Codename Brooklyn.. Peter Pirker

Codename Brooklyn. - Peter Pirker


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und Personal für Einsätze vorzuschlagen. Im Fall Österreichs taten das etwa der ehemalige Journalist der Wiener Tageszeitung Die Presse, Ferdinand Czernin, und der Sozialwissenschaftler und ehemalige Werbeexperte der Julius Meinl AG, Gregor Sebba. Sie leiteten die Austrian Action, die größte überparteiliche österreichische Exilorganisation in den USA. Auch prominente Exilsozialisten wie Julius Deutsch arbeiteten eng mit der FNB zusammen.106

      Genauso breit wie die Palette der zivilen Berufe waren die politischen Ausrichtungen der Mitarbeiter und die Kontakte, die das OSS pflegte. Im Pool der Organisation gab es Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale, Konservative bis hin zu ehemaligen Vertretern des faschistischen Regimes in Österreich. In der Forschungs- und Analyseabteilung verfassten Vertreter der an Karl Marx und Sigmund Freud orientierten Kritischen Theorie, die deutschen Emigranten Herbert Marcuse und Franz Neumann, ihre ›Feindanalysen‹ zum Nationalsozialismus.107 In der Spionageabteilung entstand ein Zweig, der sich auf die Kooperation mit der europäischen Arbeiterbewegung spezialisierte, die Labor Section unter der Leitung des prominenten Gewerkschaftsanwalts Arthur Goldberg, mit einer sehr aktiven Filiale in London. Auch hier stammte die ursprüngliche Idee zwar von den Briten, als es 1944 aber darauf ankam, die Potenziale von Gewerkschaftern und Linken zu heben, war das OSS wesentlich agiler. In Großbritannien hatte das militärische Establishment Hugh Dalton schon 1942 von der SOE-Spitze verdrängt und war gegenüber der europäischen Linken äußerst skeptisch geblieben.

      In der Propagandaabteilung des OSS arbeiteten Leute wie der Wiener Grafiker Henry Koerner, der sein Handwerk bei Viktor Slama gelernt hatte, dem Produzenten von Wahlplakaten der Kommunistischen Partei Deutschlands in den 1920er-Jahren und der österreichischen Sozialdemokraten. Der Wiener Journalist Eddie Linder schuf im Rahmen der Operation ›Sauerkraut‹ defätistische Flugblätter, Lieder und Sexbilder, die unter Wehrmachtssoldaten verbreitet wurden, um deren Kampfmoral zu senken.108 Das sind nur einige Beispiele für die vielfältigen Möglichkeiten, die das OSS NS-Gegnern aus Europa bot, um einen Beitrag zu den enormen Kriegsanstrengungen der USA gegen die Achsenmächte zu leisten.

      Der deutsche Historiker Christoph Mauch verwendete für die institutionelle Ausformung des OSS die Metapher eines Polypen, der mit vielen Tentakeln in den unterschiedlichsten Bereichen aktiv wurde. Damit betonte er die Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit eines riesigen Apparats, in dem weltweit 23.000 Mitarbeiter, Informanten und Agenten tätig waren.109 Doch während der Polyp seine Greifarme zentral steuert, waren die verschiedenen Abteilungen des OSS in der Praxis sehr stark von eigenständigen Initiativen der Akteure in den Organisationszweigen geprägt, und das setzte sich in den Unterabteilungen bis hinein in die kleinen Operationseinheiten fort, zum Beispiel die German-Austrian Section der Abteilung für Spionage, die 1944 in Bari damit begann, Agenteneinsätze in Österreich zu planen und durchzuführen. Das konnte zwar Leerläufe, Unklarheiten und mangelhafte Koordination mit sich bringen, aus militärischer Sicht wahrscheinlich hochproblematisch und ineffizient, bot aber jene Freiräume, die zu unerwarteten Erfolgen führten.

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      028 Mobilisierung bis in den privaten Haushalt: Plakat des Wiener Grafikers Henry Koerner zur Sammlung von Fettresten für die Produktion von Sprengstoffen, Office of War Information, 1943.

      Die beiden OSS-Rekruten Hans Wijnberg und Fred Mayer lernten einander im Dezember 1943 im Congressional Country Club kennen, einem weitläufigen Anwesen in Maryland nahe Washington, das in den 1920er- und 1930er-Jahren Abgeordneten des Kongresses und Geschäftsleuten als exklusiver Treffpunkt vorbehalten war. Die Regierung wies das Klubhaus dem OSS zu, als ideales Gelände in der Nähe von Washington, um angehende Agenten zu sammeln und einer ersten Ausbildung zu unterziehen. Etwa drei Dutzend Männer hatten in unterschiedlichen Teilen der Armee den Marschbefehl nach Washington erhalten und sich im Club, in der OSS-Terminologie ›Area F‹ genannt, eingefunden. Ihre Nachnamen klangen deutsch, italienisch, skandinavisch, niederländisch, schweizerisch, spanisch. Etliche von ihnen waren jüdische Flüchtlinge, wie George Gerbner aus Budapest, der eine abenteuerliche Flucht von Ungarn über Frankreich, Mexiko und Kuba hinter sich und bis vor wenigen Monaten an der University of California in Berkeley Journalismus studiert hatte.110 Der Feldrabbiner Abraham J. Klausner war unter ihnen, der 1945 einen der ersten Filme über das KZ Dachau drehen sollte.111 Während ihre Biografien durchleuchtet und Informationen über sie eingeholt wurden, durchliefen die Rekruten einen dreiwöchigen Grundkurs. Zeitlich dicht gedrängt, von frühmorgens bis spätabends, sieben Tage in der Woche, ohne jegliche Freizeit, diente der Kurs zudem einem weiteren Aussieben ungeeigneter Kandidaten, die diesem Druck nicht standhielten oder den Eifer für Spezialeinsätze verloren. Die Soldaten bekamen Einführungen in Sicherheitsregeln und Geheimhaltung, das heißt, es wurden intensiv Verhörsituationen nachgestellt und durchgespielt. Die Ausbildner machten sie mit verschiedenen Befragungstechniken vertraut.

      Ein weiterer Schwerpunkt der Ausbildung lag auf der Organisation von Informationsketten, bestehend aus Subagenten, Informanten, Kurieren und Zuträgern, die den Agenten versorgten, aber auch abschirmten. Das Zellensystem wurde unterrichtet, bei dem kleine Einheiten mit anderen über nur jeweils eine Bekanntschaft verbunden sind, um die Folgen einer Aufdeckung möglichst zu begrenzen. Zur Informationsübermittlung lernten die Soldaten verschiedene Kodierungssysteme kennen, wie man in unverfänglichen Briefen Informationen verbirgt, Erkennungssysteme entwickelt, Nachrichtendepots und tote Briefkästen anlegt. Einige, wie der mathematisch gebildete Hans Wijnberg, wurden an Morse-Funkgeräten trainiert.

      Von höchster Bedeutung für das Agieren im Herrschaftsbereich des Feindes war der Umgang mit Helfern, mit Menschen, die einem Agenten bewusst oder unbewusst Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung stellten. Dazu gehörte die Planung von Fluchtrouten ebenso wie sichere Vorgangsweisen beim Wechsel in andere Verstecke, das Verwischen von Spuren, die Aufnahme weiterer Agenten, die Orientierung und das Vereinbaren von Treffpunkten in unbekanntem Gelände.

      Diese Klassiker verdeckten Agierens lernten die angehenden Agenten nicht auf der Schulbank, sondern in praktischen Übungen und immer unter der Devise der kreativen und neuen Anwendung, die von ihnen selbst entwickelt werden musste. Dafür verließen sie bei Tag und Nacht das Gelände des Clubs und übten in der Wirklichkeit. Es ging eben nicht um routiniertes Handeln, sondern um die Aktivierung von Einfallsreichtum je nach Umgebung und das Einüben rascher Risikoabschätzung bei ihrer Umsetzung. Neben diesen Techniken des Verhaltens erhielten die Studenten der Spionage Unterweisung darin, was wertvolle ›Intelligence‹ ist, was wert ist, gewusst zu werden und dafür hohe Risiken auf sich zu nehmen; im Anschluss lernten sie, wie dieses Wissen zu berichten ist. Gezeigt wurden ihnen selbstverständlich die ›Gadgets‹ des OSS, von Pistolen in Zigarrenform bis zu Glühbirnenbomben. Schließlich Techniken des Kampfes im Untergrund: Schießen mit kleinkalibrigen Waffen, Einbrechen, Sabotieren, Zerstören, Sprengkörperapplizieren, Kämpfen mit Messern und bloßen Händen. Am Ende sollten die Agenten schnell auftreten, zuschlagen und töten können. All diese Techniken und Handlungsweisen der subversiven Kriegsführung sind Techniken und Handlungsweisen der Kriminalität. Sie bilden das Terrain, auf dem sich Widerstandskämpfer, Agenten, Schmuggler, Schleichhändler, Schieber, Grenzgänger und ihre Verfolger treffen, und sie bilden den verbotenen Stoff, der uns interessiert.

      Am letzten Abend des Kurses ließen die Ausbildner die Zügel los. Es gab eine Party, freie Drinks, keine Vorschriften, alles erlaubt. Auch das war eine Prüfung. Beobachtet wurde, wie die Rekruten reagieren, wenn der Druck plötzlich abfällt.112 Wer auch diesen letzten Test bestand, bekam den Marschbefehl in das nächste Ausbildungslager. Fred Mayer, Hans Wijnberg und 33 weitere Soldaten, von denen der Großteil deutsche, italienische oder niederländische Familiennamen trug, erhielten die Destination Fort Benning, Georgia, wo sich die Schule für Fallschirmspringen befand.113 In einem vierwöchigen Kurs qualifizierten sie sich durch fünf erfolgreiche Absprünge für das begehrte, hochselektive Abzeichen. Eine weitere Ausbildungsstrecke folgte auf der Insel Catalina vor der kalifornischen Küste – im Wesentlichen Überlebenstraining und Brückensprengen.

      Im Vergleich zur Grundausbildung in der Infanterie hatte die militärische Hierarchie beim OSS einen weit geringeren Stellenwert. Zur Erleichterung von Hans Wijnberg, denn er war nicht sehr gehorsam, nicht als ›Private‹


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