Codename Brooklyn.. Peter Pirker

Codename Brooklyn. - Peter Pirker


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because, of course, no such Austrian unit existed.«132

      Fisher, 39 Jahre alt und Vater zweier Söhne, wurde während einer deutschen Offensive im Dezember 1944 gegen das Partisanenkommando in der Untersteiermark mit einer Gruppe Partisanen von deutschen Soldaten gestellt. Die Deutschen erschossen alle auf der Stelle. Einem Agenten aus Fishers Gruppe, Robert Plan, war die Flucht rechtzeitig gelungen. Er fand das Massengrab, in dem die Deutschen Fisher und sechzehn Partisanen verscharrt hatten, erst im Jahr 1995.133

      Bereits im September und Oktober 1944 wurde den Kommandanten sowohl der SOE als auch des OSS in Süditalien klar, dass der einzig mögliche Zugang von Italien nach Österreich, Süddeutschland, der Tschechoslowakei und Ungarn direkte Fallschirmmissionen waren. Die slowenischen Partisanen sollten nicht mehr durch Waffenlieferungen unterstützt werden – sie weiter zu stärken galt nun als politisch unvertretbar. Zu dieser Einschätzung waren SOE und OSS unabhängig voneinander gekommen. Auf den Punkt gebracht wurden die Erfahrungen Ende November 1944 in einem Papier des Alliierten Hauptquartiers in Caserta. Darin hieß es: »Although the terrain in Austria was ideal for guerilla warfare the people themselves, Nazi-indoctrinated, and very closely policed, prevented any but the most clandestine resistance to survive. Although many attempts were made by SOE and OSS to infiltrate personnel across the Yugoslav border in 1943 and 1944 few survived and those that returned offered little promise for indigenous resistance except for the Slovene minority in C[arinthia] whom it was clearly politically unsound to arm.«134

      Im Sommer hatte OSS-Chef Donovan auch die Koordination von Sabotageeinsätzen in diesen Ländern an Chapin übertragen. Chapins Abteilung war nach Ländern organisiert – die Einsätze in Deutschland und Österreich leiteten John McCulloch und sein Stellvertreter Alfred Ulmer mit einem kleinen Stab an Offizieren und einer Handvoll Agenten, die sie aus den USA mitgebracht oder in Nordafrika rekrutiert hatten.135 Im Oktober 1944 löste Ulmer McCulloch ab. Über ihn liefen nun alle Außenbeziehungen der German-Austrian Section, die für die Abwicklung von Spionageeinsätzen notwendig waren: zur Luftwaffe, zu den Waffendepots, zu den Kriegsgefangenenlagern. Er überblickte alle Planungen seiner Einheit: die Auswahl und Aufnahme von Agenten, ihre Unterbringung und Sicherheit, ihre Vorbereitung auf Einsätze, die Kontrolle ihres Funkverkehrs und die Informationen, die sie sandten. Er traf die Vorentscheidungen über ihr Vorgehen und das Risiko, das sie eingingen. Ulmer war erst 27 Jahre alt, Sohn eines Schweizers und Absolvent der Eliteuniversität Princeton, von Beruf Journalist. Erfahrungen hatte er beim Nachrichtendienst der Navy und in den OSS-Stationen in Istanbul und Kairo gesammelt. Erst im Juni nach Italien gekommen, lastete auf ihm der große Druck, militärisch verwertbare Informationen über Süddeutschland und Österreich auf den Tisch zu bringen. Es war Ulmers erste nachrichtendienstliche Führungsposition, nach 1945 leitete er die CIA-Station in Wien, später war er in Indonesien, Griechenland und Frankreich für den Auslandsgeheimdienst tätig. Er galt als hart arbeitender, schneller Denker, der seine Ziele mit großer Ernsthaftigkeit verfolgte.136

      Die erste direkte Operation nach Österreich, die Mission ›Dupont‹ mit dem Zielgebiet Wiener Neustadt und dem Zweck, die ersten vor Ort gesammelten Informationen über den Großraum Wien nach Bari zu funken, entstammte noch der Planung McCullochs. Dem balkanerfahrenen amerikanischen Offizier Jack Taylor waren drei österreichische Wehrmachtsdeserteure aus dem Zielgebiet zugeordnet. Die Mission stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Abgesehen von den Verwandten der drei gab es keine Kontakte vor Ort. Bereits während der Vorbereitung harmonierten die vier Agenten nicht sonderlich gut. Die Anforderung, das Team vor dem Winter ins Land zu bringen, führte zu einem hohen Zeitdruck. Auftauchende Zweifel wurden beiseitegeschoben. Am 13. Oktober 1944 flogen sie bei Mondfinsternis mit einer polnischen Crew an den Neusiedler See und landeten ›blind‹. Der Abwurf des Containers mit dem Funkgerät ging daneben – die Crew war schlecht vorbereitet. Was mit den Agenten geschah, wusste in Bari bis in das Frühjahr 1945 niemand.137

      Irgendwann im Oktober 1944 war Fred Mayers Geduld zu Ende, und nicht nur seine. Mit Hans Wijnberg, Alfred Rosenthal, George Gerbner und Robert Steinitz schnappte er sich einen Jeep und machte sich auf den Weg nach Caserta, zum Hauptquartier des OSS, um ihren Fall an der militärischen Hierarchie vorbei persönlich vorzubringen. Nicht gebraucht zu werden erschien ihnen nach all der Ausbildung, mit dem Kriegsgeschehen vor Augen und dem Wissen um ihre Geschichte, unvorstellbar. Als Infanteristen irgendwann, irgendwo wie andere amerikanische Soldaten auch eingesetzt zu werden war ihnen zu wenig. In der Kommandostelle des OSS verlangten sie ein Gespräch mit Howard Chapin, von dem sie gehört hatten, dass er Einsätze in Deutschland organisierte. Sie fanden den Weg in sein Büro, schilderten ihm ihre Lage und ihren Wunsch, endlich etwas zu tun, und Chapin, der den Aufbau der German-Austrian Section an der Operationsbasis in Bari kontrollierte, kamen Fred Mayer und seine Freunde wie gerufen. Er kannte die Personalprobleme, die Ulmer an der Operationsbasis in Bari quälten. Die fünf, die vor ihm standen, schienen ihm für Ulmers Unternehmen gerade recht. Chapin ließ sie in das 2677. Regiment überschreiben und stellte ihnen die Transferscheine nach Bari aus.

      Am nächsten Tag traten sie vor Alfred Ulmer an, neben ihm saß ein etwa gleichaltriger Unteroffizier, groß, schmal, ruhig – Dyno Loewenstein, der Mann, der aus ihnen Agenten und aus ihren vagen Vorstellungen konkrete Einsätze machen sollte.138

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       Berliner Zielbestimmung

      Dyno Loewenstein erinnerte sich am 29. Oktober 1976 in einem Gespräch mit Joseph Persico an den ersten Eindruck, den er an diesem Tag, 32 Jahre früher, von Fred Mayer gewonnen hatte: Er ist sehr direkt. Er ist sehr angenehm. Er ist sehr hartnäckig und willensstark. Es ist ihm ernst. Er würde alles tun. Er würde sich opfern – ohne es anzustreben –, aber er würde, wenn nötig, nicht weniger als alles tun, wenn es hilft.139

      Dass es ihnen mit der Sache ernst war, um die es ging, verband Dyno Loewenstein mit Fred Mayer, Hans Wijnberg, Alfred Rosenthal, George Gerbner und Robert Steinitz. Als Loewenstein im Mai 1943 das Bewerbungsformular für das OSS ausfüllte – er war 29 Jahre alt –, kam er zu Punkt 26c: »Führen Sie alle Sportarten und Hobbys an, die Sie interessieren.« Loewenstein schrieb in dieser Reihenfolge: Ökonomische Forschung, Arbeiterorganisation, soziale Gesetzgebung, Bildung, Jugendprobleme. Mit diesen Themen setzte er sich mit einer Ernsthaftigkeit auseinander, die ein in Arbeit und Freizeit, in Beruf und Hobby eingeteiltes Leben nicht kannte.140 Man denkt unweigerlich an Adornos Feststellung »Ich habe kein Hobby« und seine Erklärung, es sei ihm ohne Ausnahme mit allem, mit dem er sich außerhalb des offiziellen Berufs abgebe, so ernst, dass es kein Extra gebe.141

      Adorno sprach den Satz 1969 in einem Vortrag im Deutschlandfunk zu einem Zeitpunkt, als die Arbeiterbewegung zum integralen Funktionsgetriebe der kapitalistischen Produktions- und Konsumationsprozesse geworden war und die Freizeit zwar streng von der Arbeitszeit getrennt wurde, aber ebenso wie diese zur Warenwelt gehörte. Sich seinen tatsächlichen Interessen mit aller Aufmerksamkeit widmen zu können war in der durchökonimisierten Gesellschaft der späten 1960er-Jahre ein Luxus für wenige.

      Dreißig Jahre früher war es für Dyno Loewenstein kein Luxus, sondern dringlich und notwendig gewesen, kein Hobby zu haben. In mehrfacher Hinsicht. Sein Vater, der Berliner Sozialdemokrat und Pädagoge Kurt Löwenstein, widmete sein Leben (1885–1939) vollständig der Frage, wie in der kapitalistischen Gesellschaft Freiräume geschaffen werden können, um Arbeiterkindern die Entwicklung zu freien Menschen zu ermöglichen, zu Menschen, die so weit wie möglich sinnentleerten Tätigkeiten ökonomischer Reproduktion entsagen können, um Zeit zu haben, eine friedliche Gesellschaft ohne Ausbeutung und Ungleichheit praktisch zu erproben. Das hatte Kurt Löwenstein im Sinn, als er 1924 die größte freipädagogische Organisation der Weimarer Republik, die ›Kinderfreunde‹, gründete, als er als Stadtrat für die Einführung einer reformpädagogischen, weltlichen Gesamtschule ohne Religionsunterricht eintrat und von 1920 bis 1933 als sozialdemokratischer Abgeordneter im deutschen Reichsrat saß. Wenn die Kinder den bürgerlichen ›Drillschulen‹ nicht entkamen, sollten sie zumindest am Nachmittag bei den Kinderfreunden und in den Ferien in ›Kinderrepubliken‹, Sommerlagern, die er noch im


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