Follower. Gunnar Engel
Menschen – egal ob gläubig oder nicht – diese Geschichte im Buch Genesis mit nur einem Satz zusammenfasst, erntet man mit ziemlicher Sicherheit große Augen und Kopfschütteln. »Der Gott, der ein solches Opfer fordert, soll dieser liebende Gott sein?«
Ich verstehe diese Frage. Es gehört schon mehr als ein wenig Small Talk dazu, zu verdeutlichen, worum es hier geht. Das war mir bereits bei der Planung des Buchs klar. Und dann wurde mein Sohn geboren. Erst jetzt konnte ich richtig begreifen, was das alles für Abraham bedeutet haben musste.
Wieder stand ich im Krankenhaus. Wieder war ich erschöpft und übermüdet. Wieder hatte ich Tränen in den Augen. Gleichzeitig war aber alles anders. Anni hatte gerade unseren Sohn Titus auf die Welt gebracht. Ich hatte sie noch nie so stark gesehen. Mich erfüllte ein unglaublicher Stolz auf meine Frau. Und nun konnte ich zum ersten Mal unseren Sohn im Arm halten. Es gab keinen schöneren Moment. Ich wusste: Ich werde alles tun, was mir möglich ist, damit dieser kleine Junge behütet und glücklich aufwachsen kann.
Abrahams und Saras Sohn Isaak wurde nach weiteren Jahrzehnten des Wartens geboren, aber Gott hatte sein Wort gehalten. Als Hundertjähriger hielt Abraham seinen Sohn im Arm. Die Verheißung hatte sich erfüllt. Es vergingen einige Jahre, in denen Abraham Isaak aufwachsen sah. Sein Sohn lernte krabbeln, laufen, sprechen. Er wuchs zu einem jungen Mann heran. Ich stelle mir vor, wie Abraham ihn manches Mal aus der Ferne beobachtete und von Stolz und Freude erfüllt war.
In der Bibel folgt dann ein einziger Satz: »Einige Zeit später stellte Gott Abraham auf die Probe« (1. Mose 22,1). Wieder ruft Gott einen Namen: »Abraham!« Und wieder antwortet jemand: »Hier bin ich.«
Mit diesem »Hier bin ich« bringt Abraham eine der größten und am häufigsten missverstandenen Begebenheiten der Bibel ins Rollen.
Die Geschichte der Opferung Isaaks ist keine Geschichte der richtigen oder falschen Handlung Abrahams. Es ist eine Geschichte der Treue Gottes.
Kill your Darlings
Wenn wir vor einer schwierigen Entscheidung oder Situation stehen, ist es wichtig, dass wir zwischen einer Prüfung und einer Versuchung unterscheiden. Gott lässt Prüfungen in unserem Leben zu, um uns in unserem Glauben zu stärken. Versuchungen kommen, um uns zu verführen und zu schwächen. Als Nachfolger werden wir zu verschiedenen Gelegenheiten sowohl Versuchungen als auch Prüfungen verschiedener Art und Größe begegnen. Es sind die Morija-Wege unseres Weges.
Abraham war viele Jahre mit Gott durch alle möglichen Schwierigkeiten und Nöte gegangen. Er hatte auf dem Weg Fehler gemacht, als er der Angst nachgab, aber er hatte auch seinen Glauben bewiesen, indem er dem Herrn gehorchte. Er hatte die Treue Gottes gesehen, der sein Versprechen, ihm einen Sohn zu schenken, gehalten hatte, obwohl es unmöglich schien. Als Sara neunzig und Abraham hundert Jahre alt war, wurde der versprochene Sohn Isaak geboren. Durch diesen Sohn wurden alle anderen Verheißungen, die Gott Abraham gegeben hatte, erfüllt.
Doch dann wurde Abraham von Gott aufgefordert, etwas zu tun, das nicht nur schockierend war, sondern auch seinen Verheißungen für die Zukunft zu widersprechen schien: »Nimm deinen einzigen Sohn Isaak, den du so lieb hast, und geh mit ihm ins Land Morija. Dort werde ich dir einen Berg zeigen, auf dem du Isaak als Brandopfer für mich opfern sollst« (1. Mose 22,2).
Es hatte so lange gedauert, bis Abraham diesen Sohn in den Armen halten konnte, und nun sagte Gott ihm, er solle ihn opfern. Die nächsten Worte versetzen mich immer wieder in Erstaunen. »Am nächsten Morgen stand Abraham früh auf. Er sattelte seinen Esel und nahm seinen Sohn Isaak sowie zwei seiner Diener mit. Dann spaltete er Holz für das Brandopfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den Gott ihm genannt hatte« (Vers 3).
Wahrscheinlich rotierten Abrahams Gedanken, während er versuchte, diese Anweisung Gottes mit seinen bisherigen Verheißungen in Einklang zu bringen:
Von dir wird ein großes Volk abstammen. Ich will dich segnen und du sollst in der ganzen Welt bekannt sein. Ich will dich zum Segen für andere machen. Wer dich segnet, den werde ich auch segnen. Wer dich verflucht, den werde ich auch verfluchen. Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet werden.
1. Mose 12,2-3
Wie konnte all das geschehen, wenn Isaak tot war? Er war nicht nur für Abraham wichtig, sondern auch für die Erfüllung der Verheißungen Gottes. Dennoch war der Auftrag eindeutig: Abraham sollte Isaak opfern. Die Bezeichnung »deinen einzigen« macht deutlich, dass es um Isaak als Sohn der Verheißung ging. Ismael war zwar ebenfalls Abrahams Sohn, aber nicht der, durch den sich das Versprechen erfüllen sollte.
Auf den Morija-Wegen der Nachfolge werden Unverständnis und Treue einander gegenübergestellt. Wo musstest du etwas aufgeben, um Gott nachzufolgen? War es eine Beziehung, die enden musste? Oder der Abschied von einem Ort, von dem du dachtest, dass du zu ihm berufen wurdest? Das führt zu Unverständnis. Doch Unverständnis ist niemals eine akzeptable Entschuldigung dafür, etwas nicht zu tun, was Gott uns aufträgt.
Gott liebt uns und hat einen Plan und Zweck für unser Leben. Auch wenn wir vielleicht ein besseres Verständnis dafür haben wollen, wie alles funktionieren wird, schuldet Gott uns keine weiteren Erklärungen. Nachfolge bedeutet, dass wir tun, was er sagt, wann er es sagt, ob wir es verstehen oder nicht.
Abraham ist ein perfektes Beispiel dafür. Obwohl er nicht verstand, warum Gott ihn aufforderte, Isaak zu opfern, tat er genau das, was Gott ihm gesagt hatte.
Abrahams Glaube an Gott war unerschütterlich. Zu seinen Dienern sagte er: »Wartet hier mit dem Esel auf uns! … Der Junge und ich werden noch ein Stück weitergehen. Dort oben werden wir Gott anbeten und dann zu euch zurückkommen« (1. Mose 22,5).
Abraham ging fest davon aus, dass er und sein Sohn gemeinsam wieder vom Berg herabsteigen würden. Was für ein Vertrauen! Abrahams Glaube an Gott war so stark, dass er dachte: Selbst wenn ich Isaak opfern muss, so wird Gott ihn wieder zum Leben erwecken, um seine Verheißungen zu erfüllen (Hebräer 11,17-19).
Ich frage mich, was Isaak auf dem Weg zur Bergspitze gedacht hat. Er stellte nicht viele Fragen und gab sich mit den Antworten seines Vaters zufrieden. In gewisser Weise ist er ein kleines Abbild Abrahams. Er gehorcht seinem Vater, wie Abraham seinem göttlichen Vater gehorcht. Auf dem Berg angekommen, lässt er sich auf den Altar legen. Dass er hier zu einem zukünftigen Blick auf Jesus wird, der sich ja wirklich bis zum Tod geopfert hat, liegt nur zu deutlich auf der Hand. Im letzten Moment schenkt Gott die Lösung und erlöst Abraham und Isaak aus der Anspannung des Gehorsams. Abraham hat die Prüfung bestanden und wird von Gott gelobt und beschenkt. Jetzt bleibt nur noch die Frage, wie er das Ganze Sara erklären soll …
Nicht alle Menschen erfahren diese Erlösung, wie Abraham sie im letzten Moment erlebt hat. Gerade am Sterbebett treffe ich Menschen, die ihren letzten Weg gehen und die ganze Not eines dunklen Weges durchleiden. Manches waren sie bereit auf dem Berg Morija zu opfern. An anderes klammern sie sich mit letzter Kraft.
An einem Morgen saß ich am Bett einer sterbenden Frau. Mein Telefon hatte an diesem Tag schon früh geklingelt und ich war wenig glücklich über den Anruf. Ich sollte zu einer sterbenden Frau kommen, die ich nicht kannte. Ich wusste, dass es emotional anstrengend werden würde, und hatte eigentlich schon andere Dinge für den Morgen geplant. Doch die Pflicht rief.
Eine halbe Stunde später hielt ich ihre Hand. Sie war faltig und ein wenig kalt. Ihre Augen drifteten immer wieder hin und her. Ich betete. Ich fragte mich, ob sie mich überhaupt bemerkt hatte, als sie mich mit einem Mal mit einem klaren Blick anstarrte. Ich spürte eine kleine Gänsehaut. »Gott ruft mich. Aber ich kann nicht loslassen.« Die Worte kamen ganz leise über ihre Lippen. Ich beugte mich weiter vor und sie sagte es noch einmal. »Ich kann nicht loslassen.«
An was klammerst du dich mit aller Kraft? Was hast du so fest in deiner Hand, dass du sie nicht mehr für Gott öffnen kannst? Gott will dir nichts wegnehmen, sondern dir etwas Besseres geben. Er will sehen, dass du ihm vertraust. Du sollst nicht mitten auf dem Weg stehen bleiben, wenn Gott noch ein größeres Ziel für dich vorbereitet hat. Hast du dich an einem Ort niedergelassen, den Gott für dich vorgesehen hat? Schlag dein Lager nicht auf, bis du dort bist, wo