem neuartigen Charakter der Streiks, die von Schottland bis Deutschland und von den Niederlanden bis nach Österreich ausbrachen und mit der Wahl unabhängig von den Gewerkschaften agierender Basiskomitees einhergingen. Diese Streiks, so Luxemburg, entstanden »meistens spontan, jedesmal aus spezifischen lokalen zufälligen Anlässen, ohne Plan und Absicht und wuchsen sich mit elementarer Macht zu großen Bewegungen aus.«22 An die Adresse der Parteiführung gerichtet bemerkte sie, dass »der Massenstreik nicht künstlich ›gemacht‹, nicht ins Blaue hinein ›beschlossen‹, nicht ›propagiert‹ wird, sondern daß er eine historische Erscheinung ist, die sich in gewissem Moment aus den sozialen Verhältnissen mit geschichtlicher Notwendigkeit ergibt«.23

      Wie andere Figuren ihrer Zeit versuchte Luxemburg, die neuen Bewegungen zu begreifen, sie zu charakterisieren und Lehren aus ihnen zu ziehen. Die revolutionäre Energie, die sie an den Tag legten, hatte in ihren Augen mit spontanem Handeln und der Unabhängigkeit von Parteien zu tun – was zugleich die Schwerfälligkeit der großen bürokratischen Apparate deutlich machte, die weiterhin die Repräsentation und Führung der »Massen« für sich beanspruchten. So verteidigte etwa Kautsky als angesehener SPD-Theoretiker weiterhin mit Zähnen und Klauen den institutionellen Weg zum Sozialismus und die Möglichkeit einer Umgestaltung des bürgerlichen Staates: »das Ziel unseres politischen Kampfes bleibt dabei das gleiche, das es bisher gewesen: Eroberung der Staatsgewalt durch Gewinnung der Mehrheit im Parlament und Erhebung des Parlaments zum Herrn der Regierung«.24

      Die Kluft zwischen den beiden Modellen von Vertretung, einerseits durch gewählte Delegierte der Streikkomitees, andererseits durch Parlamentarier, wurde größer und schließlich unüberwindbar. Massen von Arbeitern kündigten den Führern die Gefolgschaft auf und versuchten sich an einer Praxis der Selbstregierung. Ihr Kampfgeist entsprach dem Projekt des revolutionären Syndikalismus, auch wenn dessen Organisationen inzwischen durch harsche staatliche Repression geschwächt waren.

      Das Wüten des Krieges, in den die widersprüchliche Entwicklung des Kapitalismus die europäischen Gesellschaften trieb, erwies sich für die herrschenden Klassen aller Länder als die ersehnte Gelegenheit zur erneuten Festigung ihrer Macht. Nationalistische Hysterie und die aktive patriotische Kollaboration der Sozialdemokratie bereiteten den Manifestationen einer neuen Emanzipationsbewegung ein Ende. Die Ausgebeuteten wurden von der extremen Gewalt des Krieges zermahlen, der Schrecken hatte das Lager gewechselt: Er ging nicht mehr von irrationalen »Massen« aus, sondern von den Herren. »Jetzt fallen Millionen Proletarier aller Zungen auf dem Felde der Schmach, des Brudermordes, der Selbstzerfleischung mit dem Sklavengesang auf den Lippen«, notierte Luxemburg. »Auch das sollte uns nicht erspart bleiben. […] Aber wir sind nicht verloren, und wir werden siegen, wenn wir zu lernen nicht verlernt haben. Und sollte die heutige Führerin des Proletariats, die Sozialdemokratie, nicht zu lernen verstehen, dann wird sie untergehen, ›um den Menschen Platz zu machen, die einer neuen Welt gewachsen sind‹.«25

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